laut.de-Kritik

Indie-Pop von aristokratischer Größe.

Review von

Ende der 90er war die Party in Paris eigentlich schon wieder vorbei. French Touch, diese eigenwillige Spielart des House hatte mit Daft Punk ihren so logischen wie verdienten Höhepunkt gefunden. Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo waren sowohl die kreative als auch die kommerzielle Speerspitze der Bewegung und plötzlich überall. Produzenten-Tausendsassa Philipe Zdar wurde zum In-Producer des guten Pops, Air machten den Soundtrack für "The Virgin Suicides". Eigentlich kein Platz mehr für Newcomer*innen. Ein Glück für Phoenix, dass sie keine Newcomer waren. Sänger Thomas Mars, die Gitarristen-Brüder Laurent Brancowitz und Christian Mazzalai sowie Bassist Deck d'Arcy gehörten ebenfalls zum integralen Bestandteil der Pariser 90s-Szene. Bevor Bangalter und Homem-Christo zu Robotern wurden, spielten sie mit Brancowitz zusammen unter dem Namen Darlin'.

Sie hatten einfach ein bisschen länger gebraucht, eine richtige Band zu werden. Bis Darlin' sich 1995 auflösten, waren Phoenix ein Trio, alle drei Kindheitsfreunde aus Versailles, mit den Pionieren des French Touch eher geographisch und spirituell verbunden denn musikalisch. Erst die Aufnahme von Brancowitz ermöglichte der Band den nächsten Schritt. Die erste Single erscheint, die Band legt sich auf den Namen Phoenix fest, verdingt sich als Backgroundband für Air. Es ergibt wahnsinnig viel Sinn, sind doch beide Bands beim niederländischen Source-Label unter Vertrag.

Bei so vielen Credentials von den richtigen Leuten ist die Fallhöhe für das Debütalbum natürlich hoch. Im Gegensatz zu den ausufernden Produktionen für ihre späteren Alben wie Ti Amo oder Bankrupt! nimmt sich die Band nur zwei Monate für die Aufnahmen zu "United". Hinter den Reglern? Natürlich Philippe Zdar. Das Resultat ist ein Album, das perfekt zum Ende der Party passt. Phoenix setzen beileibe nicht den Schlusspunkt hinter die französische Houseszene. Daft Punk bleiben eine der größten Bands der Welt, Zdar wird mit den Jahren nur noch gefragter. Doch "United" fängt immer wieder dieses besondere Gefühl ein, das auf Partys vorherrscht, deren Ende in der Luft liegt. Für den French Touch bedeutete dies das Ende der eigenen Underground-Avantgardestellung.

Die Musik auf "United" scheint wie gemacht für diese Atmosphäre. Das gesamte Album ist von einem Geist vergangener Grandeur durchzogen. Es ist so unverschämt französisch, man möchte ihm die weißstrahlenden Zähne raushauen vor lauter Unzulänglichkeit vor dieser Lässigkeit. In Deutschland wird für die Nachbarrepublik ja gerne der Begriff "Grande Nation" verwendet. Ein spöttischer Verweis auf die französische Arroganz und immer weiter sinkende Relevanz. Frankreich, so die deutsche Einschätzung, hält sich verzweifelt an seiner Vergangenheit fest, während der Rest der Welt sich immer weiter dreht. Dieses Spötteln über Frankreich ist letzten Endes nichts weiter als der Wunsch, ihm die Zähne auszuschlagen.

Es ist kein Zufall, dass die unfassbar kitschige Netflix-Serie "Emily In Paris" nicht "Emily In Berlin" hieß. Paris, das ist Modehauptstadt, Zentrum des guten, kultivierten Lebens und Heimat der schönen Menschen. Berlin, das ist Schmutz und Drogen und irgendwie streberhaft. Phoenix, wie schon angedeutet, kommen nicht einmal wirklich aus Paris. Sie kommen aus Versailles. Quasi das Paris in Paris. Nochmal kultivierter. Der eigentliche Nabel der französischen Größe. Eine Stadt, die unzertrennlich mit Ludwig dem XIV., dem Sonnenkönig verbunden ist. Mehr Grandeur geht nicht. Auch wenn einzelne Steine anfangen zu bröckeln, so ist die Größe der Vergangenheit immer noch in der Erinnerung lebendig. Wie ein Geist zieht sie durch die Mauern der Gegenwart.

Dieses aristokratische Erbe äußert sich auf "United" in seiner Beiläufigkeit. Keiner Sekunde dieses Albums ist so etwas wie Schweiß oder die dahinterstehende Arbeit anzumerken. Hier klingt alles nach Sommerhäusern in Küstenregionen und Barockvillen. Deshalb hat die Band auch keinen festen Schlagzeuger, eine Profession, die immer mit schweiß- und testosterongeladenen Rockexzessen verknüpft ist. Saß in den Anfangstagen noch Sänger Thomas Mars hinter den Drums, so wird diese lästige Arbeit an Sessionmusiker*innen oder Drumcomputer outgesourct. Deshalb entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass der rein instrumentelle Opener "School's Rules" mit einem saumäßig trockenen Schlagzeug-Solo beginnt. Die Band ohne Schlagzeuger stellt sich mit einem Schlagzeug-Solo vor. Dazu kommt noch eine klassische 70s-Rock-Gitarre und eigentlich sollte ab hier die Fahrt Richtung Classic Rock-Revival losgehen, mit Bottleneck-Soli und allem Pipapo. Doch darüber legen die Versailler einen wunderbar weichen Synthesizer und signalisieren, dass es ihnen um etwas ganz anderes geht.

"United" dauert zwar nur schlanke 38 Minuten, doch Phoenix probieren sich in allen möglichen Stilrichtungen aus. Alles zusammengehalten von dieser wunderbaren Nonchalance, die immer wieder in Melancholie kippt. "On Fire" verknüpft Soul mit Abba-Chören und trauert wunderbar stilvoll einer vergangenen Liebe hinterher. Während der Chor, getragen von der senegalesischen Sopranistin Julia Sarr, verrucht und angesext daherkommt, trauert Mars einer verflossenen Liebe hinterher. Chor: "Baby!" Mars: "Left me for another!" Er beteuert, dass irgendwann alles "alright, alright, alright" war und er ihr "all the love I got" gab, doch sie ist weg, wie auch die französische Grandeur.

Das Instrumental "Embuscade" bedient sich hingegen bei Filmsoundtracks, arbeitet mit Bläsern, Streichern und Thomas Bangalter am Synthesizer. Hypnotisch zieht das Saxofon Zuhörer*innen in seinen Bann, vier Minuten lang scheint die Welt stillzustehen. Gemächlich mäandert der Song durch die Welt, verknüpft himmlische Streicherarrangements mit Jazzanleihen und zum Abschluss ein kurzer Abstecher zu hallbeladenen Gitarren. Zwischen jeder gespielten Note, jedem erzeugten Ton, scheinen endlose Weiten zu liegen, bevölkert mit kühlen Weißweingläsern und sonnendurchfluteten Wohnzimmern.

Aus diesen Wohnzimmern heraus geht es im Anschluss in die "Summer Days". Hier zeigen Phoenix ihr Händchen für große Popmomente. Beseelt von einem leichtfüßigen Country-Twang imaginiert sich Mars seinen Sommerurlaub herbei, fern von endlosen Autofahrten auf überfüllten Autobahnen. Voller Sehnsucht singt er von der Natur, füttert Pferde, geht segeln und tauchen, findet sich fern von gesellschaftlichen Konventionen wieder. Die Gitarren zirkulieren munter um sich selbst, werfen ab und an ein Classic Rock-Riff ein. Später sollten Phoenix mit "Ti Amo" ein ganzes Album dieser nostalgischen Urlaubssehnsucht widmen. Hier, am Anfang ihrer Karriere, ist es noch ein Ausflug.

Ein Ausflug, der in "Funky Squaredance" endet, einem zehnminütigen Monster von Song. Dreiteilig aufgebaut, eine absurd-anmaßende Aneinanderreihung von Country-Schlager, Trance und 80s-Schwülstigkeit. Der wahre Star sind allerdings weder d'Arcys House-inspirierte Bassläufe, noch die brüderlichen Countrygitarren oder Mars' wunderbar assoziative Texte über die Einsamkeit des Individuums. Es ist das "Musikvideo", wenn man es so nennen möchte. Roman Coppola, Sohn von Francis Ford Coppola und Bruder von "The Virgin Suicides"-Regisseurin Sofia, bekam freie Hand, den Song zu bebildern. Das Resultat ist ein stream of consciousness aus E-Mail-Screenshots, Homevideos und persönlichem Kommentar. Es passt perfekt zur egozentrischen Atmosphäre des Songs, der sich um nichts als um sich selbst schert. Er verweist auf keine Konzepte der Außenwelt, er ist komplett in sich gekehrt.

Jetzt ging es aber lange genug um die Nebensachen. Denn Phoenix wurden keine Art-Rock-Band. Auch leiteten sie kein Country-Revival ein. Wäre auch zu arbeitsbetont gewesen. Phoenix wurden stattdessen die tonangebende Indie-Pop-Band der Nullerjahre. Nicht aufgrund des Cool Jazz-inspirierten Closers "Definitive Breaks" oder dem schwelgerischen "Hollywood". Zwei Song sind dafür verantwortlich. "If I Ever Feel Better" und "Too Young". Beide sind sie durchzogen von Melancholie und Einsamkeit, handeln von der Nichtmöglichkeit der Liebe. Das sind die Songs, zu denen die Party der Daft Punks und Airs ihren Ausklang tanzte. Einjede*r in Gedanken versunken, den Kopf leicht hängend, während die Euphorie verebbt.

"If I Ever Feel Better" ist Indie Disco par excellence. Der Bass bildet French Touch-Rhythmen nach. Die Gitarren füllen Leerräume. Der Drumcomputer bleibt vollständig im Hintergrund. Die Vintage-Synthesizer bringen nochmal Spielfreude dazu. Doch im Vordergrund steht kompromisslos der Text. Thomas Mars gelingen großartige Einzeiler, man möchte sich jeden aufs Herz tätowieren. Der Refrain: "If I ever feel better / Remind me to spend some good time with you / You can give me your number / When it's all over I'll let you know." Ich kann kaum in Worte fassen, wie viel mir diese Zeilen als Teenager bedeutet haben. So habe ich mich gefühlt, nur weniger lässig und mehr verschwitzt. Das Verzehren nach einer implizit versprochenen goldenen Zukunft, in der all das bisher Geschehene Sinn ergeben wird.

Laurent Brancowitz sollte dieses quintessenzielle Phoenix-Gefühl 2010 in einem Interview so beschreiben: "You know this emotion you have when you see a movie that's so beautiful or you hear a piece of music that sounds perfect? It's this kind of anxiety and joy." Dazu noch dieser unverschämte Groove in "Too Young", der wahren Durchbruchssingle auf "United". Auch hier wieder diese Liebe, die einfach nicht funktionieren kann. Die Zeilen "I got a very good friend who says / He can't believe the love I give / Is not enough to end your fears", kombiniert mit den leicht kantigen, tanzbaren Synthesizern und den blubbernden Gitarren, prädestinierten den Song für Großes.

Dieses Große sollte 2003, drei Jahre nach dem Release von "United" kommen. Sofia Coppola setzte den Song in ihrem Film "Lost In Translation" ein, zu dessen melancholischer Atmosphäre er perfekt passte. Der Film wurde ein Hit und mit ihm auch "Too Young". Gerade noch rechtzeitig, um den Namen Phoenix vor ihrem Zweitling "Alphabetical" wieder in alle Munde zu bringen. Der Weltkarriere stand endgültig nichts mehr im Weg. In Zukunft sollten Phoenix nicht nur eine der spannendsten Indie-Pop-Bands des Planeten werden, immer umgeben von diesem Hauch an aristokratischer Grandeur. Sie sollten auch regelmäßige Kollaborateure für die Soundtracks von Sofia Coppola-Filmen werden. Daraus ergab sich 2006 dann der ultimative Phoenix-Moment. In Coppolas "Marie Antoinette"-Verfilmung spielte die Band Hofmusiker aus jener Zeit, in der Frankreich noch so groß war, wie der wunderbar leichte Indie-Pop von Phoenix es immer gewesen ist.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. School's Rules
  2. 2. Too Young
  3. 3. Honeymoon
  4. 4. If I Ever Feel Better
  5. 5. Party Time
  6. 6. On Fire
  7. 7. Embuscade
  8. 8. Summer Days
  9. 9. Funky Squaredance
  10. 10. Definitive Breaks

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