30. Mai 2016

"Wir hatten die Hosen voll"

Interview geführt von

Eulen, Adler und wilde Bienen: Mit "Feathers And Flesh" präsentieren die schwedischen Zirkus-Metaller von Avatar dieser Tage ihr erstes Konzeptalbum.

Im Sommer 2014 schipperten die Jungs von Avatar mit ihrem fünften Studioalbum "Hail To The Apocalypse" in Richtung Weltuntergang. Zwei Jahre später mimen die Schweden nun die Märchenerzähler. Mit viel Schminke im Gesicht und ordentlich Tamtam auf der Soundpfanne erwecken die Mannen um Mastermind Johannes Eckerström auf ihrem neuen Album "Feathers And Flesh" eine Eule zum Leben, die der Welt den Krieg ansagt. Mit der Produktion ihres ersten Konzeptalbums erfüllte sich die Band einen langen Traum. Kein Wunder also, dass uns Schlagzeuger John Alfredsson beim Interviewtermin mit bester Laune begegnete.

John, eine bevorstehende Albumveröffentlichung ist immer mit viel Aufregung und Vorfreude verbunden. Diesmal wird dem Ganzen aber noch die Krone aufgesetzt, oder?

John Alfredsson: Oh ja! Ich bin wirklich stolz auf jede einzelne Avatar-Veröffentlichung. Egal ob Demo, Single, EP oder Album: Ich liebe sie alle. (lacht) Aber mit "Feathers And Flesh" haben wir schon etwas ganz Besonderes am Start.

Ein Konzeptalbum ist sicher eine große Sache. Aber in eurem Fall? Ich meine, dass ihr mit eurem Theatralik-Background irgendwann in diese Richtung gehen würdet ... das war doch eigentlich nur eine Frage der Zeit, oder?

Ja, da ist was dran. Wenn es dann allerdings so weit ist, kriegt man sich nun mal nicht mehr ein. (lacht) Es ist doch so im Leben: Man setzt sich immer irgendwelche Ziele. Ein Sportler will irgendwann einmal auf dem Siegerpodest stehen. Und für einen Musiker gibt es nichts Schöneres, als einen kreativen Gipfel nach dem anderen zu erklimmen.

Wir haben in der Vergangenheit schon viele unserer Träume wahr werden lassen. Wir waren mit Bands wie Volbeat, Megadeth, Soilwork, Sabaton und In Flames unterwegs. Wir haben Wacken gerockt. Wir haben bisher fünf Studioalben veröffentlicht, auf die wir allesamt unheimlich stolz sind. Und wir haben Fans, die einfach unglaublich sind. Und zwar überall auf der Welt. Mit dem neuen Album rammen wir einen weiteren Band-Eckpfeiler in den Boden.

... auf dem eine Eule thront.

Exakt. Die Eule ist die Hauptfigur. Es kommen aber auch noch Bienen und andere Tiere vor. (lacht)

Wer kam denn mit der Konzept-Idee an?

Das war unser Sänger Johannes. Der ist bei uns grundsätzlich für den textlichen Bereich zuständig.

Wurdet ihr überrascht? Oder hattet ihr das Thema schon länger auf dem Schirm?

Ein Konzeptalbum wollten wir immer schon mal angehen. Es hatte bisher nur nicht so richtig gepasst, weder zeitlich noch thematisch. Aber wir hatten das immer im Hinterkopf. Und diesmal war es dann endlich so weit. Wir hatten zwar alle die Hosen gestrichen voll. Aber wir wollten es unbedingt durchziehen.

"Man kann nicht einfach irgendein Puzzleteil weglassen"

Warum hattet ihr die Hosen voll? Was hat euch nervös gemacht?

Nun, ein Standard-Album ist schon mit viel Arbeit und Energie verbunden. Aber ein Konzeptalbum ist noch mal eine ganz andere Baustelle. Ich meine, wenn man ein herkömmliches Album angeht, dann schreibt man in der Regel um die 30 Songs und schmeißt am Ende die Hälfte davon weg. Bei einem Konzeptalbum kann man aber nichts mal eben einfach so auf den Müll schmeißen. Wenn ein Song musikalisch nicht funktioniert, innerhalb der Geschichte aber eine wichtige Rolle innehat, dann muss man sich so lange hinsetzen, bis es passt. Und das kann manchmal ganz schön dauern. (lacht)

Klingt nach der der ultimativen künstlerischen Challenge.

Auf jeden Fall. Wir haben in alle unsere bisherigen Alben viel investiert. Aber diesmal sind wir wirklich an unsere Grenzen gegangen. Es gab einige Momente, in denen wir nicht vorankamen. Dann bekommt man ein bisschen Panik. Man grübelt dann Tage und Wochen lang und überlegt sich, wie man wieder auf Kurs kommt. Wie ich schon sagte; man kann nicht einfach irgendein Puzzleteil weglassen. Das funktioniert nicht. Die Story ist nun mal klar. Man muss also einen Weg finden. Das war nicht immer einfach und bisweilen auch ziemlich quälend. Aber schlussendlich haben wir es geschafft.

Lass uns noch einmal über das Grundkonzept sprechen. Laut Pressetext geht es um eine Eule, die in den Krieg zieht. Warum macht die Eule das?

Nun, die Basis ist ja eine Fabel. Die Eule will erreichen, dass die Sonne nicht mehr aufsteigt. Das ist natürlich keine so gute Idee. Glücklicherweise trifft sie auf ihrem Weg unzählige andere Tiere. Falken, Adler, Bienen: Sie alle stehen für besondere Fähigkeiten. Im Grunde geht es um das Pendeln zwischen Licht und Schatten. Ich möchte aber auch nicht zu viel verraten. Die Leute sollen sich überraschen lassen.

Neben dem Album werdet ihr auch zeitgleich ein Buch zum Konzept veröffentlichen.

Oh ja, und was für eins! Das Konzept basiert auf einer unglaublich lebendigen Geschichte. Wir reden hier nicht nur über unheimlich viel Text, sondern auch über unzählige Bilder, die sich sofort im Kopf einnisten, wenn man sich mit der Geschichte des Ganzen beschäftigt. Wie wir aber alle wissen, ist ein gewöhnliches Album-Booklet sehr begrenzt. Wir wollten aber, dass die Leute die Möglichkeit haben, komplett in die Story einzutauchen. Also haben wir uns für ein Buch entschieden.

"Man muss schon höllisch aufpassen"

Hardcover, 60 Seiten, über einhundert Verse und viele Illustrationen: Klingt nach mindestens genauso viel Arbeit, wie das Produzieren eines Albums.

Es hat schon viel Zeit und Energie gekostet. Aber man hat bei einem Buch natürlich auch mit viel mehr Leuten zu tun, die dich dabei unterstützen. Ich meine, letztlich sind wir ja Musiker. Das Album und die Musik standen also ganz klar im Vordergrund. Das Buch ist ein tolles Beiwerk, das die Musik noch lebendiger werden lässt.

Apropos Musik: Ihr seid ja bekannt dafür, dass ihr euch musikalisch nur ungern einfangen lasst. Da würde mich jetzt natürlich interessieren, inwiefern euch das Konzept in puncto Bewegungsfreiheit beeinflusst hat.

Man muss bei so einer Sache schon höllisch aufpassen. Wir wollten natürlich verhindern, dass das Konzept die Musik in irgendeiner Form einengt. Ich denke aber, dass wir diese Hürde super gemeistert haben. Letztlich würde ich sogar sagen, dass uns das Konzept noch mehr Spielraum verschafft hat.

Songs wie "The Eagle Has Landed", "For The Swarm" und "Fiddler's Farewell" klingen jedenfalls fast schon so, als wären sie von verschiedenen Bands eingespielt worden.

Freut mich, dass du das so siehst. Das sind, meiner Meinung nach, auch die drei Eckpfeiler des Albums. "The Eagle Has Landed" ist einer der opulentesten Songs, die wir je aufgenommen haben. "For The Swarm" hingegen klingt wie ein wildgewordener Schwarm Bienen (lacht). Und "Fiddler's Farewell" ist das genaue Gegenteil. Das Album ist wirklich unheimlich facettenreich. Und das Coole ist: Jeder Song funktioniert auch als einzelnes Stück. Es gibt keinen Song auf dem Album, den man live nicht zwischen zwei älteren Tracks mit einbinden könnte.

Ihr habt diesmal mit der Produzentin Sylvia Massy zusammengearbeitet. Wie hat euer Hofproduzent Tobias Lindell auf die Entscheidung reagiert?

Natürlich war Tobias zunächst etwas "traurig". Aber er konnte es verstehen. Wir wollten diesmal einfach so viel wie möglich neu angehen. Dazu gehörte auch die Regiearbeit im Studio. Und mit Sylvia haben wir wirklich ins Schwarze getroffen. Diese Frau ist unglaublich. Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der sich so in eine Sache festbeißt. Sylvia fungierte praktisch als das sechste Avatar-Mitglied. Sie ist so unfassbar kreativ.

Gab es Berührungsängste?

Wir waren natürlich total nervös, als wir sie das erste Mal trafen. Aber ich schwöre: Nach zwei Minuten standen wir alle mit offenen Kinnladen vor ihr. Diese Frau hat eine Aura, die einen sofort in ihren Bann zieht. Und sie ist total verrückt. Das passte natürlich super. Wir haben ja schließlich auch alle einen an der Waffel.

Wie sieht es eigentlich mit einer amtlichen Live-Inszenierung des Ganzen aus? Plant ihr dahingehend etwas?

Auf jeden Fall. Das wäre ja sonst so, als würden wir zu einem 100-Meter-Sprint antreten und nach 99 Metern stehenbleiben. Das können wir natürlich nicht bringen. Und das wollen wir auch nicht. Ich habe zwar noch keine Ahnung, was genau passieren wird. Aber du kannst dir sicher sein, dass wir das Konzept in irgendeiner Form mit einbinden werden. So viel steht fest.

Wir sind gespannt.

Wir auch. (lacht)

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