laut.de-Kritik

"Wir haben's geschafft aus der Höhle in Villen."

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Farid Bang schmollte. Als der erfolgsverwöhnte Rapper im Frühjahr seinen Song "Ba3t" unter ferner liefen in den Spotify-Playlisten für Deutschrap wiedergefunden hat, klagte er über die interne Politik der Plattform, die "Schlagersänger" bevorzuge. Nun soll der Gegenangriff folgen. Mit Capital Bra okkupiert der "X"-Rapper kurzerhand den Titel der bekannten Playlist "Deutschrap Brandneu" für ein gemeinsames Werk, auf dem sie auch musikalisch ihre Kräfte bündeln. Doch obwohl der Banger und der Bratan eine ganz ähnliche Klientel ansprechen, harmonieren die beiden in keiner Weise.

Statt mit einem breitbeinigen Representer einzusteigen, probieren sich die beiden Rapper an einer Spielart, die sie überhaupt nicht beherrschen. "Karma" beginnt mit einem Drohanruf und wächst sich zu einem wirren Storyteller aus. Eine "falsche Fotze" hat wohl etwas verbrochen und nun herrscht Krieg mit einem "Nuttensohn". Zwischendurch schieben sie weitere Telefonate ein, die sich um ungezählte Bruderherzen und geküsste Augen drehen. Das Unterhaltsamte an diesem witzlosen Szenario ist noch der Nachrichtensprecher, der berichtet, dass die Rapper auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren.

Wie wenig sich die beiden Mühe geben, das Comic-Konzept des Artworks umzusetzen, lässt sich an "Joker Bra & Bane" erkennen. "Thanos wird von Bane gebangt. Er hat ihn abgezogen und mir sein' Ring geschenkt. Jetzt könnt' ich alles machen, wenn ich schnips'. Schwör' auf alles, nicht mal dann kauf' ich mir Klicks." Oberflächliches Wissen über das Marvel-Universum reicht, um hier die fehlende innere Logik festzustellen. Capital Bra gelingt das Kunststück, sein anarchisches Potenzial nie auszuschöpfen und gleichzeitig mit Adlibs, Lachen und Unterbrechungen extrem an den Nerven zu zerren.

Die widersprechenden Elemente fügen sich fast nie zu einem schlüssigen Werk zusammen. In "Molotov" führt Capital Bra durch seinen mit edlen Marken bestückten Kleiderschrank, während der plötzlich antikapitalistische Kollegah gegen die "Dreckskonzerne" wettert. "Renn Renn" trumpft damit auf, dass von der "Shisha-Bar bis LKA-Zentrale" jeder ihre Namen kenne, doch Haftbefehl bedient sich trotzdem einem lachhaften Underdog-Gehabe, das sich von den "Popstars" abgrenzt. Und auf einem trübsinnigen Instrumental wirkt Farid Bang neben einem humorbefreiten Ngee völlig deplatziert.

Das Gros der Stücke setzt auf die typischen opulent gemeinten Beats von Kyree, B-Case oder Johnny Illstrument, die genauso vor fünf Jahren hätten erscheinen können. "Halt Die Zeit An" bildet die Spitze der Peinlichkeit. Gedankenversunken lädt es dazu ein, die Arme von links nach rechts zu bewegen, womit es die gewünschte Botschaft stützt, es handele sich um einen 'ernsten' Song. "Wir ziehen Kokain mit Weibern, Mode von Designern, bitte halt' die Zeit an", verkündet Capital Bra dann nur in seinem charakteristischen Singsang: "Vielleicht schießt einer von den Neidern beim Vorbeifahren."

Überhaupt nur zwei stimmige Songs bringt das dynamische Duo auf "Deutschrap Brandneu" zu Stande. Deutlich hörbar nimmt Farid Bang für "Das Böse Gewinnt" die Zügel in die Hand. Zum düsteren Instrumental freuen sich die beiden ebenso stumpf wie selbstironisch über erzielte Erfolge: "Wir haben's geschafft aus der Höhle in Villen." Zugleich parodiert Farid Bang die Unvereinbarkeit eitler Selbstdarstellungen in sozialen Netzwerken und dem stets herausgestellten kriminellen Streetlife: "Ich mach' Waterboarding zur TikTok-Challenge."

Ungeahnt aufrichtig treten die beiden Rapper in "Bis Ich Umkippe" auf. Während sich Farid Bang als Jugendlichen skizziert, der sich bereits abgeschrieben hat, rechnet Capital Bra mit seinem heutigen Selbst ab: "Ich bin seit drei Jahren fast jeden Tag drauf. Ich hab' 'ne Frau, die mich nicht liebt, eine Mama, dir mir nicht vertraut." Es geht buchstäblich um Leben und Tod, zwischen denen nur die Musik liegt. Aus Angst vor dem Fall ins Nichts klammern sie sich an Rap, bis sie am Mikro umkippen. So pausiert der Schwachsinn für einen einzigen traurigen Song mit einer Spur Wahrhaftigkeit.

Trackliste

  1. 1. Karma
  2. 2. Molotov (mit Kollegah)
  3. 3. Joker Bra & Bane
  4. 4. Kipp Kipp
  5. 5. Renn Renn (mit Haftbefehl)
  6. 6. Halt Die Zeit An
  7. 7. Banger Und Bras (mit Ngee)
  8. 8. Blender
  9. 9. GOAT (mit Sun Diego)
  10. 10. Das Böse Gewinnt
  11. 11. 3 Mios
  12. 12. Beretta (mit Sanna)
  13. 13. Bis Ich Umkippe
  14. 14. Verflucht
  15. 15. Real St. Germain
  16. 16. Nie Erwachsen Werden

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9 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 6 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 6 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 6 Monaten

    Selbst wenn Farid Bang sich oft despektierlich über Backpacker geäußert hat, so muss man ihm doch Respekt zollen für das, was er für HipHop geleistet hat. Die neue LP ist einfach derbe und fett, auch wenn die Wortwahl mitunter unter die Gürtellinie geht und einige zartbesaitete Zuhörer lieber weghören sollten.

  • Vor 3 Monaten

    Richtiger Schrott. Als Jugendlicher haben wir das noch rauf und runter gehört (Jugendsünden eben) aber heute kann ich mir das nicht mal mehr ansatzweise geben. Man kann es drehen und wenden wie man will: Es ist gewalt- und drogenverherrlichende Musik von zwei Rappern, die der deutschen Sprache nur so lala mächtig sind. Ich habe Gewalt und Drogen immer abgelehnt, als Jugendlicher konnte man das noch ausblenden so lange die "Musik" gestimmt hat, aber heute als ausgewachsener Mann im Arbeitsleben kann ich das nur noch verabscheuen. Außerdem dürfte wohl klar sein, dass Farid und Bra nur noch des Geldes wegen rappen, was sollen die Herrschaften sonst machen? Arbeiten? Ohne Schulabschluss ein schwieriges Unterfangen. Haha.