Porträt

laut.de-Biographie

Marlena Shaw

Mit einem Jazztrompeter verwandt zu sein, hilft der musikalischen Frühbildung natürlich enorm. Marlena Shaw bekommt nämlich schon von klein auf die Lieblingsplatten ihres Onkels Jimmy Burgess auf die Ohren: Miles Davis, Dizzy Gillespie, auch über Al Hibbler hat sie nur Gutes zu berichten. Mit zehn Jahren steht sie also mit seiner Band auf der Bühne des New Yorker Apollo Theaters und sollte singen. Kann sie, natürlich kann sie. Aber trotzdem sollte man eine Schülerin nicht auf Tour mitnehmen, findet die Mutter.

Marlena Shaw - Who Is This Bitch, Anyway? Aktuelles Album
Marlena Shaw Who Is This Bitch, Anyway?
Die souveränste mögliche Antwort auf die titelgebende Frage.

Also bleibt Shaw im großen Apfel und lebt ein normales Leben. Fürs Erste. In Potsdam, New York, geht sie aufs College und studiert Musiklehrerin, aber es hält sie nicht viel im Akademischen. Warum auch die Bücher wälzen, wenn einer der größten Hotspots der Praxis nur ein paar Kilometer entfernt liegt? Wann immer sie also die Zeit findet, singt sie fortan in Jazzclubs und schließt ein paar wertvolle Freundschaften, unter anderem mit dem Trompeter Howard McGhee. Bis 1966 geht das so weiter, bevor sie mit einem Gig im Playboy-Club die Aufmerksamkeit des Labels Chess Records erregt.

Über deren Untermieter Cadet Records erscheinen ihre ersten offiziellen Aufnahmen: "Out Of Different Bags" kommt 1967, darauf gleich ihr erster großer Wurf "The Spice Of Life". Auch, wenn es sich dabei um eine eher obskure Pressung einer wenig bekannten Sängerin handelt, finden sich hier Juwelen, die nicht nur dank Hip Hop-Sampling, sondern auch durch Hype in den Sammler-Kreisen noch Jahrzehnte später herum gereicht werden. Besonders "California Soul" und "Woman Of The Ghetto" halten bis heute Klassiker-Status.

Etwa um diese Zeit freundet sie sich mit Jazz-Urgestein Count Basie an, dessen Ensemble sie in seinen New Yorker Jahren um eine prominente Stimme bereichert. Anfang der Siebziger wechselt Shaw auf das legendäre Blue Notes Records-Label, auf dem sie 1972 mit einem Self-Titled debütiert. In den Folgejahren kommen mit "From The Depths Of My Soul" noch eine Soul-Platte und ein Life-Recording namens "Marlena Shaw Live At Montreux" dazu, bevor ihr der nächste große Wurf gelingt.

"Who Is This Bitch, Anyway?" wird nicht nur ihre kommerziell stärkste Platte, sondern legt auch die Grundfesten für ein Genre, das ab 1975 langsam den Mainstream übernehmen wird. Ja, auf dem Album selbst hört man die Disco noch nicht so recht heraus, vielleicht auch, weil Blue Note und das folgende Projekt "Just A Matter Of Time" für Clubmusik etwas zu sophisticated sind. Auf dem Weg in die Achtziger wechselt Marlena Shaw noch einmal das Label zu Columbia Records, für die sie ein paar weitere Glanztaten vollführt.

"Sweet Beginnings", "Acting Up" und "Take A Bite" heißen die drei Platten, die bis 1979 auf dem Label erscheinen. Sie veröffentlicht die Achtziger durch weiter und tritt bis in die Gegenwart bei Jazz-Festivals auf, scheint sich aber mehr im eigenen Fahrwasser wohl zu fühlen. Platten kommen über Verve, Polydor, Concord Jazz und 441 Records, alle zunehmend für die Liebhaber-Nische gedacht. Ihr Genre-überschreitender Stil und ihre markante Stimme haben den Eindruck aber schon längst hinterlassen: Shaw gehört zu den Jazz-Diven, denen der Sprung in die Popmusik makellos gelungen ist. Und auch, wenn sie offensichtlich Kind ihrer Zeit sein mögen, fühlen sich ihre großen Songs doch bis heute erfrischend aktuell an.

Alben

Surftipps

  • Discogs

    Discogs-Profil für Shaw

    https://www.discogs.com/artist/29831-Marlena-Shaw

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