laut.de-Kritik

Der König von London kehrt dem Grime den Rücken zu.

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Die Nacht vom 11. Juni 1997. Die NBA Finals zwischen Utah Jazz und den Chicago Bulls stehen 2:2. Michael Jordan liegt in Embryonalstellung auf dem Boden seines Hotelzimmers, hat kaum die Kraft aufzustehen. Lebensmittelvergiftung, behauptet er 23 Jahre später in der Doku "The Last Dance". Die zuhause ungeschlagene Mannschaft aus Utah wähnt sich siegessicher, schließlich wäre ein Fehlen Jordans fatal für die Bulls. Und in seiner Verfassung ist es unmöglich, dass er sein Bett verlässt, geschweige den Platz betritt. Oder?

Punkt 19 Uhr steht Michael Jordan auf der Matte und schleppt sich tatsächlich aufs Feld. Dass es ihm nicht gut geht, ist offensichtlich. Punkte macht er trotzdem. Kurz vor Schluss steht es 85-84 für Utah. Freiwurf Jordan. Treffer, Ausgleich. Der zweite geht daneben, Kukoč schnappt sich den Rebound, Pass auf Jordan, Pass auf Pippen, Pass zurück auf Jordan. Der setzt vollkommen frei zum Wurf an und netzt ein. 88-85 - Ein Vorsprung von dem sich Utah in den verbleibenden Sekunden nicht mehr erholen kann. Als der Schiedsrichter abpfeift bricht Jordan in den Armen Pippens zusammen. Es sind Bilder für die Ewigkeit.

Dieses Spiel, das als "Flu Game" in die Geschichtsbücher eingehen wird, ist wohl eine der beeindruckendsten Präsentationen von übermenschlicher Athletik und unbändigem Willen, die die Welt je sah. Aus großem Schmerz entsteht große Kunst, nichts neues, aber wohl aktueller denn je.

Fast Forward ins Jahre 2021. Ein Jahr lang knabbern wir jetzt schon kollektiv sprichwörtlich an der vergifteten Pizza, die Jordan 1997 in die Knie zwang. Wie der Megastar dribbeln wir von Tag zu Tag auf der Suche nach dem nächsten Slam-Dunk. In England steht Grime-Rapper AJ Tracey derweil schon eine ganze Weile ungeduldig an der Dreipunktelinie und wirft nun endlich mit "Flu Game" sein zweites, von jenem legendären Spiel inspiriertes Album in den Ring. Inspiriert insofern, als er Jordans Sportsgeist in einer vergleichbar-ausweglosen Situation kanalisieren will. Eine faktentreue Nacherzählung sucht man hier vergebens.

"I run this London town": Der selbsternannte König der englischen Hauptstadt hat hohe Ambitionen. Fast zwei Jahre in der Mache, steckt sein Zweitling eine breite Palette an Sounds ab, die ihn von seiner Kindheit in der Ladbroke Grove bis zu seinen ersten Abstechern in die internationalen Charts begleiteten. Dabei entwickelt die LP einen äußerst dynamischen Flow. Man kann Tracey förmlich dabei zuhören, wie er sich mit jedem der 16 Tracks mehr und mehr von seinen Grime-Wurzeln entfernt und stattdessen dem britischen Mainstream immer aggressiver seinen Stempel aufdrückt. Das ist jedoch nicht mal zwingend etwas Negatives, denn wenn "Flu Game" eines beweist, dann dass der 27-Jährige beides kann.

Die ersten sechs Songs variieren zwischen Trap und UK-Drill, mit einem verstärkten Fokus auf Zugänglichkeit. Abnutzungserscheinungen sucht man vergebens. Grund dafür sind in allererster Linie die vor Energie strotzenden Beats von der britischen Produzenten-Elite rund um AOD, die nie zu lang auf einer Stimmung verweilen. Der Anfang ist düster und eiskalt. Auf "Anxious" und "Kukoč" gibt der boomende Bass die militante Schlagrichtung vor, und auf dem minimalistisch produzierten Drill-Duett "Bringing It Back" vernebeln die düsteren Synths den Sound wie Rauchschwaden die nächtliche Luft einer Londoner Seitenstraße.

Doch mit "Cheerleaders" grätscht dann auf einmal ein wunderschön interpoliertes Pop-Sample ins Klangbild und vertreibt die bösen Geister aus dem mörderischen Untergrund. Vielmehr erhält eine kleine Prise Pomp Einzug, die "Eurostep" und "Draft Pick" anschließend noch weiter geschmackvoll ausdefinieren.

Bei aller Lobhudelei für die großartige Produktion, ist allerdings nicht zu vergessen, dass AJ Tracey am Mic selbst ebenso wichtige Arbeit leistet. Auch wenn der lyrische Inhalt selten den blutrot gefärbten monothematischen Horizont eines Grime-Rappers übersteigt, so bringt der Brite genug Hunger und Cleverness mit, um sich nicht nur inhaltlich endgültig von dieser doch stagnierenden Szene abzugrenzen, sondern auch, um in der Raplandschaft als Ganzes einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Schon AJs Debüt war untypisch riskant und poppig für einen Rapper, der seinen Durchbruch im Grime feierte, aber "Flu Game" macht spätestens auf halbem Weg deutlich, dass Tracey mit dieser ungesund kompetitiven Kultur absolut nichts mehr am Hut hat. "It's a horrible culture and I really don't like it", sagt er in einem Interview mit NME. Stattdessen ist er mit Features wie T-Pain, Mabel oder Kehlani im Gepäck auf bestem Wege, sich auch in Übersee als äußerst kompetenter Pop-Rapper zu etablieren.

Diese Rechnung geht allerdings paradoxerweise vor allem dann auf, wenn sich der Engländer nicht zu sehr an amerikanischen Standards misst, sondern eher in den eigenen Landen nach kreativem Input sucht. Die durch und durch von House, UK Bass und Garage inspirieren finalen Tracks "Dinner Guest" (mit einem Sample von Nightcrawlers Dauerbrenner "Push The Feeling On") und "West Ten" sind dafür perfekte Beispiele. Traceys Rapstil ist wie gemacht für diese lebendige und quirlige Instrumentierung. Seine Stimme bounct förmlich auf den infektiösen 2Step-Drums und setzt auch in den eigenen vier Wänden den Dancefloor in Brand.

Das wird vor allem dann deutlich, wenn man vergleicht, wie leblos er auf instrumental-identitätslosen Songs wie "Coupé" oder "Glockie" klingt, oder wie handzahm und uninspiriert er sich auf "Numba 9" oder "Summertime Shootout" an den Trademark-Sounds seiner Feature-Gäste (für die er darauf keine Konkurrenz darstellt) anbiedert und sich damit mal mehr mal weniger blamiert.

Darin liegt letzten Endes auch die Krux dieses Albums und der artistischen Progression, die AJ damit durchläuft. Unter dem Spagat zwischen seinen musikalischen Wurzeln und seinen internationalen Ambitionen leidet unabdingbar ein Stück weit seine eigene Identität als Musiker. Dass er versatil aufgestellt und unglaublich talentiert ist, steht außer Frage. In der Sekunde, in der Tracey nicht auf seine Stärken setzt, wird es jedoch ganz schnell uninteressant. Was diese Stärken sind, verdeutlichen die erste Hälfte und die letzten beiden Songs. Alles dazwischen ist nicht zwingend schlecht, aber schlicht zu uninspiriert, um inmitten der Flut an Streaming-Futter von vergleichbarer Qualität einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Wenn Tracey trifft, dann sind es Slam-Dunks. Die Standouts seines "Flu Games" sind allesamt großartig und mitunter sogar heiße Kandidaten für entsprechende Listen zum Jahresende. Als Ganzes gesehen kommt sein zweites Album aber eher einem Wurf gleich, bei dem der Ball minutenlang um den Ring tänzelt und gerade in dem Moment, in dem alle zum Jubeln ansetzten, nach außen kippt. "I've been trusted to take the game winning shot and missed.", sagte Michael Jordan einmal, "I've failed over and over and over again in my life. And that is why I succeed." Die Chancen stehen also gut, dass auch Tracey beim nächsten Mal einen Volltreffer landet.

Trackliste

  1. 1. Anxious
  2. 2. Kukoč (feat. NAV)
  3. 3. Bringing It Back (feat. Digga D)
  4. 4. Cheerleaders
  5. 5. Draft Pick
  6. 6. Eurostep
  7. 7. Cherry Blossom
  8. 8. Glockie
  9. 9. Little More Love
  10. 10. Top Dog
  11. 11. Summertime Shootout (feat. T-Pain)
  12. 12. Perfect Storm
  13. 13. Coupé (feat. Kehlani)
  14. 14. Numba 9 (feat. Millie Go Lightly & SahBabii)
  15. 15. Dinner Guest (feat. MoStack)
  16. 16. West Ten (feat. Mabel)

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