laut.de-Kritik

Auf der Suche nach dem perfekten Rock-Song.

Review von

Spidergawd nehmen in der norwegischen Rock-Szene eine Sonderstellung ein. Weniger konsequent im Verfolgen der eigenen Heaviness als Kvelertak, zugänglicher als Motorpsycho (aus deren Kosmos die Band ursprünglich stammt) und weniger extrem als Turbonegro. "Also poppiger!" würden böse Zungen jetzt behaupten.

Ganz unpassend ist dieses Attribut auch nicht, ist der Fünfer aus Trondheim doch seit Jahren (und vor allem auf dem letzten Album "VI") für melodiösen und gefälligen Rock bekannt. Wie immer mit faszinierendem Artwork von Émile Borel ausgestattet, begeben sich Spidergawd auf dem in bester Tradition durchnummerierten Longplayer Nummer "VII" wieder auf die Suche nach dem perfekten Rock-Song.

Bereits beim Opener "Sands Of Time" fällt der Pop-Appeal der Norweger auf. Großer Sound, große Hook, garniert mit Verzierungen aus der großen Zeit des Hard Rock. Leichte Foo Fighters-Gefühle kommen auf, das ist einfach traumwandlerisch sicheres Songwriting mit einer Prise Humor. Die Nummer ist nämlich eine Entschuldigung Per Bortens an Gitarrist Brynjar Takle Ohr, über dessen Lieblingsband er einmal zu oft gelästert hatte. Ernstere und politische Töne schägt das Quintett aus dem Norden auf "The Tower" an, mit deutlicher Metal-Schlagseite.

Vergleiche mit Thin Lizzy und anderen Vertretern des frühen Hard Rock und Metal der britischen Inseln drängen sich beim Hören durchaus auf. Nun, ist halt Retro-Rock, da geht's nicht ohne Einflüsse. "Dinsosaur" huldigt jener Zeit unverhohlen, ein ordentliches Brett mit Doppelgitarre und stadiontauglicher Hook.

Auch auf dem siebten Longplayer in zehn Jahren entwickeln Spidergawd ihren eigenen Stil weiter. Songs wie "Bored To Death", "Afterburner" oder "Anchor Song" holen den 80s-Flair angenehm in die Neuzeit. Das früher manchmal etwas zu aufdringliche Saxophon wurde auf "VII" etwas zurückgefahren, was der ganzen Platte einen etwas weniger raffinierten, dafür roheren Charakter gibt. Das tut der ganzen Sache gut.

Sucht man auf dieser Verneigung vor der New Wave Of British Heavy Metal ruhigere Töne, so bekommt man sie am ehesten auf "Your Heritage". Die vorab veröffentlichte Single besticht durch gutes Tempo, mitreißende Melodien und ein feines Gitarrensolo. Die Schlussnummer "...And Nothing But The Truth" bietet mit seinen progressiven Elementen reichlich Platz zum Spielen.

Neben dem Songwriting begeistern auch die Solisten: Besonders Borten und Ohr an den Sechssaitern harmonieren fantastisch. Ob Spidergawd 2023 den perfekten Rock-Song bereits gefunden haben, liegt in den Ohren der Hörerschaft. Zumindest kommen sie der Sache immer näher.

Trackliste

  1. 1. Sands Of Time
  2. 2. The Tower
  3. 3. Dinosaur
  4. 4. Bored To Death
  5. 5. Your Heritage
  6. 6. Afterburner
  7. 7. Anchor Song
  8. 8. ...And Nothing But The Truth

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LAUT.DE-PORTRÄT Spidergawd

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6 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    Puh. Wünschte ja, ich könnte Spidergawd ähnlich viel abgewinnen wie laut.de. Mir klingt das aber immer zu sehr nach dem totalen Rockstandard, um mich mitzureißen

    • Vor 3 Monaten

      Geht mir ähnlich. "Objektiv" gesehen find ich das alles ziemlich gut. Aber es packt mich gefühlsmäßig einfach kaum, außer mit einer Art Nostalgie, die mich aber nicht lange mitreißen kann...

  • Vor 3 Monaten

    Ich mag die schon leiden, aber der große Hype, der von Musikjournalisten um sie gemacht wird, erschließt sich mir nicht so sehr. Auch bin ich jedes Mal aufs Neue enttäuscht davon, wie minimal die Rolle des Saxofonisten immer ausfällt. Er scheint mehr ein Gimmick zu sein, als dass die Songs groß von ihm profitieren würden.

  • Vor 3 Monaten

    Mich packt das Album total. Klar, früher war mehr Saxophon. Und das war auch ein typisches Erkennungszeichen. Aber nötig haben sie das nicht. Als typische Hype-Band würde ich sie gar nicht sehen. Eher ne Bande von Musikfans, die Musik machen, die ihnen Spaß macht. Wie im Video „Sands of time“ zu sehen.
    Direkt in meine Jahresbestenliste geschossen. 5/5

  • Vor 3 Monaten

    Dieser Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hausordnung durch einen laut.de-Moderator entfernt.

  • Vor 3 Monaten

    Ganz flotter, ziemlich gut gemachter Nahe-mainstream-Rock. Problem: Längst zu Tode gehört, interessiert nur noch die Hardcore-Fans, die nicht merken, dass sie immer dasselbe hören....

  • Vor 2 Monaten

    Sind Spidergawd überbewertet oder gehyped't? Kann man so sehen, muss man aber nicht. Und ja, das alles hat man schon einmal gehört, stört mich aber nicht weiter. Aber Spidergawd haben ihren eigenen Charme.
    Ein sehr gefälliges Album, dass gut nebenher läuft. Ich vermisse etwas die Ausreißer nach oben wie bei V und V à la "Yours truly", "Narcissus Eye".