laut.de-Kritik

Die aggressive Heulsusen-Version von Mark Forster.

Review von

Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, sollte man gar nichts sagen, empfehlen friedliebende Großmütter im Sinne eines harmonischen Miteinanders. Wenn wir uns daran halten, sind wir mit diesem jüngsten Erguss von Dame immerhin schnell durch: Ich hab' ja ein Faible für Bergsprache, finde den österreichischen Einschlag in seiner Stimme entsprechend durchaus charmant.

Fertig! Mit den Nettigkeiten wären wir damit nämlich schon am Ende angelangt. Alles andere an diesem Album ist aus unterschiedlichen Gründen ganz und gar grauenhaft.

"All Meine Farben", ernsthaft? In meinem Kopf tanzen Reinhard Mey, Nana Mouskouri und Nena (die jeweils auf Albumlänge "Farben" besangen), die Catterfeld und Freddy Quinn ("Farben Meiner Welt"), Helene Fischer ("Farbenspiel"), Gestört Aber Geil ("Millionen Farben") und Alle Farben Ringelpiez mit Anfassen mit den mächtigen Kassierern, die einst dozierten, Schwarz und Weiß seien die Farben - der SG Wattenscheid 09, nämlich.

Immerhin passt der schon auf der Verpackung demonstrierte Mangel an Einfallsreichtum zum Inhalt. Ölzeug angelegt? Macht das besser: "All Meine Farben" entpuppt sich als Pathos-überfrachteter Phrasentsunami allererster Güte, der einen am Ende halb erschrocken, halb ratlos, aber durch und durch angewidert dastehen lässt.

"Ich bin nicht anders, nur besonders" reklamiert Dame gleich zu Beginn eine Außenseiterposition für sich, die ihm niemand streitig machen möchte - außer vielleicht den Heerscharen von Normalos, die sich auf ihren Tinderprofilen als "ein bisschen verrückt" oder "voll crazy" beschreiben. Diese Klientel dürfte tatsächlich empfängliche Zielgruppe für die unmittelbar ins Weinerliche kippende nächste Zeile sein: "Doch ihr gebt mir das Gefühl, ich sei fehl am Platz."

Och. Da spricht ein armes ausgegrenztes Mobbingopfer, verstehe. Sicher solidarisiert sich Dame in "Fehlerhaft" mit anderen Außenseitern, oder? Darum geht es ihm doch wohl? "Der Grund, warum ich diesen Song hier sing', ist, weil ich unendlich stolz drauf bin." Oh. Ach, so. Du bist in der Tat etwas Besonderes, Dame. Das muss einer erst einmal hinbekommen, stolz auf diesen ranzigen Drum'n'Bass-Beat zu sein, in den die Nummer unvermittelt kippt.

Obendrein setzt es gepflegte Publikumsbeschimpfung: "Fickt euch alle!" Die gepresste Stimme und der krampfige Rap-Part sollen wohl irgendwie "kantig" wirken ... Glückwunsch! Gleich im ersten Track präsentiert sich Dame als eine derart unsympathische Mischung aus anbiedernd, unaufrichtig und selbstüberschätzend, dass die Lust, herauszufinden, wie es wohl hinter dieser ungelenk zusammengezimmerten Maske aussehen mag, ins Bodenlose stürzt.

"Du glaubst, du kennst mich, doch hinter der Fassade steckt ein echt zerbrechlicher Mensch in der Antarktis fest", heult es gleich aus dem nächsten Track, musikalisch diesmal am ehesten zu verorten unter "angeschlagerte Popgrütze". Wir merken uns bitte die Zeile "Schaffe es nicht, ich selbst zu sein". Gut möglich, dass das die einzige auf dem kompletten Album ist, die ich Dame wirklich abkaufe.

Wer zum Henker ist dieser Dame eigentlich? Ein ehemaliger YouTuber, der später Rapper sein wollte, über Computerspiele gerappt hat, und jetzt will er ... Mainstream-Pop machen? Oder was genau eigentlich? Vielleicht wäre es eine gute Idee gewesen, sich erst einmal grob darüber klar zu werden, was man darstellen und was man sagen will, bevor man einen Longplayer lang Plattitüden in die Runde feuert und dabei tut, als verkünde man gerade die tiefschürfendste neue Erkenntnis. "Die schönsten Momente sind niemals perfekt."

Dame lässt kein Klischee und erst recht kein abgegriffenes Bild aus. Er klammert sich an Strohhalme, schwimmt gegen den Strom, durchwandert dunkle Täler, fordert dessen ungeachtet aber: "Tanz' mit mir aus der Reihe, komm, wir fallen gemeinsam aus dem Rahmen." Danach steht er doch wieder einsam "Am Gleis", um dem ohne ihn abgefahrenen Zug hinterherzuschauen. "Wir haben gekämpft bis zum Ende, unsere Geschichte füllt" ... na, ahnt ihrs? Genau: "tausend Bände".

Manches kommt dann doch überraschend, was allerdings eher der Schieflage der Metaphern als irgendeinem Funken Originalität geschuldet ist: "Ich war schon immer ein Paradiesvogel", behauptet Dame, und fährt ungeachtet der Tatsache, dass solches Verhalten nicht Paradies-, sondern Straußenvögeln angedichtet wird, fort: "Ich hab' den Kopf oft genug in den Sand gesteckt." Na, kein Wunder, dass er davon "Tiere Im Bauch" bekommt.

Ein Standardthema nach dem anderen hakt Dame ab, die Topics, ein Album eben abhaken muss, wenn es als "gefühlvoll" gelten will. Sich-ausgegrenzt-fühlen, Beziehungsbiedermeier, Verlassenwerden: Dame beharkt diese Felder allesamt pflichtschuldig und gleich mehrfach. Dazwischen plädiert er noch ein bisschen wahllos für "Liebe, Frieden und Freude auf dem Planeten", da kann ja wohl niemand etwas dagegen haben: "Lass' uns gemeinsam die Probleme aus der Welt schaffen und" (bitte bereitmachen für einen Reim für die Ewigkeit, Trommelwirbel!) "eine bessere Welt schaffen." Wer mit so großen Worten wirft, den fragt hoffentlich keiner mehr nach der Nachhaltigkeit und Klimafreundlichkeit in "Jeder Tag mit dir ist es wert, kilometerweit dafür zu fahren".

Wenn Dame einem grimmig ins Gesicht knurrt, er sei jetzt unerwarteterweise glücklich, dann möchte man eigentlich weder wissen, warum man das, so es denn stimmt, nicht hört, noch, warum der Song "Steine Im Magen" heißt, und schon gar nicht, warum er klingt wie ein inhaltlicher wie Flow-technischer Rip-Off von "Gustav Gans" von den Beginnern. Aber das ist immerhin auch schon an die zwanzig Jahre alt, das kennen die meisten wahrscheinlich gar nicht mehr.

Überhaupt, die Rap-Parts! Exemplarisch für das Problem daran steht "Lebensgefährten": Was Dame da abzieht, wirkt, als habe Opa Hallmackenreuther den Entschluss gefasst, jetzt auch mal was Modernes zu machen, was Flottes, Freches, um die jungen Leute ins Boot zu holen. Es klingt in erster Linie fürchterlich gestrig, verkrampft und verzweifelt.

Jede*r geht anders mit Trauer um. Wenn Dames Methode der Wahl die Phrasendrescherei von "Leg Dich Zur Ruh" ist, käme es mir fast ein bisschen pietätlos vor, darauf herumzuhacken. Pietätloser, als die Begräbnisstimmung ohne Vorwarnung mit "Deine Tränen" zu zerschießen, hätte ich es aber ohnehin nicht hinbekommen. Beinahe wäre ich so abgelenkt von der bescheuerten FlieWaTüüt-Roboterstimme gewesen, dass mir entgangen wäre, was Dame da sagt.

Ach, wäre es nur so gewesen! Neben dem klassischen Mama-Song "Kämpferin" mit seinen übergriffigen Beschwörungen der "inneren Schönheit" (die man "nicht kaufen kann", und die durch den "Glanz in den Augen" der starken Frau nach außen schwappt, Himmel, hilf!) und dem creepy an getragenen Blusen des Ex-Partners schnüffelnden "Wäscheleine" gehört "Deine Tränen" zum Gruseligsten, das ich seit sehr langer Zeit gehört habe. "Nichts ist so schön wie deine Tränen", "ich unterwander' deinen Willen und bring' dich an deine Grenzen", ja, bis du weinst, Baby, und ich mich daran ergötzen kann. Samma, Alter, gehts noch?

Bis hierhin fand ich das Album einfach nur scheiße. Schablonenhaft und theatralisch, elend absehbar, schlecht getextet, langweilig gesungen und miserabel gerappt. Spätestens bei "Deine Tränen" frag' ich mich: Meint der Typ das ernst? Dann bitte sicher wegsperren. Oder soll das jetzt plötzlich irgendeine Art Rollenspiel sein? Falls ja, was sagt das dann über den Authentizitätsgehalt der restlichen gefühlsduseligen Songs aus? War dann auch sein dämliches Außenseiter-Gehabe nur Show?

Direkt im nachfolgenden Track beklagt Dame zur Akustikgitarre jedenfalls schon wieder sein Verlassen-Worden-Sein. "Die roten Rosen sind verblüht. Wo ist das Lächeln, das mir jeden Tag versüßt?" Ja, versteh' ich auch nicht. Wessen Lebenstraum bestünde wohl nicht darin, seine Zeit mit der sadistischen, passiv-aggressiven Heulsusen-Variante von Mark Forster zuzubringen, die irgendeine kranke Befriedigung daraus zieht, den Partner zum Weinen zu bringen?

"Ich hoff' nur, du wirst glücklich, keine Frage", bellt Dame in "Alles Was Ich Habe" seiner Verflossenen (oder seinem, das ist wirklich egal) am Ende noch hinterher, dramatisches Klavier (selbstverständlich) und (nicht ganz so erwartbar, aber passend) Product Placement der unsympathischsten aller existierenden Brausemarken inklusive. "Es ist vorbei." Hosianna. Nix wie weg.

Trackliste

  1. 1. Fehlerhaft
  2. 2. Antarktis
  3. 3. Breeze feat. Onklu
  4. 4. Alle Deine Farben
  5. 5. Identitätskrise
  6. 6. Niemals Perfekt
  7. 7. Ohne Kontrolle
  8. 8. Tiere Im Bauch
  9. 9. Steine Im Magen
  10. 10. Am Gleis
  11. 11. Lebensgefährten
  12. 12. Leg Dich Zur Ruh
  13. 13. Deine Tränen
  14. 14. Wäscheleine
  15. 15. Paradiesvogel
  16. 16. Kämpferin
  17. 17. Alles Was Ich Habe

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