laut.de-Kritik

Wie Phoenix aus der Asche.

Review von

Eigentlich deutete 2017 alles daraufhin, dass es für Alvvays weiter steil bergauf gehen müsste. Ihre zweite Platte "Antisocialites" ließ sie zu den neuen Indie-Darlings werden und brachte ihnen 2018 den Preis für das beste Alternativalbum bei den kanadischen Juno Awards ein. Zwar wurde daraufhin ausgiebig getourt, mit neuer Musik kam die Band aber nicht rüber. Weil Alvvays sich auch nur sporadisch auf Social Media-Kanälen meldeten, klammerten sich Fans in den letzten fünf Jahren an jede Info, die man von inoffizieller Seite über die Kanadier bekommen konnte. Innerhalb von Fankreisen wurde etwa ein Tweet heiß diskutiert, indem eine Kellnerin behauptete, ein Mitglied der Band habe Mayonnaise zu Hashbrowns bestellt - was in Übersee anscheinend ähnlich umstritten ist wie hierzulande Nudeln mit Ketchup. Im Alvvays gewidmeten Unterforum bei Reddit entstand bald der Witz, dass jedes Mal, wenn jemand nach Updates zu einem dritten Album fragt, die Band den Release aus purem Trotz um drei Jahre nach hinten verschiebt.

Doch dann, Zeichen und Wunder: Anfang Juli aktualisiert die Band ihre Internetauftritte, kündigt "Blue Rev" an und liefert eine abenteuerliche Begründung für die lange Veröffentlichungspause gleich mit: Zuerst wurde bei einem Einbruch in die Wohnung von Sängerin Molly Rankin ein Aufnahmegerät mit einer ganzen Reihe Demos geklaut. Einen Tag später wurde ein Großteil des Equipments der Band Opfer einer Kellerüberflutung. Dann ging ihnen auch noch die bisherige Rhythmuscrew flöten und die neue konnte wegen der Grenzschließungen im Rahmen der Pandemie nicht aus den USA nach Kanada reisen. Erst meint man, hier habe es ein übereifriges Marketingteam mit der Entstehungserzählung etwas übertrieben, aber gleichzeitig klingt das alles zu schlimm, um nicht wahr zu sein. Zusammengefasst: Songs verloren, Instrumente verloren, Bandmitglieder verloren. Alvvays also wie ein Phoenix aus der Asche.

Die Sorge, dass der aufregende Paratext inhaltliche Mittelmäßigkeit kaschieren soll, ersticken die Kanadier schon mit dem eröffnenden Trio aus "Pharmacist", "Easy On Your Own" und "After The Earthquake" im Keim. Mit Shoegaze-Gitarrenwänden, die den charmanten Gesang von Rankin umhüllen, bieten die drei Stücke einen perfekten Einstieg in den unheimlich stimmigen Dream Pop der Band. "After The Earthquake" beweist dann, wie gut Alvvays auch geradlinigen Indie Rock in den Sound einspeisen. Das Verträumte trifft generell auf erstaunlich viel Energie, weshalb für Alvvays das Label Dream Rock fast zutreffender wäre. Auf Tracks wie "Pressed" erinnert die Band gar an The Smiths, was vor allem am Jangle-Gitarrenspiel von Alec O'Hanley liegt.

Die mitreißende Frische der Stücke spiegelt teilweise die langerwartete Rückkehr von Präsenzsessions im Sommer 2021 wieder, wie Rankin dem Rolling Stone verriet. So hat man sich bei "Pomeranian Spinster" etwa für den ersten Gesangstake entschieden, der am stärksten von der wiedergewonnen Bandenergie geprägt war. Das Stück klingt teilweise wie die punkigeren Auswüchse der britischen Indie-Welle Mitte der 2000er, allerdings im Alvvays-Anstrich. "Blue Rev" besticht weiter auch mit der Vielzahl an einprägsamen Melodien. Besonders Rankin, die ABBA in dieser Hinsicht als Vorbilder bezeichnet, liefert mit ihrem Gesang immer wieder ohrwurmige Bögen und Hooks, etwa in "Many Mirrors" oder "Belinda Says". Auch mehr ins Verträumte tendierende Songs wie "Tile By Tile" gelingen wieder wunderbar. Mit Streichern und Synths steigert sich der Track gegen Ende in einen stimmigen Klimax.

Rankins Texte wirken häufig assoziativ, werden selten besonders scharf, aber passen dadurch auch zu den sprudelnden, stellenweise verwaschenen Instrumentals. Von Tidal auf den Track "Very Online Guy" angesprochen, verwehrt sich die Frontfrau der Deutung, sie hätte sich dort an einer Gesellschaftskritik versucht, derer wir doch auch alle müde seien. Die Texte sind häufig wohl sogar recht weit entfernt von persönlichen Erfahrungen Rankins, sondern eher als Pastiche aus ihrer Wahrnehmung anderer Menschen und Imagination zu lesen. Vielleicht bezieht sich Rankin genau hierauf, wenn sie in "Bored In Bristol" singt: "If there's a role, I'll play it". Im oben erwähnten "Pomeranian Spinster" lässt sich der Text dann aber doch recht eindeutig als Statement begreifen: "I don't wanna be nice / I don't want your advice / On the run in my tights / I'm going to get what I want / I don't care who it hurts".

Die Hintergrundgeschichte des Albums wird so nicht zur Rechtfertigung einer halbgaren Platte, sondern das Album zum Triumph über die Hindernisse, die der Band in den Weg gelegt wurden. Einige der Stücke auf "Blue Rev" wird man zukünftig sicherlich auf Playlists mit den Titeln "Essential Dream Pop" finden, die Platte funktioniert aber vor allem auch als rundes Ganzes.

Trackliste

  1. 1. Pharmacist
  2. 2. Easy On Your Own?
  3. 3. After The Earthquake
  4. 4. Tom Verlaine
  5. 5. Pressed
  6. 6. Many Mirrors
  7. 7. Very Online Guy
  8. 8. Velveteen
  9. 9. Tile By Tile
  10. 10. Pomeranian Spinster
  11. 11. Belinda Says
  12. 12. Bored In Bristol
  13. 13. Lottery Noises
  14. 14. Fourth Figure

Preisvergleich

Shop Titel Preis Porto Gesamt
Titel bei http://www.amazon.de kaufen Alvvays – Blue Rev (Col.Lp) [Vinyl LP] €26,99 €3,00 €29,99

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Alvvays

So urban und hipstermäßig die Schreibweise ihres Namens und ihre zeitgemäß-zeitlose Indiepopmusik vielleicht wirken mögen, Alvvays sind ziemlich …

7 Kommentare

  • Vor einem Monat

    Hat ein bisschen gedauert, bis ich mich an den schon deutlich lärmigeren Charakter der Platte gewöhnt hatte, nachdem ich beim Zuckerguss-Indie-Pop von Antisocialites sofort schockverliebt war. Hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich den Einstieg (meint die ersten ca. 30 Sekunden, nicht das ganze Auftaktstück) etwas wirr finde und der Weg bei den ersten Durchläufen halt immer zwangsläufig darüber führt. Bei „After The Earthquake“ und „Pressed“ höre ich ebenfalls leichte Durchhänger.

    Jenseits davon ist das hier aber wieder ein ganz wundervolles Album geworden, mit tollen Melodien, hübschen Sound-Spielereien, einer im positiven Sinne gesteigerten, stilistischen Bandbreite und natürlich der bezaubernden Stimme Molly Rankins als Super-Trumpf. Kriegt sein annähernd universelles Kritikerlob schon zurecht.