laut.de-Kritik

Nicht ohne meine Placebos!

Review von

Lieber Brian, lieber Stefan! "Never Let Me Go", aber warum sollten wir denn? Das grottenhässliche Muschelneonmüllcover, das lassen wir gerne von dannen ziehen, aber euch doch nicht. Stimmt schon, "Loud Like Love" war nur okay, die Lyrics klangen wie von deutschen Schülerbands, aber hey, jeder darf mal Fehler bzw. mehrjährige Best-Of-Touren machen. Was wäre unsere Jugend ohne Placebo gewesen! Aber die beiden Briten haben den qualitativen Ausreißer nach unten aus dem Jahr 2013 anscheinend nicht besonders gut weggesteckt. Man kann also mit Fug und Recht davon ausgehen, dass "Never Let Me Go" einen gewissen Sonderstatus im Oeuvre der Band einnimmt.

Olsdal und Molko haben sich die Bloodhound Gang zum Vorbild genommen und kommen ohne Drummer als Bandmitglied aus. Das hörte man schon auf der starken Vorabsingle, dem melodischen, auf angenehme Art sklavisch am Bandsound orientierten "Beautiful James" und der zweiten, ebenfalls im Vorjahr erschienenen Single "Surrounded By Spies". Allerdings fühlt sich der lahme und inhaltlich allzu dogmatisch auftretende Track merklich unwohl in der eigenen Haut, es fehlt die zündende musikalische Idee - die Drums sind noch das Beste am Lied. Steve Hewitts Hang zum Dissonanten fehlt zwar trotzdem (der Drummer nicht), Molko und Olsdal kommen aber gut zu zweit zurecht.

Der Opener "Forever Chemicals" fängt windschief an und biegt sich zur souveränen 90er-Alternative-Nummer mit Industrial-Touch und einem gehörigen Schuss Hymne, wie er Placebo schon immer gut zu Gesichte stand. "It's all good / when nothing matters" trällert der scheinbar von Chronos gänzlich unberührte Molko, und obgleich die Nummer druckvoller sein könnte, ist sie doch eine würdige Eröffnung. Molko bleibt als Texter auf Repetition und Eindringlichkeit angewiesen, Dichter wird er in diesem Jahrhundert nicht mehr. Das wird auf "Never Let Me Go" deutlicher als je zuvor, "Hugz" und "Surrounded By Spies" fußen im Wesentlichen auf Mantras. "Hugz" ist ein lebendiges Highlight des Albums, Molko ist spürbar in übellauniger Spielfreude, der Song gerät zwar eindimensional, aber schmissig.

Placebo sind am besten, wenn sie zügellos sie selbst sind - aufdringlich, glatt, refraingeil, hymnisch wie ein barocker Kirchenchor. Denn das Songwriting macht "Happy Birthday In The Sky" keinesfalls besonders gelungen, es ist die konsequente Ausführung ohne jede Scheu und Berührungsangst, die den Song zu einer richtig guten Nummer macht. Molkos Seelenstriptease samt Schmacht-Synthies zum Schluss würde bei wirklich jedem anderen Musiker dieses Planeten Cringe auslösen, hier wirkt das organisch. Ähnliches kann man über die Antwort auf Leonard Cohens Frage "This Is What You Wanted" sagen, das ganz entscheidend vom atmosphärischen Synthesizereinsatz an den genau richtigen Stellen profitiert.

Wer Brian auf der "Meds"-Tour weißgekleidet mit Geigerinnen an seiner Seite sah, weiß, wie vernarrt er in seine Streicherwände ist. "The Prodigal" ist trotzdem kein gescheiter Song, sondern verlässt sich viel zu sehr auf seine Begleitinstrumente, gelangweilt trottet das Schlagzeug dahin, Molko verliert sich im simplen Rhythmus zu einer Stakkato-artigen Vortragsweise; das alles braucht kein Mensch. Es bleibt der einzige Totalausfall. "Try Better Next Time" macht es zwar besser, der Alternative-Rocker bleibt aber nicht im Gedächtnis hängen.

"Sad White Reggae" hingegen ist ein besonders gelungenes Beispiel von Synthesizern auf dem Album, ein druckvoller Pop-Wave-Rock-Song mit beachtlichem Groove. Überhaupt zieht das Album in der Mitte richtig an.

"Twin Demons" ist der mit Abstand beste Song des Albums und Material für zukünftige Best-Of-Touren. Hier berstet der Druck, der manchen Ecken des Albums fehlt, aus allen Rohren und verbündet sich mit einer eingängigen Gitarre zum Hit auf dem Indie-Dancefloor, wenn es die noch gäbe. "Chemtrails" macht dort einfach weiter und schraubt sich todtraurig ("I am sentimental/ and violent") in den Himmel, so dezidiert gitarrenlastig hat man Placebo schon ein Weilchen nicht mehr gehört, ebenso wenig entschlossen und verbittert Molko.

"Went Missing" ist eine ungewohnte Nummer für die Band, die Klavier, Gitarre und Synthies vereint zu einem einzigen New-Wave-Faden. Ein ungelenker Stream-Of-Consciousness, fast schon ein Zeitlupenrant von Molko, der sich nach vielfachem Hören immer mehr erschließt. Der fast rein elektronische und verzagte Closer "Fix Yourself" trabt auf von Gary Numan & Co. schon vor langer Zeit ausgetretenen Pfaden und bietet keinen Mehrwert.

Placebo wollten mit "Never Let Me Go" laut diversen Interviews letzten Endes aus der Komfortzone, ohne den Bandsound zu verlieren. Ob diese beiden ihren Sound überhaupt verlieren könnten, sei dahingestellt, die Komfortzone verlässt das Album nur selten. Heraus kommt trotzdem sehr ordentliche Musik mit einem mit Verstand eingesetzten Mehr an Synthie-Sound, das dank einer starken zweiten Hälfte den tiefen, tiefen Katalog der Band bereichert.

Trackliste

  1. 1. Forever Chemicals
  2. 2. Beautiful James
  3. 3. Hugz
  4. 4. Happy Birthday In The Sky
  5. 5. The Prodigal
  6. 6. Surrounded By Spies
  7. 7. Try Better Next Time
  8. 8. Sad White Reggae
  9. 9. Twin Demons
  10. 10. Chemtrails
  11. 11. This Is What You Wanted
  12. 12. Went Missing
  13. 13. Fix Yourself

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20 Kommentare mit 17 Antworten

  • Vor 7 Monaten

    Berührt mich überhaupt nicht - null abwechslungsreich

    Geprägt von textlichen und melodischen Wiederholungen fehlt diesem Album meiner Meinung nach jegliche Varianz. Die Musik klingt einfach nur platt, ich vermisse die Tiefe, die mich sonst so berührt hat. Das Album klingt nach Placebo, aber als hätte ein Placebo-Algorithmus die Songs erstellt. Kein einziges der Lieder kann mich emotional packen. Ich hätte nicht gedacht, dass es nach Loud like love noch schlimmer werden könnte, aber ich bin schwer enttäuscht von diesem Album. Ich sehe, dass es von anderen gerne gehört wird, kann das persönlich aber null nachvollziehen.

  • Vor 6 Monaten

    Gutes Comeback von Placebo

    Mir gefällt das Album nach den schwächeren Vorgängeralben richtig gut.
    Vor allem, weil wieder richtig gute Nummer drauf sind.
    Ich gehe mal durch:
    Forever Chemical - gute Nummer, erinnert stark an One of a Kind vom Album Meds mit seinen Industrialinstrumentals. Guter Opener.
    Beautiful James - der typischste Placebosong des Albums. Mit seinen Beats, den Synthies und dem eingängigen Refrain erinnert das Stück an beste Zeiten Placebos
    Hugz - ordentliche Rocknummer von Placebo mit coolem Refrain und ordentlich Vorwärtsdrang
    Happy Birthday in the Sky - erinnert ein wenig an Songs aus Battle for the sun, insbesondere ein wenig an Too many friends. Der Song ist gut gelungen und steigert sich zunehmend.
    The Prodigal - der Ausreißer auf dem Album! Erinnert mit seinen Strings an Songs von New Order, den Pet Shop Boys oder Erasure. Aber mit ein paar Mal hören eine echt eingängige Popnummer. Außergewöhnlich für Placebo.
    Surrounded by Spies - eines der Highlights des Albums. Erinnert an Songs aus den ersten drei Album. Coole und chillige Beats, geile Lyrics und tolle Sounds. Super Stück.
    Try better next time - typisch eingängiger Rocksound made by Placebo. Erinnert an Every me, Every You und geht gut durch.
    Sad White Reggae - ein meiner Meinung nach schwächerer Song, wenig was hängenbleibt und leicht nervige Melodie
    Twin Demons - weitere gut gelungene Rocknummer, erinnert ein wenig an Hugz, macht aber Spass und geht schnell ins Ohr
    Chemtrails - ein weiteres absolutes Highlight auf dem Album, typisch treibender Placebogitarrensound mit verträumter Melodie und geilen Gesang von Brian, einfach Augen zu und genießen
    This is want you wanted - typische Placebobalade, getrieben von sanften Pianoklängen und chilligem Gesang, erinnert ein wenig an Follow the cups... oder Bosco
    Went missing - weitere chillige Placebobalade mit treibenen verträumten Beat und Synthies und tollem langgezogenem Abgang am Ende
    Fix yourself - ruhige und sehr elektronische Popbalade am Ende mit chilligem Beat und großartigem Gesang von Brian, weiteres Highlight aus meiner Sicht und aufgrund der starken elektronischen Beats recht ungewöhnlicher Song von Placebo

    Fazit - nach 2 schwächeren Alben endlich wieder ein Placeboalbum, welches man auch mal komplett durchlaufen lassen kann und eine gute Songstruktur besitzt. Das Album hat einige tolle Songs drauf und besitzt eine klar hörbare Linie.

  • Vor einem Monat

    Also ich höre placebo seit gut 15 Jahren und bin einfach nur beeindruckt von dieser Band. Ich erkenne mich oft selber wieder in den Texten. Instrumental ist jedes Lied auf seine Art und Weise sehr gut auf den eigentlichen Sinn des Liedes abgestimmt. Und sie bleiben sich selbst treu und das hört man auch. Einfach unverwechselbar diese Band! Das neue Album ist auch top und höre stets und ständig im Wechsel zu den anderen Alben. Ich liebe brains Stimme einfach und berührt mich immer wieder....!