Porträt

laut.de-Biographie

Greentea Peng

Grüner Tee - mit dem sanften Zellschutz-Trunk verbindet man nun nicht gerade Mainstream. Als Künstlername hebt sich Greentea Peng sympathisch alternativ vom Playlist-Einerlei ab. Aria Rachel Adrienne Wells, geboren am 1. Dezember 1994, sticht auch musikalisch hervor. Über ihr Vorleben ist nichts bekannt, als sie 2018 ihre erste EP lanciert. Außer dass sie Fernreisen mag.

Greentea Peng - Man Made Aktuelles Album
Greentea Peng Man Made
Der klassischste Trip Hop seit Massive Attack.

Nachdem Mike Skinner sie auf seinem The Streets-Comeback-Album maunzen lässt, wird der zugehörige Plattenkonzern Universal aufs Potenzial der Understatement- und Underground-Künstlerin aufmerksam. Die wechselt flugs das Team, und das neue steuert strategisch, welche Details über den Lebenslauf der Singer-Songwriterin in die Welt hinaus gehen. Der eigentlich schöne bürgerliche Name und das Geburtsdatum der Londonerin zählen schon mal zu den Infos, die man ungerne in der Öffentlichkeit sieht.

Dass sie kifft, das will man jedoch schon über sie verbreiten. Sagt schon ihre erste EP "Sensi" im Titel. "Release all my brothers / on a weed charge, please", fordert sie im Song "Free My People" 2021. Andere Themen hat sie aber auch. Ihre Songtexte vermitteln eine "nach-mir-die-Sintflut-aber-vorher-Revolution"-Einstellung. Eskapistisch wirkt die Poetin, auch trendgemäß nihilistisch. Politik bedeutet ihr viel, belegt sie als Kernfach am College. Am Kurs, den die Regierungen ihrer Heimat in den letzten Jahrzehnten fuhren, findet sie derweil so ziemlich alles ungerecht. "Ich wollte immer Bürgermeisterin von London werden oder Premierministerin", verrät sie der Zeitung Guardian in ihrem breiten Londoner Akzent. Boris Johnson widmet sie 2019 eine Aufzählung sozialpolitischer Versäumnisse im Gedicht "Bun Boris".

Ihr Longplay-Debüt "Man Made" kann mit seinem non-chalant vorgebrachten Wortschwall durchaus Vergleiche mit Gil Scott-Heron antreten. Vortragstechnisch und manchmal inhaltlich. Sämtliche Einfälle hält sie sofort in ihrem Notizbuch fest, zeigt der Making Of-Film zur LP: "Manchmal bin ich nicht in der Stimmung zu schreiben - daher, wenn ich's bin, muss ich das sofort nutzen." In das Notizbuch kritzelt sie unstrukturiert alles hinein, was ihr in den Sinn kommt - einzelne Silben, Zahlen, Zeilen, ganze Textblöcke - "hier steckt mein Leben drin - mit all meinen Gefühlen." Hinein ins Büchlein und heraus ins Mikro flowen Songtexte wie

"This sound is physical /
It's very physical and literal /
But metaphysical and mystical /
And though we're not in your peripheral /
Would find it difficult to miss you /
This sound is sensual /
And plentiful /
Alchemical
It's medicine and medical.
"

Das ist ihr Sound, wie sie ihn voller Fremdwörter in "This Sound" (2021) skizziert. Die Musik steht, je nach Stimmung, für maximale Vielfalt im Electro-Offbeat oder für monochromen Trip Hop, ganz wie man will. Wer "Man Made" bewusst hört, wird zahllose Nuancen und Subgenres heraus hören, deepen Soul, in sich versunkenen James Brown-Funk, britischen Acid-Jazz und Drum'n'Bass, Roots Reggae, Dub, Boom Bap, R'n'B. Wer sich oberflächlich berieseln lässt, wird das Ganze einheitlicher wahrnehmen, mixtape-artig, mit Trip Hop als dominierender und doch wieder sensationeller Musikfarbe: Denn der war 25 Jahre lang nie so schillernd exerziert worden wie hier. Es spielt die Seng Seng Family mit Musikern in London, die sie 2019 kennen lernt (darunter Jaega Gordon, der für Morcheeba auf "Blaze Away" gearbeitet hat).

Greentea Peng scheint es egal zu sein, ob sie in 2 Minuten 20-Edits auf Spotify mehr Geld verdienen könnte und klanglich irgendeiner aktuellen Konvention entspricht. Braucht sie sieben Minuten, nimmt sie sich die.

Sie beweist ein sehr entspanntes Verhältnis zu Zeit. Ihre Biographie kommt ohne Superlative und Tempo-Rekorde aus. Die maskulinen Schwanzvergleich-Welten von Genres wie Dancehall, Trap und Gangsta-Rap werden ihr trotz ihres Lieblingsthemas 'Joints' wohl immer fremd bleiben. Dafür fehlt ihr schon der Materialismus-Instinkt. Als Kind wird sie erzogen, nur Mode aus Second Hand-Shops zu tragen, die Einkünfte an Arme spenden.

Mamas Einfluss gilt auch über die Mitte von Pengs Twen-Jahren hinaus, wie sie bei OCB in den Paper Sessions erzählt: "Wer welche Designer-Klamotten anzieht und wie viel Geld dafür ausgegeben hat, pisst mich an." Insoweit eignet sie sich scheinbar als Projektionsfläche für Optimist*innen, die nach einem hochkarätigen Female Hip Hop-Star der 2020er Ausschau halten, ohne Blingbling, dafür mit Substanz. Die Künstlerin ist dafür aber wohl zu sanft, so wie eben grüner Tee.

Naturverbunden, statt urban und schnelllebig. "Wir sind Natur. Sie ist nichts von uns Getrenntes. Wir sind Teil der Natur", bekundet sie bei OCB. Entsprechend beeinflusst stets das Wetter ihren Schreib- und Aufnahmeprozess. "Wenn die Sonne scheint, bin ich gerne draußen und höre Vögeln beim Singen zu. Wenn's regnet, dann rauche ich wieder und spiele Songs", teilt sie bei Noisey-Vice mit.

Dafür verschlägt es sie im Alter von 17, 18 nach Mittelamerika, wohin sie für die Produktion von "Man Made" zurück kehrt. "Dort in Mexiko war's einfacher, locker zu lassen, einiges von meiner Wut abzulegen und softer zu werden ... an einem so schönen Ort. Da kannte ich niemanden und konnte mehr zu mir kommen." Bei der Arbeit lässt sie sich zwar filmen - ungefiltert, ob sie nun gerade raucht, schreibt, probt, Liegestütze macht oder fast nackt ihren Tattoo-übersäten Körper zeigt. Visuelle Darstellung nach Marketingplan und Skript sind ihr hingegen ein Gräuel und unnötige Ablenkung von der Musik.

Der Knall, ihr lautes Peng, steckt in der Ablehnung des Zeitgeistes und der Einstellung hinter der Arbeit, die sie abliefert: "In einer idealen Welt würde ich nicht mal Musik-Videos machen und diesen Arbeitsschritt einfach überspringen. Ich würde kein Instagram mehr haben, wenn ich (...) es nicht bräuchte, um meine Musik zu promoten, und das ärgert mich", beschreibt sie im Guardian. "Diese App hat jeden Aspekt der Gesellschaft infiltriert. Du kriegst einen Auftrag nicht, weil du nicht genug Follower auf Instagram hast. Ich habe von Leuten gehört, die nicht in Partys rein durften, weil ihre Follower zu wenige waren. Das ist doch abgefuckt!"

Für ein weiteres "Peng!" sorgt die selbstbewusste und fachkundige Einbindung von Retro-Elementen aus Subgenres der 1990er. Eine Phase, die die Songstress nur als Kleinkind erlebte und während deren erster Hälfte sie noch gar nicht auf der Welt war. Ihre natürliche Art, sich dieser vergangenen und unendlich kreativen, groovenden, vibenden Musik zu bedienen, und auch noch den Soul-Jazz-Funk von plus/minus 1970 zu inhalieren: Da gehört schon der Mut dazu, auszuscheren und die kalten Hype-Beats von FKA Twigs und Konsorten geflissentlich an sich abprallen zu lassen.

Ihre erste Band als Teenager mit zwölf, 13 macht Funk-House. "Psychedelic-R'n'B mag ich, und Trip Hop. Ich mag es, wenn Leute mich Trip Hop zuordnen. Andererseits weiß ich nicht, welches Genre ich bin", überlegt sie in den Paper Sessions. "Was ich mache, sind eben gute Schwingungen",

Wie so viele in den '90ern geborene Musikerinnen, benennt sie die Fugees als Soundtrack ihrer Nuller-Jahre-Kindheit und erläutert im Video-Chat mit Noisey-Vice: "Lauryn Hill ist eine Prophetin, das kann keiner leugnen, oder?" Weitere Vorbilder werden Lily Allen und dann Neneh Cherry, für die sie 2018/19 in England Support spielt. Später entwickelt sich daraus die gemeinsame Fassung des Cherry-Classics "Buddy X" auf The Versions".

Greentea Peng ist ein Unikat. Eine, die nachdenkt über den Planeten und das Sein. Auf diesem Planeten hat sie ein Faible für Lateinamerika (z.B. Peru) und für Asien, immerhin Herkunft von viel grünem Tee: 'Peng' ist das thailändische Wort für ihren Vornamen 'Aria', die Opernarie. Für Aria a.k.a. Peng ist Erykah Badu eine Säulenheilige. Einen eigenen Subtyp des Buddhismus wie Erykahs Baduismus hat sie noch nicht entwickelt, und doch treibt auch Greentea Peng die ruhige Introspektion um. Dahinter steht eine längere Geschichte.

Mit 14, 15 fühlt sie viel Weltschmerz. Sie lässt die Musik beiseite, legt sie 'ad acta'. Als Teenager entwickelt sie eine Abhängigkeit vom Medikament Xanax, ein starkes Benzodiazepin, das in der Psychiatrie zur Behandlung von Panikattacken eingesetzt wird, aber auf die auch das Suchtzentrum im Gehirn anspricht.

Parallel jobbt sie in einer Bar und lebt einen "'messy' party-lifestyle", wie sie dem Guardian anvertraut. Der Bruch kommt 2016, im Alter von 21, als die fixe Idee sie packt, sich unbedingt wieder in Musik ausdrücken zu wollen, zugleich aber auch wenn das klappt, London immer wieder mal den Rücken zu kehren. Wie sie der Zeitung sagt: "Ich wollte irgendwo ganz weit weg gehen, wo's schön und kulturell anders ist, um in mich selbst einzutauchen."

In Mexiko sammelt sie damit positive Erfahrungen. Dort trifft sie zufällig über einen Freund einen Typen, der wie sie den Strand und frische Luft mag, mit ihr auf einer Wellenlänge funkt ihr Manager wird. Ebenso eine Band, Los Hedonistas, die gerade nach einer Frontfrau fahndet. Mit der Zufallsbekanntschaft entsteht eine neue zweite Heimat für die Britin. Ein einschneidender Schritt auf dem Weg zu ihrer Selbstfindung. "Meine Zielsetzung ist Liebe, und mit jedem Liebe zu teilen, mit dem ich in Kontakt komme, und jeden zu up-liften. Das ist alles, was in meiner Macht steht. Mein Job ist es, spirituell und bewusstseinsmäßig zu wachsen, denn dann verstehe ich mich vollkommen und umfassend, und dann kann ich anderen Leuten helfen, dass sie sich selber besser verstehen."

Alben

Greentea Peng - Man Made: Album-Cover
  • Leserwertung: 4 Punkt
  • Redaktionswertung: 5 Punkte

2021 Man Made

Kritik von Philipp Kause

Der klassischste Trip Hop seit Massive Attack. (0 Kommentare)

Surftipps