laut.de-Kritik

Ein etwas zu hastig gezogener Schlussstrich.

Review von

2 Chainz ist einer der wenigen Rapper, denen es über ihre gesamte Karriere gelingt, sowohl kontinuierlich den Respekt der Alteingesessenen einzuheimsen, als auch aktiv den jungen Wilden dabei zu helfen, den Zeitgeist zu formen. Egal ob De La Soul, Kanye West, Travis Scott, Run The Jewels, Tech N9ne oder sein Mentor Lil Wayne: Nahezu jede*r Rapper*in unter der Sonne hat bereits mit dem Mann aus Georgia zusammengearbeitet. Wieso? Weil er mit etwas gesegnet ist, das einem großen Teil seiner Zeitgenossen abgeht und nahezu garantiert jeden Song aufwertet: Charisma.

Das ist aber natürlich nicht sein einziger Selling-Point. 2 Chainz ist, entgegen der Erwartungen, die sein alter Moniker Tity Boi schürte, ein großartiger Rapper, der sich in nahezu jeder Gangart des modernen Hip Hop pudelwohl fühlt. Gib dem Mann einen guten Beat und er macht einen noch besseren Song daraus. Über die Jahre stellte er dies nicht nur mit starken Features, sondern auch mit einem Run an runden und vor allem abwechslungsreichen Projekten eindrucksvoll unter Beweis, obwohl die Lorbeeren zu Beginn seiner Karriere auf sich warten ließen.

Spätestens seit "Pretty Girls Like Trap Music wissen wir aber alle, dass 2 Chainz durchaus in der Lage ist, ein kohärentes State Of The Art-Album vorzulegen, das dem Sound, dessen er sich annimmt, mit Wortwitz und hörbarem Spaß an der Musik und neuen Ideen gerecht wird. Ohnehin wenn im der Kern der LP ein so charakter-basiertes Subgenre steht wie Trap. Das wirft die Frage auf, was man dann im Umkehrschluss von einem Album erwarten darf, das Chainz selbst als sein letztes in dieser Sparte ankündigt? Wie auch immer immer man darauf antworten mag, "Dope Don't Sell Itself" wird einen am Ende wahrscheinlich enttäuschen.

Das Album ist nämlich keineswegs die pompöse Ehrenrunde oder das hakenschlagende Closing Statement, das die bisherige Diskographie des Rappers aus Georgia vermuten ließe. Vielmehr fühlt es sich an, wie ein etwas zu hastig gezogener Schlussstrich. Es ist nicht nur 2 Chainz' mit Abstand kürzestes Album geworden, es ist auch sein inhaltlich inkonsequentestes. Über weite Strecken vermisst man den Hunger, den Humor, das ach so sagenumwobene Charisma des 44-Jährigen, der hier zunehmend auf Autopilot schaltet und den zahlreich geladenen Features und Produzenten die Bühne überlässt.

Die machen ihren Job dafür allerdings größtenteils ganz ordentlich. Lil Baby wagt auf "Kingpen Ghostwriter" einen hörenswerten Versuch, seinen großartigen Acapella-Moment auf Drakes "Wants & Needs" zu rekonstruieren, 42 Dugg und YoungBoy Never Broke Again können zur Zeit ohnehin nur wenig falsch machen, und Underground Spitter Stove God Cooks rechtfertigt auf "Vlad TV" mit dem kältesten Verse der LP einmal mehr seine Connections zur Griselda-Crew. Einzig ein sehr unambitionierter Swae Lee und Roddy Ricch, der so verschnupft klingt, dass man meinen könnte, er hätte für seinen Part auf "Outstanding" seinen Arzttermin geschwänzt, fallen negativ ins Gewicht.

Böse Zungen munkelten schon immer, dass ein 2 Chainz-Song mit dem Beat steht und fällt. Was in der Vergangenheit aber noch missgünstige Hyperbole war, trifft hier auf den schwächeren Momenten des Album durchaus zu. Ist die minimale Klangkonstruktion auf dem Südstaaten Stripper-Anthem "Pop It" noch Sinn der Sache, tönen die knöchernen Instrumentals von "Outstanding", "Caymans" und "Lost Kings" uninspiriert genug, um selbst den gelungene 16er zur Hintergrundmusik zu degradieren.

Im Umkehrschluss sind es dann auch die Momente, in denen etwas lebhaftere Beats 2 Chainz dazu verhelfen, zu gewohnter Stärke zurückzufinden. "Bet It Back" legt die Latte diesbezüglich bereits zu Beginn sehr hoch. Mit einem stotternden Sample und einer hypnotischen Bassline legt Produzent WomaticTracks einen unorthodoxen Grundstein, den Chainz prompt mit dem Vorschlaghammer einreißt.

"Million Dollars Worth Of Game" heißt ein weiteres absolutes Highlight, nicht nur auf diesem Album, bis dato auch in Chainz' gesamten Spätwerk. Es ist einer der besten Songs, die er in den letzten Jahren veröffentlichte. Sein Back and Forth mit 42 Dugg ist so organisch, man könnte meinen, die beiden würden einander schon seit Kindestagen die Silben zuspielen. LilJus Beat bietet dafür auch die perfekte Kulisse. Die verzerrten Flöten klingen nach Bollywood in der Trap. Crasht der monströse Bass erstmal die Party, tanzen die beiden um kochendes Crack und Ziplock-Bags. Wem da nicht die Nackenmuskulatur zuckt, der ist mit diesem Album ohnehin falsch abgebogen.

Auch auf BuddahBless ist Verlass. Auf "10 Bracelets" holt er zur Freude YoungBoys erneut die Flöten heraus, auf "Kingppen Ghostwriter" lässt er die Keys wie Hummeln um Chainz und Lil Baby herum surren. Gerade letztgenannter Song ist ein Paradebeispiel für den Chainz, der weiten Strecken seines siebten Albums abgeht. "Didn't have no A.C. on, all we had was only fans": Der Mann kann so clever und lustig ist, wenn er sich denn Mühe gibt.

Über weite Strecken von "Dope Don't Sell Itself" klingt es jedoch so, als täte er genau das nicht. Es fühlt sich so an, als springe 2 Chainz in den dreißig Minuten von einer Idee zur nächsten, bevor er die erste überhaupt zu Ende denken konnte. "Free B.G." oder der "Laffy Taffy"-Flip "Neighbours Know My Name" sind die offensichtlichsten, aber noch verkraftbaren Beispiele dafür, "Lost Kings", "Caymans" oder der peinlich nichtssagende und deplatzierte Sex-Jam "If You Want Me Do" tun da schon deutlich mehr weh. Sie alle klingen wie Songskizzen, wie Demos die Tauheed Epps an einem Nachmittag abfrühstückte, um sich vollends dem widmen zu können, wohin zukünftig sein Herzblut fließen soll.

"Vlad TV" gibt uns einen Vorgeschmack wie das klingen könnte. Es ist der längste und kompletteste Song auf "Dope Don't Sell Itself", auf dessen Text wohl auch der Albumtitel zurückzuführen ist. LordQuest bereitet einen klassischen, mit Chor-Vocals garnierten Klangteppich aus, der wohl so ziemlich jedem noch so schnäkigen Hip Hop-Geschmack gerecht werden dürfte. Stove God Cooks, Symba und 2 Chainz machen es sich darauf bequem und liefern alle, ohne die Hütte anzuzünden, oder das Rad neu zu erfinden, solide Verses, die die vorigen schwächeren Momente des Albums etwas relativieren.

Auch wenn "Vlad TV" nicht der alleinige Höhepunkt des Albums ist, so lässt sich unschwer überhören, dass 2 Chainz Fokus bereits auf seinem nächsten Langspieler zu liegen scheint und er während der Aufnahmen teils nur physisch im Studio anwesend war. Das ist schade, denn von einem Rapper wie ihm, durfte man ein größeres artistisches Statement erwarten, um diesen bedeutsamen Abschnitt in seiner Karriere zu Ende zu bringen. Auf der anderen Seite stimmt diese Aufbruchstimmung auch ein wenig optimistisch. Wenn auch nicht hier, so könnte uns mit 2 Chainz nächstem Album tatsächlich wieder etwas ganz Großes bevorstehen.

Trackliste

  1. 1. Bet It Back
  2. 2. Pop Music (feat. BeatKing & Moneybagg Yo)
  3. 3. Kingpen Ghostwriter (feat. Lil Baby)
  4. 4. Outstanding (feat. Roddy Ricch)
  5. 5. Neighbours Know My Name
  6. 6. Million Dollars Worth Of Game (feat. 42 Dugg)
  7. 7. Free B.G.
  8. 8. 10 Bracelets (feat. YoungBoy Never Broke Again)
  9. 9. Lost Kings (feat. Lil Durk & Sleepy Rose)
  10. 10. Caymans (feat. Swae Lee)
  11. 11. Vlad TV (feat. Stove God Cooks, Symba & Major Myrah)
  12. 12. If You Want Me To (feat. Jacquees)

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2 Kommentare

  • Vor 11 Monaten

    Muss der Review zustimmen. Die erste Hälfte ist sehr stabil und ich war überrascht, wie stark 2 Chainz mal wieder war, kamen die letzten Alben mir eher mittelmäßig bis gut rüber. Danach driftet das ganze in so eine Richtung ab, die mich eher an das letzte Xatar-Album erinnert, Experimente der Experimente wegen, irgendwas, um das Album zu füllen. Gerade 2 Chainz hätte wegen mir, und auch zu seinen Verbidnungen zu GOOD Music, auch ein 7-Track-Album á la Pusha T oder Kids See Ghosts machen können. Weil so viele Songs kann man rausstreichen.

  • Vor 11 Monaten

    This album could have been a Mixtape. Should have been.

    Wirklich schlecht ist das Ergebnis nicht, aber in Summe wirkt es doch recht lieblos runtergespult. Auch wenn diese 1,5 Minuten Tracks ja leider überhand nehmen, wirkt es in dieser generischen Ausführung noch liebloser.

    Ich bin trotzdem sehr positiv gestimmt hinsichtlich dem, was Toni in Zukunft bringen wird. Dass er hier Stove God Cooks ein Feature gibt und seine Auftritte bei AZ und den Griselda Jungs zeigen ja schon an, wohin die Reise musikalisch gehen könnte.