laut.de-Kritik

Nüchtern betrachtet ein Meisterwerk.

Review von

Spätestens seit "Geist" spielen OG Keemo und Funkvater Frank in ihrer eigenen Liga. Die beiden schaffen eine Mark und Bein durchdringende Atmosphäre, die sie über die Länge eines Albums hinweg aufrecht erhalten. Der Rapper mit seinem bildhaften Storytelling und der Produzent, der mit seinen Soundcollagen nichts dem Zufall überlässt, haben das bislang eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Irgendwann müssen sich Karim Joel Martin und Dominic 'Franky' D'Amato aber die Frage gestellt haben, in welche Richtung es weitergehen soll, nachdem sie die Messlatte so unfassbar hoch gelegt hatten.

Was genau in den zwei Jahren seit "Geist" passiert ist, lässt sich von außen schwer rekonstruieren. Als sehr stressig und anstrengend beschreibt OG Keemo die Zeit der Arbeit am Nachfolger in einem Interview. Die zwei Jahre andauernde Konzeptarbeit habe ihn "kaputt gemacht". Jetzt, da "Mann Beisst Hund" nach etlichen Verschiebungen endlich raus ist, können wir verkünden: Der Stress hat sich gelohnt, das Kopfzerbrechen hat sich gelohnt und für uns hat sich das Warten gelohnt. "Mann Beisst Hund" ist nüchtern betrachtet - so nüchtern betrachtet wie irgend möglich - ein Meisterwerk.

Dass der erste Eindruck zählt, wissen Keemo und Frank nur allzu gut. Auf "Skalp" haben sie 2018 mit ihrem "Vorwort" eine Art deutsches "Shook Ones Pt. II" geschaffen. Das gespenstische Intro des letzten Albums, in dem die erste Begegnung mit dem zehn Meter großen "Geist" beschrieben wird, sucht noch immer seinesgleichen. Auch "Mann Beisst Hund" hält einen denkwürdigen Einstieg bereit. Schallplattenknistern, hektische hin und her wirbelnde Streicher, eine Art düsteres Schiffshorn, dann ein noch dunklerer Ton. Ein wenig erinnert das an einen alten Horrorfilm-Soundtrack, Hitchcock vielleicht? Dann steigt Keemo ein, kurz darauf droppt der Beat. Atmosphärischer und ungemütlicher kann ein Album kaum beginnen.

Die beunruhigende Instrumentierung dieses Einstiegs vermittelt den Eindruck, als könne jederzeit etwas Schlimmes passieren. Die Spannung liegt spürbar in der Luft: Eine Schlägerei, ein Raub, ein Mord? Aus der Egoperspektive erzählt OG Keemo, wie er einem Fremden begegnet. Der Ausgang der Geschichte ist völlig offen und dadurch so bedrohlich. Letztlich geht sie gut aus, tatsächlich markiert "Anfang" die erste Begegnung des 17 Jahre alten Karim/Keemo mit den anderen Hauptprotagonisten des Albums. Malik, einem "so um die 19 Jahre" alten Sohn eines Marokkaners und einer Mosambikanerin, gehört laut eigenen Angaben die Stadt, in die Karim gezogen ist. Er dealt mit Drogen und Waffen, steht "auf Polo-Caps, rohe Faustgewalt und Marlboro Red / Afghan-Hasch und Franzosen-Rap" und hält "große Reden vom Drogen nehmen und vom Hochhausleben / Von Satellitobservationen bis zu toten Vögeln / Von großen Plänen, von Geistern und Kuriositäten". Weniger bedrohlich als Malik wirkt dessen Kumpel Yasha, ein klein geratener "komischer Kauz mit den Augen eines Toten" und zerzausten Haaren. Die drei rauchen gemeinsam einen Joint und planen ihre erste Aktion, den Diebstahl eines Autos. Kurz darauf sitzen sie schon im geklauten "Civic".

Dem Hörer dürfte an dieser Stelle klar geworden sein, dass es sich bei "Mann Beisst Hund" um ein Konzeptalbum, genauer gesagt um eine Geschichte handelt, die mit 15 Tracks und zwei Skits erzählt wird. Laut Informationen des Labels führt diese Geschichte "von der Hochhaussiedlung bis ins Jetzt als loses biografisches Epos rund um die (halbfiktiven) Charaktere Malik, Yasha und natürlich Keemo". Auch "Geist" hatte autobiografische Züge, doch "Mann Beisst Hund" ist das weitaus persönlichere Album. Das Motiv des Geists, den OG Keemo auf zum Teil absurde Weise auf dem Vorgänger verkörperte, ersetzen nun die immer wiederkehrenden Motive des Hundes und der Vögel. Dabei bezieht sich der Titel weniger auf die in Journalistenkreisen verbreitete Unterscheidung zwischen Nachricht ("Mann beißt Hund", weil dies selten passiert und ungewöhnlich ist) und Nachricht ohne Wert ("Hund beißt Mann", weil dies oft passiert und gewöhnlich ist) oder den 1992 veröffentlichten Mockumantary-Film mit dem gleichen Titel, sondern vielmehr auf die Zeile "Mann beißt Hund wo ich herkomm'" aus dem "55 - Interlude" des letzten Albums. Laut Funkvater Frank sei der Titel "eigentlich wieder einfach nur im Prozess mit entstanden und hat sich immer mehr abgewandelt". Keemo ergänzt, dass das Album ursprünglich "Hunde" geheißen, aber "Mann Beisst Hund" einfach cooler geklungen habe.

Das Hundemotiv zieht sich dabei durch das gesamte Album. Malik wird am "Anfang" als Hundeliebhaber und Besitzer eines Dobermanns vorgestellt. Im "Hund Skit" philosophiert Malik von den Gemeinsamkeiten des Hundes mit dem Menschen. Der Hund sei gar nicht so groß anders als wir: "Wir werden gebor'n, lernen ein, zwei Tricks, schnüffeln der ein oder andern Hündin hinterher. Markier'n das ein oder andere Revier und sterben dann"". Ob Hund oder Mensch, niemand habe sich ausgesucht, auf die Welt zu kommen und jeder erfülle einfach nur seine Rolle, die ihm von der Natur oder dem Universum zugeteilt wurde. Quittiert werden Maliks Gedankengänge von der Gang mit einem wenig verständnisvollen "Was laberst du?".

Auf "Malik", einem von mehreren Bangern gleich zu Beginn des Albums, heißt es: "Lass' die Hunde aus dem Gitter dieses Jahr, M-A-L-I-K / Bitch, 127 ist der Code, niemand kriegt mich raus / Kurzes Fell, tätowierte Haut, Kiefer voller Schaum" und auf dem ebenso wenig kompromissbereiten "Big Boy" "Leben für Niggas wie mich besteht aus 'nem unbescheidenen / Hunger nach bunten Scheinen / Cali und Hundeweibchen / Häng' mit den Jungs, pumpe Flockaveli Song Nummer dreizehn", der zufälligerweise "For My Dawgs" heißt. "Vertigo" wirft die Frage auf, ob es einen Himmel für Hunde gibt. Der "Mann Skit" beinhaltet eine jäh durch das Auftauchen der Polizei beendete Diskussion über die Verantwortung und Handlungsfreiheit, die der Mensch dem Hund abgenommen hat. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, aber am stärksten bleiben die mehrfach vorkommenden Zeilen "Die Welt ist voller Hunde" bzw. "Die Welt geht vor die Hunde" hängen.

Das zweite Motiv, das sich als Teil des Konzepts durch das gesamte Album zieht, ist das der Vögel. Keemo rappt von Feuermalen auf Krähenhänden ("Anfang") und von toten Vögeln, die aus dem Himmel fallen ("Malik"). Eine besondere Bedeutung fällt diesem Motiv aber in Bezug auf den eingangs erwähnten Yasha zu, den womöglich ein tragisches Schicksal ereilt hat. "Vögel" thematisiert einen Suizid aus der Ich-Perspektive, wobei nicht ganz deutlich wird, wessen Gedanken wir hier verfolgen. Zieht man aber den Text von "Töle" zwei Songs weiter hinzu, in dem Malik Karim vorwirft, den Tod Yashas zu Imagezwecken missbraucht und seine alte Gang längst verraten zu haben, vervollständigt sich das Bild: "Du bist hier aufgewachsen, du hast uns in dei'm Blut / Und wagst es in 'nem Interlude über Yasha zu reden? / Pussy, ich hoffe, sein Tod tat wenigstens dei'm Image gut / Vögel fliegen, doch gehör'n nie in die Booth".

Aggressiver jugendlicher Übermut ("Komm vor's Haus", "Faust") weicht nostalgischer Unfähigkeit, zu erkennen, wann die alten Zeiten vorüber sind, der Sommer endet und Gewitterwolken aufziehen ("Warum kommst du nicht ins Haus", "Petrichor"). Darauf folgen verbitterte Einsicht ("Du wirst nie nach Hause komm'n / Denn du bist weit weg von Zuhause", "Töle") und schließlich doch noch ein letzter Versuch, Keemo zurück in die Siedlung zu holen: "Wir woll'n doch nur, dass du nach Hause kommst / Komm nach Hause / Mich hält nix an diesen Bauten, aber ich schaff's nicht mehr raus, seitdem du damals weggelaufen bist / Komm nach Hause.". Noch so ein Motiv, das sich durch "Mann Beisst Hund" zieht und schon mit dem Vorgängeralbum begann.

Hat es Yasha und Malik je gegeben? Ist es Malik oder Keemos Gewissen, das ihm in ebenjenes redet? Sind die Geschichten vom "Civic", von "Malik" und vom "Big Boy" genauso passiert, so ähnlich passiert und ausgeschmückt oder komplett erfunden? Das weiß wohl nur Keemo selbst. Es ist aber eigentlich auch egal. "Mann Beisst Hund" erzählt die Geschichte so authentisch wie möglich und versetzt den Hörer mitten hinein.

Jetzt sind bereits zehn Absätze ohne ausreichende Würdigung der grandiosen Arbeit des Produzenten Funkvater Frank vergangen, daher wird das hiermit schnellstens nachgeholt, wobei ein Absatz dafür eigentlich gar nicht ausreicht. Weil die beiden alles in Eigenregie machen und niemand anderen an die Regler lassen (mit Ausnahme von Minhtendo, der an der Produktion von "Ziller" beteiligt war) klingt das Album wie aus einem Guss, und weil der Funkvater so verdammt vielseitig ist, stellt sich nie Langeweile ein. Im Gegenteil, ein Banger jagt und toppt den anderen, die passendste Reaktion sieht wohl so, so oder so aus und es fällt schwer, den schepperndsten und brachialsten unter diesen Brettern auszumachen: "Civic", "Malik", "Big Boy", "Suplex", "Sandmann", "Blanko"? Hier hat wahrscheinlich jeder seinen eigenen Favoriten.

So hart und kompromisslos diese Tracks daherkommen, so gefühlvoll, träumerisch und soulig klingen die dazwischen. Sind wir uns ganz sicher, dass "2009" zum Beispiel wirklich von Funkvater Frank und nicht von J. Dilla produziert wurde? Spaß beseite, der Mann hat längst bewiesen, dass er mit seiner musikalischen Expertise und dem meisterhaften Sample-Chopping bei den ganz Großen mitspielt. "Du erinnerst mich an Cash in der Sommerzeit / Ich hab es nie erzwungen, nein, es sollt' so sein", spaziert Keemo über den Beat und genauso süß, unbeschwert und warm klingt dieser auch.

Mit jedem Durchgang fallen andere musikalische Raffinessen in der Produktion auf, wie das verzerrte in den Beat eingebaute Lachen auf "Vertigo", das gekonnt eingesetzt Scratching auf "Blanko" oder kleine Soundelemente, die Keemos Storytelling bereichern: mal das Geräusch eines auf dem Court aufspringenden Basketballs ("2009"), mal der gerade so wahrnehmbare Schrei des aus der Seite blutenden Studenten aus "Vögel". Klar, auch Funkvater Frank hat das Rad nicht neu erfunden und hin und wieder ploppen Assoziationen zu Bekanntem auf, das dem Duo womöglich als Inspiration gedient hat. Dass Keemo auf Project Pat und Memphis-Rap steht, wird nicht nur durch die "Ich brauch' nur Real-Nigga-Shit aus meinen Logitechs / Am besten Project Pat oder meinen Shit"-Line deutlich, sondern auch, weil sein Shit teilweise ähnlich klingt. An anderer Stelle ("Vögel") zeigt sich abermals, wie einflussreich Kanyes "MBDTF"-Sound war ("So Appalled") und durch den autobiografischen Charakter von Keemos Storytelling und die nachgespielten Skits erinnert "Mann Beisst Hund" natürlich ein wenig an Kendrick Lamars Klassiker "Good Kid, M.a.a.d City". Diese Assoziation hat OG Keemo bereits vorhergesehen: "Ich verschwend' meine Zeit nur mit Uno und Zigarren / Vielleicht mit Angelou oder James Baldwin, ich check', was du meinst / Doch ich steh' nicht hinter dem Kendrick-Vergleich". Dann haken wir den am besten schnell wieder ab.

Als einzig valider Vergleich kommt eigentlich nur der Vorgänger "Geist" in Frage, denn national mangelt es OG Keemo und Funkvater ohnehin an ernstzunehmender Konkurrenz. "Mann Beisst Hund" ähnelt "Geist" in vielerlei Hinsicht, offenbart keine Schwächen, besticht durch dieselben Stärken und macht sogar vieles noch besser. So spielend leicht, wie Keemo zwischen Flows wechselt und unzählige Reimketten aneinanderreiht, so mühelos switcht Funkvater Frank auch innerhalb einzelner Songs den Beat.

Nüchtern betrachtet ist "Mann beisst Hund" ein Meisterwerk. Weniger nüchtern betrachtet und ohne den notwendigen Abstand könnte man sich sogar dazu hinreißen lassen, "Mann Beisst Hund" zu einem der besten deutschsprachigen Hip Hop-Alben der letzten 20 Jahre zu küren. Abschließend bleibt nichts übrig, als zu gratulieren. Denn wer bis zum "Ende" dranbleibt, bis zu Frankys letztem Beatswitch und Keemos letztem Part, der erfährt... Ja, was erfährt der Hörer da? Wir spoilern an dieser Stelle lieber nicht und sagen herzlichen Glückwunsch an Keemo und an die erwähnte Person, die mit "M" startet: Du wurdest auf einem Meisterwerk verewigt.

Trackliste

  1. 1. Anfang
  2. 2. Civic
  3. 3. Hund Skit
  4. 4. Malik
  5. 5. Big Boy
  6. 6. Vertigo
  7. 7. Mann Skit
  8. 8. Suplex
  9. 9. 2009
  10. 10. Petrichor
  11. 11. Regen
  12. 12. Sandmann
  13. 13. Vögel
  14. 14. Ziller
  15. 15. Töle
  16. 16. Blanko
  17. 17. Ende

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OG Keemo und sein Produzent Funkvater Frank verstecken sich schon seit Jahren in ihrem Keller und nehmen Musik auf. Den MPC kaufen sie vom ersten Lehrgehalt, …

44 Kommentare mit 197 Antworten

  • Vor 11 Monaten

    Gott. Ist. Das. Gut.

    1. Super produziert. Irgendwo zwischen Headbanger Rap, Funk, Trap und Kanyes Instrumental Parts auf den College Alben. Tolle Samples und Zitate von Yung Hurn bis Freundeskreis.

    2. Rapparts: Dieser Akzent ist gefährlich. Die meisten Reime bei sowas enden auf -sch oder auf -a. Aber er bekommt das irgendwie gebacken. Ohne Autotune aber irgendwie auch feinfühliger als Hardcore Rap. Am bemerkenswertesten ist seine Fähigkeit auch öfters mal ganz ohne Reime auszukommen. Nicht so ein kreativer Wortbauer wie Haftbefehl oder Haiyti aber irgendwie doch stimmig. Man wünscht ihm natürlich eine bessere und variablere Stimme, aber dafür kann er ja nichts.

    3. Story. Großartig. Konzeptalbum im besten Sinn. Nur wenige Schwache Tracks (Blanko z. B.). Vielschichtig und oft auch gar nicht beim ersten oder zweiten Mal zu verstehen. Normalerweise sind Typen die über ihr Crime Life und schwere Jugend erzählen extrem langweilig. Gelingt nur wenigen im Deutschrap. Meistens erschöpft sich das darin, Straßennamen für BTM und Handfeuerwaffen aufzuzählen und sich selbst zu attestieren man sei der Krasseste (und ähnlicher Scheiß). Das soll dann angeblich glaubwürdig sein, ist aber meist einfach nur lächerlich. (Bin ja nicht blöd: natürlich ist Rap nie vollständig echt und Street Credibility nur BS, sonst wär's ja keine Kunst). Oder man macht das halt halb-ironisch, aber das hat OG KEEMO auch nicht nötig. Ist irgendwie glaubwürdig weil das irgendwie ehrlich wirkt (ist mir auch egal ob das dann 100% (auto)biographisch) ist.

    4. Skits: Ich erst so: was soll der peinliche Scheiß über Hunde? Aber irgendwie passt auch das. Kein Proseminar in Philosophie aber schon bemerkenswert inklusive einer doch irgendwie intelligenten rechtsphilosophischen Abhandlung zum § 833 BGB und dem Verhältnis von Freiheit und Verantwortung. Joachim Gauck wäre stolz (wahlweise auch Spiderman).

  • Vor 10 Monaten

    Natürlich auch Kernschrott. 1/5 sollte klar sein.

  • Vor 21 Stunden

    So. Mit Blick aufs VÖ-Datum bin ich natürlich ein gutes Jahr zu spät. Außerdem wäre dieses Release wahrscheinlich auch - wie ich zu meiner Schande gestehen muss - eher komplett an mir vorbeigegangen, hätten mich nicht einige von euch extrem neugierig gemacht im Rahmen dieser GOAT-Debatte vor einigen Wochen in einem der News-Fäden hier ("Beste 10 Deutschrap-Alben").

    Ich habe auch tatsächlich fast alle (!) bisherigen Kommentare hier gelesen einschließlich der "Flow / Text schwach oder nicht" - Debatte!

    Vor allem die immense Begeisterung einiger versierter Heads hier hat mich noch wilder aufs Album gemacht.
    So lange schon wünsche ich mir ein neues deutsches Rap-Album, das mich mit diesem Genre versöhnt und für das ich mich nicht schämen muss!

    Von daher habe ich mir nun, so gut es die täglichen Anforderungen in diesem Real-Life eben zuließen, einige Durchläufe gegeben. Mit Muße, Sinn und Verstand - So gut es halt ging.

    Die vorläufige Conclusio vielleicht als Abstract vorweg:
    Ich bin extrem ambivalent und leider insgesamt (noch?) nicht überzeugt von diesem "Meister-" Werk.
    Genau deshalb würde ich mich über einen ernsthaften Austausch mit einigen von euch Persern hier (so soll man das doch kodieren, oder?) sehr freuen!

    Ich fange an mit meinen Pros:

    1) Das Ding ist Musik! Die Instrumentals sind abwechslungsreich, rufen bei mir Emotionen hervor, wären wahrscheinlich sogar eigenständig ohne die Raps total gut hörbar. Die Produktion erscheint mir hochwertig, soweit ich das als völliger Laie überhaupt bewerten kann.

    Bestes Beispiel für mich "Regen" - Was für ein Song!

    Exkurs: Das erscheint mir als eine Möglichkeit, die Frage z. T. zu beantworten, die im o. g. Thread zur GOAT-Debatte gestellt wurde, nämlich warum Deutschrap im Vgl. zu z. B. US-Rap oft so schlecht altert - Ich glaube, in den USA wird da viel mehr Wert auf das Musikalische gelegt. Die Artists wollen (auch wenn sie brilliante Lyriker sein mögen), am Ende dort i. d. R. doch einfach auch einen guten und eingängigen Song machen. Das scheint mir im Deutschrap oft massiv anders zu sein. Exkurs Ende.

    2) Die teils großartige Lyrik! Die Texte schaffen es meiner Ansicht nach immer wieder, Straßenslang regelrecht einzubetten in echte Poetik. Die sprachlichen Mittel sind oft gewitzt, teils tiefsinnig, immer wieder verdichten sie auf beeindruckende Weise.

    Absolutes Highlight für mich in diesem Zusammenhang "Vögel" - und auch mit weitem Abstand der beste Track des ganzen Albums, wie ich finde. Wie hier die Bilder genutzt werden hat mich mehrfach echt staunen lassen.

    3) Das teilweise vorhandene unglaublich atmosphärische und authentisch wirkende Storytelling! Der Texter kann prinzipiell Geschichten erzählen, die mich mitreißen, in meinem Kopf einen Film entstehen lassen und mir Lust machen auf mehr davon.

    Beste Beispiele für mich hier wieder "Vögel" (in den Textpassagen, die Rückblenden sind), aber auch "Anfang". Auf eine gewisse Art auch "Ziller" und "Töle" gemeinsam.

    Leider passiert das für mich aber insgesamt zu selten, s. u. die...

    ... Contras:

    A) Thema "Konzeptalbum" / Filler:
    Das Ding soll ein Konzeptalbum sein und das gelingt auch gerade so, wie ich finde, wirkt auf mich aber insgesamt sehr ungelenk umgesetzt.

    Die Meta-Story geht nach meinem Verständnis ungefähr so:
    Die drei Figuren (Karim, Malik, Yasha) lernen sich kennen, klauen direkt ein Auto, fahren damit rum. Später machen sie über eine gewisse Zeit zusammen teils großen Scheiß in ihrer Siedlung. Yasha suizidiert sich irgendwann. Karim findet den Absprung, indem er Rapper wird. Malik bleibt irgendwie zurück und wirft Karim sein Verhalten einerseits vor, vermisst ihn andererseits aber auch. Karim (der wahrscheinlich am ehesten Keemo selbst sein soll) kriegt auch einen Sohn, was eine gewisse Relevanz haben dürfte.

    Soweit so gut. Meine Schwierigkeiten sind zum einen, dass die zeitliche Auflösung am Anfang super hoch ist dann aber total schwammig und sprunghaft wird. Die treffen sich, klauen das Auto, fahren los, philosophieren über Hunde. Dann gibt es wilde Zeitsprünge und vor allem (und das ist die andere, größere Schwierigkeit, dich ich habe) SO VIEL FÜLLMATERIAL!

    Mir ist schon klar, dass die Figuren alle auch einen Representer-Track haben dürfen, aber für Malik gleich 3 oder sogar mehr ("Malik", "Big Boy", "Sandmann" + ggf. weitere in Teilen)?
    Und warum hat Yasha dann nur einen ("Vertigo", denn "Vögel" zählt für mich nicht als Representer)?
    "Blanko" erfüllt fürs Konzept gar keinen sinnvollen Zweck mehr und war wohl nur eine coole Single für die Albumpromo.

    Das ganze wäre nicht so schlimm, wenn man in den (für mich zu) vielen Tracks insb. zu Malik immer mal was Neues erfahren würde. Tut man aber nicht und das führt mich zu...

    ...B) Die Charaktere, insbesondere Malik, kommen mir so schrecklich eindimensional vor! Yasha ist für mich noch am interessantesten, aber das kommt wahrscheinlich eher von der lyrischen Hochwertigkeit in der Darstellung seines Suizids und der assoziierten Flashbacks / Erinnerungen in "Vögel" und nicht von der Konzeption der Figur an sich.

    Zudem empfinde ich die ständigen Wiederholungen teils hoch problematischer Themen als mindestens eintönig, eher sogar als wirkliches Ärgernis.
    Andauernd soll irgendjemand sein Zeugnis verweigern, während andere ihre Komplizen verraten / bei den Cops singen. Immer wieder erklärt mir Malik (oder z. T. Karim) sein, sich wiederholendes, Verhaltensmuster, einen Coup zu landen, viel Geld zu machen, das dann komplett auszugeben, sodass das Ganze von vorn losgehen muss. Mehr als einmal wird die eigene Kriminalität / das unmoralische Handeln per Verweis auf einen nicht intervenierenden Gott gerechtfertigt. Mehr als einmal hat man "Hoes gehabt, bevor die Kohle kam".

    Allgemein immer wieder körperliche Gewalt, (wahrscheinlich maßlos übertriebene oder gar frei erfunde und damit dann auch wieder nicht sehr authentisch anmutende) Nutzung von Schusswaffen, (Klein-) Kriminalität, "Lila" / "Magenta" / also schlicht Geld und Verachtung von Frauen, bzw. von diesen befriedigt werden, während man selbst nichts tun muss.
    Letzteres bildet wiederum die Brücke zu...

    ...C) Der allgegenwärtige Chauvinismus. Das ist das Schlimmste am ganzen Album für mich. I'm so sick of it. Es wird auch nirgendwo satirisch gebrochen, tiefsinnig reflektiert oder auch nur grundsätzlich hinterfragt. Es ist einfach immer und immer und immer wieder da.

    Und in weiten Teilen halt auch wieder auf glorifizierende Art und Weise. Klar, Yasha wird psychisch krank davon. Aber er kann dann auch wieder nur auf die drastischste und "männlichste" Art damit umgehen, indem er die Gewalt dann konsequent gegen sich selbst richtet.
    Die anderen beiden Figuren kommen meines Erachtens gar nicht raus aus ihrer toxischen Männlichkeit.
    Von Zwischentönen, Graustufen, geschweige denn mal echten Gefühlsäußerungen weitgehend keine Spur, außer sie sind in überdramatischer Sentimentalität aufgelöst wie am Ende von "Töle"

    Insgesamt viel Licht also, aber eben auch viel Schatten für mich. Von daher vielleicht sogar wieder ganz passend, dass Sumpa auf "Petrichor" so ekelhaft nach J-Luv klingt ;)

    Am Ende könnten viele Probleme, die ich mit dem Album habe, durch konsequente Kürzung zumindest reduziert werden. "Malik" oder "Big Boy" raus, "Sandmann" und "Blanko" sowieso. "Suplex" vielleicht auch. Das würde den o. g. Punkten A) und partiell B) gut tun, denke ich.

    C) bleibt aber leider bestehen und ist der Grund dafür, dass ich mich auch für dieses Release wieder zu Tode schämen müsste, wollte ich es am Stück mit meiner Frau oder Tochter hören.

    Könnt ihr mir helfen? :)

    • Vor 18 Stunden

      Hey Duri. Ich habe deinen Kommentar gerade gelesen und finde ihn sehr beantwortungswert.Aber anstatt jetzt zu antworten lese ich ihn lieber morgen, wenn ich zwischendurch mal zeit habe, nochmal und versuche dann mal was dazu zu schreiben, weil du mMn viele gute Punkte ansprichst, die eine ausführliche und durchdachte Antwort verdienen. Und die kann ich jetzt nicht geben, weil ich relativ dringend schlafen gehen muss.

    • Vor 11 Stunden

      Du bist halt einfach ein nicer Dude, mit dem man echt Dingen auf den Grund gehen kann.

      Bin sehr gespannt auf deine Antwort und wünsche, gut genächtigt zu haben! :)

    • Vor 6 Stunden

      Also zunächst einmal nehme ich mal an, dass dieses Album dein erster Kontakt mit OG Keemo ist. Zumindest klingt es so. Darum möchte ich einleitend etwas über das Verhältnis zwischen Kunstperson und Künstler sprechen. Als Grundlage für meine Betrachtungen dienen mir die bisherigen Veröffentlichungen seit Rigor Mortis sowie diverse Interviews, die ich hörte oder las.

      Die Themen und Texte sind stark von der Biografie von Karim Joel Martin - so heißt Keemo bürgerlich - geprägt. Das vorherige Album, Geist, beginnt quasi bei seiner Geburt und thematisiert teilweise seine Kindheit und den Beginn seiner Jugend. Auch um die kriminelle Phase, die er als Heranwachsender laut Aussagen in Interviews tatsächlich erlebt hat, geht es dort schon. Jedoch mischen sich auch dort und zuvor bereits auf Songebene autobiographische Rückblenden mit fiktionalen Elementen; sehr oft wird die kriminelle Vergangenheit in die Gegenwart projiziert und mit seinem jetzigen Leben als Rapper verbunden. Zum Beispiel, wenn er erwähnt, dass er jetzt, wenn er auf Tour ist, durchaus noch körperliche Gewalt auf der Straße lebt, was ziemlich konträr zu dem ist, was OG Keemo in Interviews erzählt und wie er sich in den Medien präsentiert. Ich denke, dass er in seinen Texten sehr viel sein jüngeres ich noch einmal erlebt. Das lyrische Ich lebt in der Zeit, in der in Häuser eingebrochen wird und Autos geklaut werden, wobei manchmal ein Wechsel in die heutige Perspektive stattfindet, was auch durchaus innerhalb eines Songs oder sogar in einer Strophe passieren kann.

      Das schiebe ich vor, weil es bei meiner Antwort auf die Punkte A) und B) Relevanz haben wird. Aber nun Stück für Stück:

      "Die Meta-Story geht nach meinem Verständnis ungefähr so:
      Die drei Figuren (Karim, Malik, Yasha) lernen sich kennen, klauen direkt ein Auto, fahren damit rum. Später machen sie über eine gewisse Zeit zusammen teils großen Scheiß in ihrer Siedlung. Yasha suizidiert sich irgendwann. Karim findet den Absprung, indem er Rapper wird. Malik bleibt irgendwie zurück und wirft Karim sein Verhalten einerseits vor, vermisst ihn andererseits aber auch. Karim (der wahrscheinlich am ehesten Keemo selbst sein soll) kriegt auch einen Sohn, was eine gewisse Relevanz haben dürfte."

      Kleine Korrektur: Karim lernt Malik und Yasha kennen, welche beide schon vorher bekannt waren. Finde im Mittelteil noch relativ deutlich, dass von 2009 über Petrichor bis Regen erzählt wird, wie Karim einerseits eine für ihn wichtig empfundene Beziehung eingeht, die scheitert und es gleichzeitig auch zur Trennung von seiner "Gang" kommt. Der letzte Song, "Ende", steht meiner Meinung nach klar außerhalb der Geschichte. Etwas ähnliches macht er bereits auf dem vorherigen Album, er nutzt das "Outro" als Epilog, in welchem er die Entstehungsgeschichte des Werks referenziert und sehr persönliche Einblicke in das Leben des echten Karims (und des echten Franks) gibt. Natürlich ist das schon mit der Albumgeschichte verbunden, da das eine Autobiographische Geschichte ist, aber es gehört für mich nicht zur auf dem Album erzählten Geschichte von Karim, Malik und Yasha dazu.

      "Meine Schwierigkeiten sind zum einen, dass die zeitliche Auflösung am Anfang super hoch ist dann aber total schwammig und sprunghaft wird. Die treffen sich, klauen das Auto, fahren los, philosophieren über Hunde. Dann gibt es wilde Zeitsprünge und vor allem (und das ist die andere, größere Schwierigkeit, dich ich habe) SO VIEL FÜLLMATERIAL!"

      Dazu haben sich die beiden (OG Keemo und Funkvater Frank, die beiden arbeiten so eng zusammen wie MC HOOBEE und COCKSLAPWTF) in Interviews etwas gesagt: Zunächst hatten sie eine viel explizitere Geschichte und genaue Auflösung, was passiert. Also ein ausdrücklich erzählte Mitte und ein klares Ende. Damit waren sie aber nicht zufrieden und sie haben sich dann entschieden die Geschichte offener zu erzählen.

      Natürlich muss mensch das nicht mögen, und es hat mich zu Beginn auch etwas gestört, aber war dann der Grund für mich, viel intensiver in die Geschichte reinzugehen und selbst zu interpretieren, wie das alles gemeint ist und welche Rolle da eigentlich in welchem Song spricht. Und meine Interpretation der Geschichte hat sich über die Zeit durchaus verändert.

      Ich finde auch jeden Song außer Blanko und Ende für die eigentliche Geschichte wichtig. Ende gehört halt, wie erwähnt, mMn nicht zur Geschichte selbst. Blanko hingegen ist zwar an sich ein super Song, passt aber nicht wirklich aufs Album. Zumindest ist es nach dem Ende der eigentlichen Geschichte am Platz, an dem es am wenigsten stört.

      "...B) Die Charaktere, insbesondere Malik, kommen mir so schrecklich eindimensional vor! Yasha ist für mich noch am interessantesten, aber das kommt wahrscheinlich eher von der lyrischen Hochwertigkeit in der Darstellung seines Suizids und der assoziierten Flashbacks / Erinnerungen in "Vögel" und nicht von der Konzeption der Figur an sich."

      Ich glaube diese Eindimensionalität folgt aus der Reduktion verschiedener (mehrerer) echter Charaktere auf zwei Wege, an diesem Leben, dass dort beschrieben wird, zu zerbrechen. Yasha zeigt den grüblerischen, in Depressionen und Suizid endenden Weg auf und Malik den stoischen, abstumpfenden, der durch Drogen oder Gewalt endet. Im echten Leben waren es wohl mehr als nur 2 Homies, in der Fiktionalisierung nehmen die beiden Positionen auch so etwas wie moralisch richtig und moralisch falsch ein, was ziemlich deutlich aus den Skits hervorgeht (und denen den Personen zugeschriebenen Songs auch teilweise). Nach der sehr nahen Exposition, in denen der Autor wahrscheinlich auch echte Personen vor den Augen hatte, entfernt sich die Erzählperspektive immer mehr und mehr, und meine Theorie ist, dass im gesamten zweiten Teil, also ab 2009, yasha und malik nur noch als Teile von Karims Persönlichkeit dienen.

      "Mir ist schon klar, dass die Figuren alle auch einen Representer-Track haben dürfen, aber für Malik gleich 3 oder sogar mehr ("Malik", "Big Boy", "Sandmann" + ggf. weitere in Teilen)? "

      Bin mir sehr sicher, dass Big Boy der Representer Track von Karim ist. Folgende Textstelle:
      "Mein Bro sagt, ihr seid corny, denn ihr labert vor der Police
      Er sagt, am besten sagst du gar keinen Namen, wenn sie dich fragen (No)
      Aber wenn, dann sag ihn'n, es heißt nicht Malik, es heißt Malik (Bitch)
      (Denn sonst kommt er) mit dem Big Boy, ja"

      Außerdem passt es sehr gut, dass Karim jetzt der "Big Boy" ist. Er kommt neu in die Stadt, ist ein niemand, hat vorher (vorheriges Album) nicht reingepasst und dazugehört, war da auch nicht der Big Boy. Jetzt hängt er mit Malik und Yasha (also der Gang) und ist plötzlich jemand.

      Allgemein möchte ich mal eine grobe Interpretation der Tracklist abgeben:
      Anfang - Exposition, ziemlich eindeutig, wenig Spielraum für Interpretation
      Civic - der lifestyle, den Karim nun neu erfährt dem Hörer präsentiert.
      Hund Skit - Maliks Skit, in dem er seine Rechtfertigung für seine schlechten Taten präsentiert (welche gleichzeitig auch Karims Rechtfertigung ist)
      Malik - Malik wird weiter charakterisiert
      Big Boy - s.o.
      Vertigo - Yasha wird weiter Charakterisiert, Depressionen und Suizidalität klingen an
      Mann Skit - Yasha äußert seine Zweifel an Maliks Rechtfertigung aus Hund Skit und damit seine Zweifel am ganzen Lebensstil (Welche auch Karims Zweifel sind)
      Suplex - Kann ich am ehesten noch als Filler sehen, ABER mMn wichtig um zu sagen, dass alle weitermachen

      bei 2009, Petrichor und Regen fällt besonders auf, dass die musikalische Untermalung ruhiger wird, nach hartem Memphissound geht es jetzt eher in Richtung RnB. Für den Protagonisten ändert sich was, er hat eine schöne Zeit. Verbrechen ist noch präsent, aber gleichzeitig auch Glück, und ich interpretiere da eine Beziehung rein. Ist jetzt auch nicht so der Sherlock Holmes move, es ist ziemlich offensichtlich finde ich. Auf jeden Fall trifft Karim 2009 jemanden, der nicht so auf Geld und verbrechen steht, verliebt sich, kehrt in Petrichor der Gang den Rücken (aus Liebe), muss dann aber in Regen dem scheitern der Beziehung begegnen und fällt in alte Muster zurück, allerdings diesmal allein.

      Die nun folgenden Songs sind Betrachtungen aus der Ferne. Karims eigene Interpretationen gemischt mit seinen eigenen Gefühlen, projiziert auf tatsächlich Ereignisse, die er aus der Distanz mitbekommt.

      Sandmann - Malik lebt den Verbrecherlifestyle weiter, sound wieder dreckig und südlich, allerdings erzählt von OG Keemo ("Fragt Franky, Kabine riecht nach Gasbrenner"), was ein Hinweis darauf ist, dass Karim als OG Keemo anfängt zu rappen, was Malik immer noch aktiv in der Siedlung lebt (was ja später noch thematisiert wird).
      Vögel - Yasha suizidiert sich. Allerdings auch erzählt vom Rapper OG Keemo, mit dessen eigenen Erfahrungen von Depressionen, Schuldgefühlen und Suizidgedanken. Das schließe ich unter anderem aus:
      "Das Schlimmste ist, wahrscheinlich hatt' ich eine Wahl
      Ich war ein kluges Kind, mein Baba hat geprahlt
      Und Mama sagt, ich wär begabt, denn ich hab' gemalt"
      In mehreren Interviews erwähnt Keemo, dass er sehr gerne und gut gemalt und gezeichnet hat als Kind und Jugendlicher. Auch, dass er eher klug ist und in der Schule mehr hätte reißen können, und auch dass sein Vater mit ihm geprahlt hat erwähnt er mehr als einmal iirc.
      Ziller - Malik macht weiter wie zuvor. Oder Karim macht weiter wie zuvor? Hier verschwimmen die Personen noch weiter, was darauf hindeutet dass die Kunstperson OG Keemo näher am aktuellen Malik ist als am aktuellen Karim.
      "Ich machte beides und nicht erst, seitdem ich vorm Mikrofon steh' (Pow)"
      Es ist also der Rapper Karim aka OG Keemo.
      "werden gerippt vom dem Sandmann"
      Aber der Sandmann ist ja eigentlich Malik, Karim ist Magentamann.
      Töle - Diese Verschmelzung von Malik und der Kunstperson OG Keemo, die durch Karim erzeugt wird, wird nun thematisiert.
      "Alles, wovon du rappst, bin ich" Das sind zwar die Gedanken von Malik, aber nicht die echten, sondern diejenigen, die Karim vermutet bzw befürchtet. Im "Ende" spricht er von Überlebensschuld, weil er es rausgeschafft hat aber andere nicht, außerdem lässt er dort anklingen, dass die viele Freunde von damals ihm diese Vorwürfe gar nicht machen. Karim ist aber trotzdem geplagt von diesen Vorwürfen, die er sich größtenteils selbst macht. Warum hat er seine Freunde nicht rausgeholt? Warum konnte er Yasha (für den es wohl ein echtes Vorbild gibt, denke ich) nicht retten? Warum hat nur er es geschafft?
      Blanko - Netter Track, aber etwas deplaziert. Mag auch den Part von Kwam.E sehr.
      Ende - Hab ich ja schon mehrfach angesprochen, OG Keemo spricht hier über den Entstehungsprozess, resümiert distanzierter, gibt private Einblicke in sein Leben. Wie gesagt, sehr vergleichbar zu Outro auf Geist.

    • Vor 6 Stunden

      "Zudem empfinde ich die ständigen Wiederholungen teils hoch problematischer Themen als mindestens eintönig, eher sogar als wirkliches Ärgernis.
      Andauernd soll irgendjemand sein Zeugnis verweigern, während andere ihre Komplizen verraten / bei den Cops singen. Immer wieder erklärt mir Malik (oder z. T. Karim) sein, sich wiederholendes, Verhaltensmuster, einen Coup zu landen, viel Geld zu machen, das dann komplett auszugeben, sodass das Ganze von vorn losgehen muss. Mehr als einmal wird die eigene Kriminalität / das unmoralische Handeln per Verweis auf einen nicht intervenierenden Gott gerechtfertigt. Mehr als einmal hat man "Hoes gehabt, bevor die Kohle kam".

      Allgemein immer wieder körperliche Gewalt, (wahrscheinlich maßlos übertriebene oder gar frei erfunde und damit dann auch wieder nicht sehr authentisch anmutende) Nutzung von Schusswaffen, (Klein-) Kriminalität, "Lila" / "Magenta" / also schlicht Geld und Verachtung von Frauen, bzw. von diesen befriedigt werden, während man selbst nichts tun muss.
      Letzteres bildet wiederum die Brücke zu..."

      Absolut. Das ist keine leichte Kost. Aber es ist eine eindringliche Darstellung der Realität, also nicht was wirklich passiert ist, sondern wie diese Heranwachsenden untereinander geredet haben, eine mischung aus alltag und Fantasien, welche wiederum von anderen Medien inspiriert sind. Es werden ja mehrmals verschiedene Künstler und Werke referenziert, von der genialen Keith Harring-Zeile über Project Pat bis zu Fernsehserien wie One Piece. Es repräsentiert die Zeit im Leben des Autors und tut dies ungefiltert und teilweise auch glorifizierend, weil die Glorifikation schon damals Teil des Lebensstils und auch Rechtfertigungsmechanismus war. Ohne diese Präsenz von Gewalt und Schlechtigkeit würde das Album nicht funktionieren, und Rechtfertigung und Schuld sind ja eine Ebene höher zentrale Motive. Es geht um Verantwortung, und wer diese inwiefern trägt. Es geht darum sich schuldig zu fühlen, zu Recht oder zu Unrecht. Es wird an keiner Stelle explizit gesagt, welche Perspektive die richtige ist, Maliks oder Yashas, aber jeder Mensch, der denkt es wäre Maliks ist bereits so lost, dass auch das explizite Verurteilen nichts mehr bringen würde.

      An der zentralen Stelle des Albums wird eigentlich auch klar gesagt, wie scheiße diese Gewalt ist, die die drei ausgeübt haben, in Yashas Monolog vor seinem Suizid.

      Die Gewalt davor ist diejenige, die die drei ausgeübt haben, die danach diejenige, die der Rapper OG Keemo in seinen Texten darstellt, weil er sie vorher erlebt und ausgeübt hat.

    • Vor 5 Stunden

      "...C) Der allgegenwärtige Chauvinismus. Das ist das Schlimmste am ganzen Album für mich. I'm so sick of it. Es wird auch nirgendwo satirisch gebrochen, tiefsinnig reflektiert oder auch nur grundsätzlich hinterfragt. Es ist einfach immer und immer und immer wieder da."

      Ja, das finde ich auch schwierig. Bei vorherigen Releases ebenfalls. Lässt sich auch nur teilweise damit entschuldigen, dass es die Lebensrealität in der Adoleszenz junger Männer widerspiegeln soll, in der diese Art von Sexismus und Männlichkeitsbild wohl vorherrschte. Keemo selbst sagte glaube ich mal dazu, dass er da oft schon sehr weit gehen würde, aber sich selbst auch nicht filtern wolle. Und in Gesprächen wirkt er auch alles andere als sexistisch oder jemand mit einem verqueren Männlichkeitsbild. Aber allgemein komme ich nicht umhin, dir zuzustimmen, dass das ein Punkt sein kann, für den alleine mensch das album durchaus ablehen darf.

      "Und in weiten Teilen halt auch wieder auf glorifizierende Art und Weise. Klar, Yasha wird psychisch krank davon. Aber er kann dann auch wieder nur auf die drastischste und "männlichste" Art damit umgehen, indem er die Gewalt dann konsequent gegen sich selbst richtet.
      Die anderen beiden Figuren kommen meines Erachtens gar nicht raus aus ihrer toxischen Männlichkeit.
      Von Zwischentönen, Graustufen, geschweige denn mal echten Gefühlsäußerungen weitgehend keine Spur, außer sie sind in überdramatischer Sentimentalität aufgelöst wie am Ende von "Töle""

      Und wieder... Alter, Umfeld, Medien, Hormone... Es berichtet halt aus einer Zeit und einem Umfeld, wo Mann der stärkste, krasseste, brutalste, geilste und gefühlloseste sein musste. Aber ich finde Yasha auf den Suizid zu reduzieren vernachlässigt den langen internen Monolog, der ihm von Keemo zugedichtet wird (auf welcher ebene auch immer). Das ist halt sehr reflektiert, äußert und hinterfragt Gefühle und Motivationen, und zweifelt auch das Männlichkeitsbild an ("Dass ich mir dacht, jeder, der nix verkraftet, sei ein schwacher Hund
      Ich sollt das, shit, ich sollt das besser wissen"). Klar geht's danach weiter mit "Schwester schützen", was wieder sehr chauvinistisch rüberkommt, aber ich bin bereit, zu akzeptieren, dass die Charaktere in dem Alter einfach so waren. Was ich nicht okay finde, aber es sind halt auch Charaktere und dieses Frauenbild ist leider ziemlich passend für die Charaktere (aufgrund der sozialen Herkunft, nicht aufgrund der ethnischen).

      "C) bleibt aber leider bestehen und ist der Grund dafür, dass ich mich auch für dieses Release wieder zu Tode schämen müsste, wollte ich es am Stück mit meiner Frau oder Tochter hören."

      Ich halte das auch nicht unbedingt für soziale Musik. Das ist Musik für Kopfhörer. Ich weiß nicht genau warum, aber das album macht sehr viel mit mir. Möglicherweise geben mir manche biographische Einzelheiten eine gewisse Nähe zu der Geschichte. Gibt glaube ich kein Album, dass mich mehr bewegt hat, bei dem ich insgesamt mehr geweint habe. Die dichte Atmosphäre ermöglicht es mir, da richtig involviert zu sein, so dass Yashas Zweifel und Depressionen und schließlich sein Suizid mich hart treffen. Aber ich bin das ganze Album über sehr tief reingezogen, wenn ich es höre. Ich denke, dass da sehr viel von OG Keemos Gedanken und Gefühlen drinsteckt, dass der Schaffensprozess ein sehr intensive Reflektion dieser Zeit gewesen sein muss.

      Dies zusammengenommen mit der musikalischen und lyrischen Qualität macht das ganze zu einem der besten Alben, die ich je gehört habe. Das mich der Sexismus und die Objektifizierung wirklich stören ist ein Widerspruch, mit dem ich leben kann.

    • Vor 9 Minuten

      WOW, Du hast viel Zeit, Denk- und Gefühlsarbeit in deine Antwort gelegt und davor noch viel mehr von alldem in die Auseinandersetzung mit dem Album sowie auch dem Künstler und seinen Werken zuvor.

      Davor habe ich riesen Respekt und möchte erstmal schnell danken für die vielen Infos, Hintergründe und Einschätzungen!

      Du hast natürlich absolut Recht: Ich kannte vorher nix und hatte den Namen OG Keemo auch noch nie gehört.
      Komme jetzt so langsam dahinter, dass mir da wohl echt was durch die Lappen gegangen ist und plane, zumindest "Geist" in naher Zukunft auch noch auszuchecken. Die beiden davor evtl. ebenfalls.

      Ich muss heute auch leider meinerseits auf den kommenden Tag vertrösten, was eine angemessen ausführliche Antwort angeht.

      Nur so viel vielleicht auf die Schnelle:
      Viele deiner Punkte haben mir schon sehr geholfen, einige Aspekte dieses Albums besser zu verstehen und einzuordnen.
      Ich kann auch bei den allermeisten deiner Interpretationen der Texte gut mitgehen - einschließlich derer, die ich (zunächst) vielleicht anders gesehen habe. Danke auch dafür.

      Mehr (hoffentlich) morgen aus der Bahn ;)

    • Vor 2 Sekunden

      @Duri
      Würde mit "Skalp" anfangen. "Vorwort" alleine liefert schon einen sehr guten und tief-emotionalen Einstieg in seine Gednakenwelt.