Platten, Paranoia, Panikattacken: Der Wilco-Chef rekapituliert Erfolge und persönliche Tiefschläge.

Chicago (end) - "Niemand verfügt über genügend entbehrliches Einkommen, um es für das Memoir eines mäßig erfolgreichen Indie-Rock-Verfechters zu verschwenden, wenn dieses nicht mindestens ein bisschen gute Unterhaltung liefert." Wow, was für ein Einstieg in die eigene Biographie! Und direkt zu Beginn von "Let's Go (So We Can Get Back)" wird klar: allzu ernst nimmt Jeff Tweedy, Frontmann der Indie-Band Wilco, sich nicht.

Die Anfänge, Uncle Tupelo und Wilco

Tweedy beginnt mit seiner Geschichte ganz am Anfang: er berichtet von seiner Heimatstadt Belleville, einem Ort "voll von Depression in all den für die sterbenden Produktionszentren des Mittleren Westens üblichen Ausprägungen." Der Vater arbeitet bei der Bahn und trinkt jeden Abend mehrere Sixpacks, die Mutter hängt bis spät in der Nacht vor dem Fernseher. Nachdem ihm sein älterer Bruder Steve seine Plattensammlung vermacht, findet der junge Tweedy den Zugang zur Musik. Fortan verbringt er ganze Wochenenden damit, sich Künstler wie Kraftwerk, Frank Zappa oder Amon Düül anzuhören.

Bald darauf folgt die erste eigene Gitarre, bestellt in einem Weihnachtskatalog, die wie "ein kolossales Stück Scheiße" klingt. Aber erst mit zwölf, als er nach einem schweren Radunfall ans Bett gefesselt ist, beginnt Jeff regelmäßig zu üben. Zusammen mit seinem Klassenkameraden Jay Farrar gründet er Uncle Tupelo. Der Bandname stellt eine Art alternative Realität dar, in der Elvis kein King wurde, sondern als Redneck in Tupelo vergammelt.

Inspiriert von sowjetischen Spionage-Funksprüchen

Bei seinen Schilderungen ist Tweedy sehr genau und zeichnet fast minutiös den weiteren Weg auf: die Streitigkeiten mit Farrar, die schließlich zur Trennung führen und wie er danach seine eigene Band Wilco gründet. Dabei geht er aber nicht chronologisch vor, sondern wirft immer wieder Erinnerungen in den Raum, fast so, als hätte er den Buchinhalt spontan in ein Diktiergerät gesprochen. An manchen Stellen sind sogar Dialoge wie aus einem Drehbuch oder ein Comic eingearbeitet.

Besonders interessant gelingen die Passagen, in denen Tweedy über die Geschichten und Entstehungsprozesse der einzelnen Scheiben spricht. Die kryptischen Gesprächsfetzen auf "Yankee Hotel Foxtrot" etwa sind von sowjetischen Spionage-Funksprüchen aus der Zeit des Eisernen Vorhangs inspiriert. Tweedy entdeckte CDs mit solchen Kurzwellen-Nachrichten in einem Plattenladen und fühlte sich erinnert an unangenehme Konversationen mit Mitmenschen, bei denen man komplett aneinander vorbeiredet.

Depression, Sucht und Veränderung

Es sind aber auch überraschend viele persönliche, zum Teil sehr intime Stories im Buch gelandet. Tweedy redet von Depressionen und der Migräne, die ihn seit Kindheitstagen plagt. Es geht um Paranoia, Panikattacken und anhaltende Selbstzweifel. Irgendwann greift Tweedy zu Schmerzmitteln, um sich wieder normal zu fühlen. Aus dem anfänglichen Konsum entwickelt sich eine Sucht, die schließlich in der Nervenklinik und mit einem schwierigen Entzug endet. Am Ende von "Let's Go" steht ein Autor, der nun offenbar mit sich im Reinen ist. Den von seinem Vater geprägten Spruch "Let's go, so we can get back" ("Lass uns da hingehen, damit wir dann schnell wieder zurück können") weist Tweedy allerdings von sich, weil er Komfortzonen satt habe.

Augenzwinkernde Episoden und viel Selbstironie hebt seine Geschichte von den zahlreichen anderen Rock-Biografien ab. Etwa wenn er seine anfänglichen Gesangsversuche als das "pubertierende Trällern, das einem unter Umständen durch die Drive-Through-Sprechanlage eines Fast-Food-Restaurants entgegenplärrt" bezeichnet. Oder als ihn Puff Daddy einmal bei der Grammy-Verleihung mit dem Platzanweiser verwechselte. Zum Lesevergnügen trägt auch die deutsche Übersetzung von Tino Hanekamp (Autor, Mitbegründer des Hamburger Clubs "Übel & Gefährlich") bei, der für Tweedys liebenswürdig-verschrobenen Duktus stets die passenden Worte findet.

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Let's Go (So We Can Get Back): Aufnehmen und Abstürzen mit Wilco etc.*

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Wilco

Wilco,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Wilco,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Wilco,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Wilco,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Wilco,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Wilco,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann)

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Wilco gehören wie Radiohead oder Giant Sand zu jenen beneidenswerten Bands, deren Werke schon vor ihrer Veröffentlichung zu Meisterwerken erkoren werden.

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