laut.de-Kritik

Dem Klischee in die Karten gespielt.

Review von

Twee-Pop ist eine hübsche Spielart des Indie und leitet sich aus der Babysprache ab. Wenn aber vier Jahre seit dem letzten Album vergehen und das Kind weiter Wurzeln schlägt statt Flügel zu bekommen, klopft man lieber den alten Staub ab, um seine Jugend in den verflossenen Tagen der letzten Platten zu verschwenden.

Zaghaft spielen Architecture In Helsinki eine gutartige Schnullervariante auf den Allgemeinplätzen der Popmusik und scheuen sich nicht vor den Konsequenzen des ewigen 4/4-Takts. Nicht, dass diese gerade Zähleinheit verkehrt oder unbeugsam wäre. Eher verkümmert sie zu einem resistenten Grundbaustein, wenn auch die weiteren Liedspuren ähnlich abgegriffen bearbeitet werden.

Aus einer Laune heraus ist "Moment Bends" geschrieben, die so lange wie eine Lokomotivenfahrt auf Lummerland erscheint: Kurzweilig, verspielt - und mit einem Häkchen hinter der Güteklasse "Auchmalgehört-Schnellvergessen" versehen.

Von der einstigen Großgruppe scheinen nur die künstlichen Überreste vorzuliegen. Die Australier versuchen, eine elektronische Marschroute leichtfüßig zu gehen und stolpern dabei aus der Verantwortung, sich ideenvoll in die Pflicht zu nehmen. Das einzige Echtheitszertifikat dieses Retortenbabys ist Cameron Birds Tonfall - egal ob aus dem Zwerchfell als artikuliertes Bauchgefühl oder als Kopfsache im Falsett vorgetragen.

Kellie Sutherland, leider oft nur Sängerin aus zweiter Reihe, lässt sich wegen ihrer Degradierung aber nicht beirren. Sie gibt sich in "W.O.W." bescheiden gegenüber der sonst vorherrschenden Klischeeübermacht und trifft neben dem Ton auch den fast schon verloren geglaubten Nerv.

Auch wenn hier nicht alles Gold ist, was glänzt, sieht "B4 3D" wie der strahlende Sieger auf "Moment Bends" aus: "Baby, don't you know that is understood / That if you take away the sunshine / Then you take away the starlight." So kann Pop klingen, wenn ihm ein Licht aufgeht.

Bob Dylan sagte: "It's always good to know what went down before you, because if you know the past, you can control the future." Ganz so salbungsvoll soll man's nicht nehmen. Trotzdem: Architecture In Helsinki sind diesen Weg nicht gegangen, dafür haben sie sich einfach zu sehr in den Moment verguckt – und der ist nun mal schnell vorbei. "Schlauer ist man immer wieder hinterher", ruft dazu passend Sven Regener in den Abspann.

Trackliste

  1. 1. Desert Island
  2. 2. Escapee
  3. 3. Contact High
  4. 4. W.O.W.
  5. 5. Yr Go To
  6. 6. Sleep Talkin'
  7. 7. I Know Deep Down
  8. 8. That Beep
  9. 9. Denial Style
  10. 10. Everything's Blue
  11. 11. B4 3D

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