13. September 2004

"Jeder schreibt nur über Peter ..."

Interview geführt von

Entspannt und verdammt gut aussehend steht Carl Barât vor mir. Das soll der Gleiche sein, der einem so bleich mit seinem verstörten Blick vom Albumcover entgegen starrte? Der, der auf der letzten Tour noch eindeutig jugendlich wirkte? Nun glaubt man kaum mehr, dass dieser Mann, der mit seinen laut klackernden Schuhen die Treppe zum Interview-Raum hoch kommt, erst 26 Jahre alt sein soll.

Vollkommen entspannt sitzt er vor mir und murmelt "ganz schön heiß hier". Und das, wo die Libertines gerade erst von einem Festival im sonnigen Italien kommen. Ohne Peter Doherty. Noch im letzten Jahr schien es unvorstellbar, dass die Libertines ihr Frontmann-Gespann endgültig aufbrechen und ohne das Sorgenkind auf eine vollständige Tour gehen. Inzwischen schaut man eher ungläubig auf ihre zweite Platte und wundert sich, dass die Band es überhaupt geschafft hat, ein zweites Album aufzunehmen.

Das mag vor allem an ihrem neuen Manager Alan McGee liegen: Der Mann, der schon die Zwistbrüder von Oasis bändigte "hat sich uns ausgesucht. Er sah unser Problem und wollte was ändern. Er sah, dass wir Hilfe brauchten ... und er konnte uns sehr helfen." Doch wie hilft man einer Band wie den Libertines, die Carl selber "schwer zu managen" nennt? Bestimmt nicht, indem man als Manager in die Rolle des Verträge-Händlers schlüpft.

Viel mehr war das menschliche Gespür McGees von Bedeutung: "Er hat Peter überredet, in die Reha zu gehen. Als Manager hat er ihn vor gewissen Dingen beschützt." McGee sei es gewesen, der dieses komplizierte Bandkonstrukt auch in schwierigen Zeiten zusammengehalten habe. "Er ist großartig", resümiert Carl seine Einschätzung von Alan McGee. Und während er das sagt, hört er für einen kurzen Moment auf, so unverschämt zu nuscheln. Es scheint ihm wichtig zu sein, dass man ihn hier versteht.

Die Auswirkungen des Engagements McGees mögen zwar gut für Peter sein. Doch Carl nimmt dieses Thema sichtlich mit. Was er am meisten an Peter vermisst, während er ohne ihn durch Europa tourt, darüber muss er erst eine Weile nachdenken. Wurde ihm diese Frage denn nicht schon 1000 mal gestellt? Liegt ihm so viel daran, dass er nach den richtigen Worten erst suchen muss? "Ein Gefühl der Einheit ... unser Erfolg ... wenn wir zusammen arbeiten, kann man spüren, dass wir erreichen, was wir erreichen wollen"

Doch das Songwriting läuft nicht immer so kuschelig ab: Ob zwischen den beiden beim Schreiben eher Kooperation oder Rivalität herrscht, möchte ich wissen. Wieder muss Carl ein wenig überlegen, um auf eine einsilbige Antwort zu kommen: "Beides ein bisschen."

Die Reibereien zwischen Doherty und Barât sind ständig präsent. Hatten die Songs der Libertines auf "Up The Bracket" noch ein klares Gerüst, das sie zusammen hielt, so scheint dieses nun wie die Verbundenheit der beiden Frontmänner auseinander zu fallen. Der Zwist zwischen Carl und Peter spiegelt sich an jeder Ecke wieder. Doch war dieser Schritt zum less-catchy-sein wirklich ein bewusster? "Nein, das so was macht man nicht absichtlich. Es ist einfach anders. Es war ein bisschen aufrichtiger als beim ersten Mal. Denn wir wussten, dass wir die Aufmerksamkeit der Leute hatten", erklärt Barât das Selbstverständnis bei den Arbeiten zum zweiten Album.

Doch könnte die gereizte, gewaltvolle Stimmung, die zwischen den Köpfen der Libertines während der Aufnahmen zum Zweitwerk herrschte, vielleicht auch positive Energien freigesetzt haben? "Gewalt?", fragt Carl ungläubig. Ob der Trouble in der Band auch positive Energie entfesselt, versuche ich es noch mal. "Having troubles? Ich denke nicht! Aber, naja ... ich weiß nicht, ob ich die Frage wirklich verstehe." Ich mache es deutlicher: Wenn ihr euch zum Beispiel im Studio streitet, bringt euch das nicht vorwärts? "Ich würde aber nicht sagen, dass das dann positiv ist. Vielleicht hat das ja was mit Leidenschaft zu tun. Ich weiß es nicht."

Häufig wurde in den letzten Wochen geschrieben, das Album solle die Sicht der Libertines auf ihre eigene Geschichte von Freundschaft, Rückschlägen, und Verzeihen erzählen. Es sei als Gegendarstellung zu den unzähligen Artikeln in der Boulevard-Presse gedacht. Doch davon möchte Carl Barât an diesem Nachmittag in Berlin nichts wissen: "Nein, ich möchte dem Boulevard da nichts entgegenstellen. Ich möchte mit dieser Welt nichts zu tun haben." Das seien nur Geschichten über das Leben und Musik. "Wir wollen einfach, dass die Leute uns zuhören" Was schwer ist, denn "jeder schreibt nur über Peter. Das überschattet leider auch das Album." So findet Carl es "hart Interviews zu machen. Man gibt so viel Persönliches preis. Und wenn man Pech hat, schreiben die Leute wirklich schreckliche Sachen über einen, vor allem die Boulevardpresse."

Entgegen der Einstellung Carls rennt Peter förmlich zu den Klatschblättern und erzählt ihnen brühwarm seine Geschichten von Abhängigkeit, Enttäuschung und Hoffnung. Man könnte meinen, Carl wäre unglaublich sauer auf dieses Verhalten: "Nein, nicht wirklich ... so lange er die Wahrheit erzählt! Was nicht immer der Fall ist ... Und mich dann sehr ärgert."

Auch über Gerüchte, dass Peter auf seiner Babyshambles-Site Libertines-Demos veröffentlicht, ist er nicht wirklich überrascht. Auf dieses Projekt Peter Dohertys angesprochen, seufzt er erst einmal lang. "Da möchte ich nicht wirklich drüber reden." Kein Problem. Genau das scheint oft das Stichwort für Carl zu sein. Sobald man ihm sagt: Ist OK, da musst du nicht drüber reden, genau dann entschließt er sich, es doch zu tun: "Ach, ich weiß nicht", sagt er, und hört sich dabei an, wie eine besorgte Mutter, "ich bin über so was nie wirklich überrascht. Nur enttäuscht."

Mit Peter hat Carl im Moment ohnehin keinen Kontakt. Der müsse erst mal "aufhören, Crack und Heroin zu nehmen", bevor er in die Band zurück dürfe. Ob es wahrscheinlich ist, dass er aufhört? "Im Moment glaube ich nicht daran", nuschelt Carl schnell und unverständlich. Trotz alledem denkt er weiter, die Libertines seien eine sehr romantische Band, träumt seine Märchen von Albion und Arcadia. Und davon, dass alles wieder gut wird: "The band will definitely go on!". Die Frage sei nicht ob, sondern wie es mit den Libertines weitergehe.

Auch der Hype um die Band hat an Carl keine bedeutenden Spuren hinterlassen: Davon merke er ohnehin nur in Interviews was. "Aber nein, das hat nichts mit meiner Welt zu tun." Viel wichtiger als die Klatschmagazine sind ohnehin die Fans, zu denen die Libertines vor allem in England eine ganz besondere Beziehung aufgebaut haben. In ihrer Heimat spielen sie öfter "intimate Gigs", die kurz zuvor auf ihrer Homepage angekündigt werden. Peter Doherty geht mit seinen "Babyshambles" inzwischen schon so weit, die Konzerte bei Fans oder gar bei sich zu Hause zu veranstalten.

Doch was ist die Intention, die hinter diesen Konzerten steckt? Fans haben sie doch ohnehin genug: Immerhin erreichten sie mit ihrem zweiten Album in England aus dem Stand Platz eins der Charts. "Ich mag es, Gitarre zu spielen, Musik zu machen und in Bands zu sein. Und ich mag diese großen Busse, irgendwo anhalten, wieder losfahren, und das ganze andere Zeug nicht so. Aber so ist das wohl, wenn du spielst, on the road bist. Wenn du Musik machen willst brauchst du ein Publikum, das dich hören möchte."

Manager McGee bescheinigte den Libertines nicht nur ein inniges Verhältnis zu ihren Fans, er nannte sie gar die "kulturell bedeutendste Band, vielleicht seitdem Punk aufkam". "Er ist unser Manager, er sagt viele solche Sachen." Man möchte es nicht glauben, kann der überzeugte Carl so ein Statement nicht nachvollziehen? "Doch ich denke schon. Es geht um Leidenschaft. Man muss den Leuten zeigen, dass sie ihren eigenen Weg gehen sollen. Du musst ihnen einen Weg aufzeigen."

Um junge Bands darin zu bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen, hat Carl auch ein eigenes Club-Projekt in London. "Ich mache das, um einen schönen Abend zu haben. Und es gibt Leute, die mal auf die Bühne wollen. Es gibt einige brillante Bands, denen ich ein Publikum geben will."

In dem Moment, in dem ich Carl signalisiere, dass ich eigentlich keine Fragen mehr habe, wird er plötzlich lebendig. Sein Nuscheln pendelt sich auf einem erträglichen Niveau ein, er bietet mir eine Kippe an und plaudert drauf los. Dass er sich auf das Konzert heute Abend freue, weil ihm das deutsche Publikum als so "leidenschftlich" in Erinnerung ist.

Und dass diese Coke Light Lemon, die er da gerade trinkt, wirklich widerlich sei: "Die hat in ihrem Leben noch nie ne Zitrone gesehen." Auf einmal ist er locker, scherzt darüber, wie eklig auch Coke Vanilla sei. Dann möchte er etwas über Denkmäler in der Nähe der Berliner Siegessäule wissen. Ob die etwas mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun habe. Apropos: Ist der Libertines-Song "Arbeit Macht Frei" eine Provokation? "Das hat nichts mit Deutschland oder den Deutschen zu tun. Der Song handelt von etwas, das in der Geschichte für Scheinheiligkeit und Heuchelei steht." Alles klar.

Carl klärt mich noch darüber auf, dass der Erbauer der Oberbaumbrücke sich umgebracht habe, weil die Brücke nicht hoch genug geworden sei ... und findet dies einen verständlichen Grund für einen Selbstmord. Doch auch jetzt bleibt er ein wenig skeptisch. Es bleibt die Angst vor der reißerischen Boulevardpresse, die die Geschichte der Band noch weiter ausquetschen möchte.

"Oh what became of the Likely Lads? What became of the dreams we had? Oh what became of forever?" Kann so etwas, wie diese durch ein Hin und Her zwischen Freundschaft und Zerwürfnisse geprägte Band wirklich ewig halten? "Ich weiß es nicht, ich habe es noch nie versucht!"

Das Interview führte Vicky Butscher

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT The Libertines

Jung, aufgedreht, partyhungrig, musikverrückt: Die undurchsichtige Geschichte der Libertines ist ursprünglich die von mehr als einem Dutzend Gestalten …

LAUT.DE-PORTRÄT Babyshambles

2002, ein beliebiges Konzert der Libertines: es gibt erst ein Album der Band. Keine Hysterie. Und vor allem keine Klatschzeitungen, die über diesen jungen, …

Noch keine Kommentare