laut.de-Kritik

Zu viele Kompromisse verursachen Zahnweh.

Review von

Es dauert nicht besonders lange, bis man sich beim Hören der aktuellen Lumaraa-Platte im gängigen Vergleichs- und Vorurteilsnetz verfängt, in dem weibliche MCs im deutschen Hip Hop seit jeher stecken.

Leider klingt vor allem der Opener "Gib Mir Mehr", eine "freche, augenzwinkernde Hymne auf das Single-Dasein und die neu gewonnene Freiheit", genau so, wie man es erwartet oder sogar befürchtet. "Frech", oh, man. Das Attribut stanzte man einst schon Tic Tac Toe ein. Ja, der Opener, aufgetragen auf einer hyperpoppigen Beatschiene, erinnert vor allem textlich ein wenig an das längst vergessene einstige Erfolgstrio.

Lumaraas Flow indes orientiert sich recht eindeutig an Nina Fiva Sonnenberg, ohne deren Ambivalenz und Vielschichtigkeit zu erreichen. "Von zu viel Schokolade krieg' ich Zahnweh, Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling." Ihr seht schon: Zahnweh stellt sich in der Folge vor allem beim Rezipienten ein, weil der Funke zu Beginn eben so gar nicht überspringt. Weil "Gib Mir Mehr" beinahe wie YouTube-Musik klingt: punktgenau zugeschnitten auf eine Zielgruppe.

Bei den angesprochenen Teenager-Mädels kann, darf und wird die durchgekaute Message dieser Platte absolut aufgehen. Das ist auch okay so. Bei allen anderen stellt sich aber wohl eher ein mulmiges Gefühl ein. Es ist förmlich spürbar, wie stark sich die Künstlerin bemüht, wie sehr sie sich mit Sprechgesang identifiziert, und dann aber eben doch in den zäh am Boden festgeklebten Pop-Kaugummi tritt. Doch wir sind ja immer noch beim ersten Song.

Das nachfolgende "Die Eins" klingt bereits ungleich stärker: Hier gibt es einen richtigen Beat, der sich gekonnt aus einem Intro-Orgel-Geklimper schält. Lumaraa zeigt dazu ihre Bandbreite am Mikrofon, variiert dezent Geschwindigkeit und Reimschemata. Dazu setzt es die eine oder andere selbstbewusste Line: "Viele sagen, Frauen rappen lieber auf der Couch / Aber warte mal, welches Land wird regiert von einer Frau?"

Die Kombination geht klar und macht den strangen Auftakt irgendwie noch seltsamer. Wir brauchen also mehr Stichproben: weiter mit "Ich Würde Gern Raus". Hier offenbart die Wahlberlinerin erstmals ihre klare Gesangstimme und besingt damit wunderschöne Farben, gesundes Essen, bemalte Straßen und bedingungsloses Alles-in-Kauf-Nehmen.

Langsam zeichnet sich ein Schema ab: Wir befinden uns hier im klaren Kraftfeld von Cro und seinem Entwurf von "Raop" oder auch Namika, die diesen Sommer mit "Lieblingsmensch" dominierte. Allerdings kann "Gib Mir Mehr" mit der Hochglanz Produktion dieser Blockbuster-Acts nicht ganz mithalten.

Zudem entspinnt sich in der Folge ein seltsamer Themen- und Stilmix. Auf der einen Seite sind da die gutgelaunten, fluffigen Popsongs wie "Ich Würde Gern Raus" oder "Drachen Fliegen", auf der anderen das in alle Richtungen austeilende Lästerkonglomerat mit "Fick Dich", "Bitches" und "Stalker". Die scheinbare Härte und Toughness wirkt, eingewebt in die Pop-Seifenblasen, absurd und verkommt fast schon zu Tratsch und Klatsch: "Jeder begafft dich so wie im Aquarium / Soviele MakeUp-Schichten und Solarium."

Lumaraa erprobt sich gleichermaßen in Balladen und schüchternem Battlerap und wirft dazu eine Menge weiterer Zitat-Zutaten ins Feuer, bis das Gesamtpaket irgendwie nicht mehr so richtig schmecken will. Jeder Song eröffnet eine neue Klangwelt, in der man sich zuerst zurechtfinden muss. Viel zu oft aber tappt man als Zuhörer im Dunkeln.

Am Ende überzeugt "Gib Mir Mehr" wirklich nur punktuell. Der musikalische Grundbau ist bunt und mutig und stellenweise auch komplex. Die darüber gerappten und gesungenen Texte rotieren teilweise aber bereits in Richtung Fremdschamgrenze und erinnern an Rappassagen in Fernseh-Musicals.

In Zeiten einer Schwesta Ewa geht dieser Brückenschlag in alle Richtungen schlicht zu viele Kompromisse ein, um dem konstruierten Genre Female-Rap, als der sich diese Platte diskursiv selbst ausweist (das Frau-Sein und Frau-Werden bleibt stetiges Thema), wirklich etwas Neues oder Aufregendes hinzuzufügen.

Das ist echt schade, weil das aufgezeigte Potenzial immer wieder durchsickert, sich aber beim Versuch einer konkreten Kommerzialisierung solange selbst abschwächt, bis es nur noch mit buntpoppigen Fingernägeln an Hip Hops Oberflächen kratzt.

Trackliste

  1. 1. Gib Mir Mehr
  2. 2. Die Eins
  3. 3. Ich Würde Gern Raus
  4. 4. Stalker
  5. 5. Wenn Dich Keiner Versteht
  6. 6. Lappen
  7. 7. Passbild
  8. 8. Am Rande Von Berlin
  9. 9. Fick Dich
  10. 10. Drachen Fliegen
  11. 11. Du
  12. 12. Bitchez
  13. 13. 100 Bars
  14. 14. Unmöglich
  15. 15. Es Hat Alles Einen Sinn
  16. 16. Picknick
  17. 17. Jedes Wort
  18. 18. Nie So Weit

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7 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 6 Jahren

    Eins muss man ihr lassen, sie fährt diesen belanglosen Film schon übertrieben lange und ist immer noch dabei. :lol:

  • Vor 6 Jahren

    Hübsche junge Dame und das ist dann leider auch schon alles.

  • Vor 6 Jahren

    Mundanus spricht wahr, sie hält sich hartnäckig in der Youtube-Szene seit einigen Jahren mit der immergleichen Musikformel und bizarr-einfachen Texten. Dies hier ist das erste "richtige" Release nach einigen verstolperten, kommerziell wenig erfolgreichen Alben-Anläufen, die außerhalb der einschlägigen Netzwelt-Szene kein Mensch oder Fister kennt.

    Man hört die verstaubte und unbeholfene Art in Musik und Text an jeder Ecke raus, Fruity-Loops war hier der Hauptproduzent, so scheints. Flowtechnisch ist dieser brave, souveräne Fiva-Stil in Zeiten von Stangenluder Ewa auch nicht wirklich spannend, der Gesang ist schlicht und konturlos.
    Thematisch gibt sie die selbstbewusste Kämpferin, die auch mal die leisen Töne anschlagen kann, wenn ihr gar feinfühliges Herz durch einen garstigen Halunken unsittlich berührt/gebrochen/bla wurde

    "Fick Dich" lautet hier die Parole, man freut sich des Single-Lebens, lässt das versaute in Maßen an den Tag treten und kümmert sich um all die unerfüllten Träume und Wünsche der Zielgruppe wie etwa aus dem Alltag entfliehen oder dem laschen Partner die Meinung geigen.

    Ich verzichte hier zum Wohle aller auf eine umfassende Review, schlicht weil es mich nicht interessiert hier 18 Mal den gleichen Song zu beschreiben und lasse Lumaraas kreative Zeilen für sich sprechen:

    "Ich lock dich an mit dem verführerischen Blick und dann klatsch ich dir mit voller Wucht das Rührei ins Gesicht, was denkst du? Ich bin ne Frau, raus aus der Küche, das ist mein Revier, bevor ich dir das heiße Öl auf deinem Rücken einmassier. Du bist ein Lappen wie's im Buche steht, oh oh, guck dich mal an verflixt und zugenäht, ich schaff es nicht dir dabei zuzusehen du bist ein Weich- Weicheieieieiei..."

    geile Lyrics Freunde, ne? Das ganze auf einem schlimmen Massenwarebeat von der hintersten Stange des abgeranztesten Tante-Emma-Ladens im dunkelsten Teil der Republik.

    "Gib mir mehr" ?. Nein, bitte nicht