laut.de-Kritik

"Ein Schritt nach vorn, aber zwei Schritte zurück."

Review von

Für Die P hätte das vergangene Jahr wirklich schlechter verlaufen können. Auf ihren ersten Künstlervertrag bei 365XX folgte ihr viel gelobtes "Tape". Mit ihrem Debütalbum "3,14" soll nun ein großer Schritt nach vorne erfolgen. Dem scheint zunächst mal wenig im Wege zu stehen. Noch immer markiert sie überzeugend ihr Revier, wenn sie durch Songs wie "Niemand Kann Mir Sagen" oder "Ein Schritt" drischt. Selbst die neuen Gesangsversuche in "Standard", "Nie Mein Stil", "Ganjaman", "Hood 53" oder "Das Leben Ist DieP" fallen ordentlich aus.

Das gilt gleich doppelt für die Produktionen. TVL, Classic Der Dicke, Raz-One, Big Roo und Eddy Jah mögen einen nur überschaubar großen Promi-Faktor mitbringen, doch mit ihren Instrumentals kreieren sie eine Atmosphäre, die im hiesigen Rap Seltenheitswert besitzt. Vom rohen ("Hood 53") bis zum entspannten Boom Bap ("Genug") liegen ihre Wurzeln in den güldenen Jahren des Genres. Wenn durch "Neuer Tag", "Niemand Kann Mir Sagen" oder "Mailbox" das Saxophon echot, erinnert das an den Sound, mit dem Alles Oder Nix Records in seinen ersten Jahren Kritikererfolge feierte.

Es gäbe an "3,14" nichts zu bemängeln, wären da nicht die Texte, die immer wieder aufhorchen lassen. Schon in "Ein Schritt" eröffnet sie den Raum für Missverständnisse: "Wir sprechen noch aus, was ihr alle denkt. Der Hass und die Gier wird vom Staat gelenkt." Denkbar vage kritisiert sie "die da weiter oben". Das setzt sich im folgenden Song "Genug" fort, der sich listenartig über Missstände auskotzt und dabei mitunter ins Verschwörerische abdriftet. "Hab' genug von falscher Macht, die den Rest manipuliert." Was es mit dem Geraune auf sich hat, ließ sich auch im Interview nicht aufklären.

So wenig sie dem System zu trauen scheint, so sehr hat sie es doch verinnerlicht. "Harte Arbeit zahlt sich aus, tagein und tagaus", beharrt sie in "Niemand Kann Mir Sagen" auf ihre protestantische Arbeitsmoral: "Erfolg ist kein Geschenk." In "Standard" steigert sie sich weiter hinein. Zum eigentlich recht entspannten Instrumental predigt Die P verbissen das Evangelium der Leistungsgesellschaft. Da besiegt sie den "Schweinehund", gibt "Gas" und findet ihren "Fokus". Universität, Job, Familie, Sport, ja selbst der liebe Haushund: Sie definiert jeden Lebensbereich als Aufgabe, den es abzuarbeiten gilt.

"Von allem, was dich aufhält, hast du dich getrennt." Auf Sinnsprüche, die direkt aus dem Hause Mr. Burns zu stammen scheinen, vollzieht sie einen One-Eighty in ihrem "Viertel": "Ich geb' 'n Fick auf das System." Bei näherer Betrachtung der perspektivlosen Jugend greift sie doch lieber zum Blunt und schon sind die "Sorgen einfach weggebufft". Angemessen nebelig fällt die Produktion aus, ihr Vortrag bleibt jedoch eisern. Eine Spur weicher tritt sie im melancholischen "Das Leben Ist DieP" auf. Im Angesicht der Erschwernisse des Lebens weiß sie sich nur noch mit "Fuck the system" zu helfen.

Neben den inkonsistenten Stücken fallen die persönlicheren um so positiver auf. "Nie Mein Stil" schildert zur nachdenklichen Pianobegleitung die Suche nach sich selbst: "Wusste lange nicht wohin, doch wusste immer Richtung Bühne, weil mir normale Arbeit seelisch nicht genügte." Die sonst nicht gerade für Kitsch bekannte Rapperin platziert ihn hier gezielt: "Durch das Rappen wachsen mir zum Schweben Flügel." Träumerisch fliegt sie dann auch dank der "Mailbox", die an ihrem Ruhetag die Arbeit übernimmt: "Wenn etwas klickt, dann in der Booth nur das Metronom."

Doch selbst an ihrem "Glückstag" brodelt es unter der Oberfläche, denn "von nichts kommt nichts". So erweist sich "3,14" als vorzeigbares Debüt. Gerade in einem eher überschaubar spannenden ersten Quartal überzeugen ihr ebenso selbstbewusster wie trittsicherer Vortrag und die hervorragende Produktion. Fraglich bleibt aber, ob die Mischung aus einem nach Entspannung rufenden 90er-Jahre-Vibe mit dem Weltbild eines Kontra K funktioniert. Oder ob Die P nicht schon im Intro den eingeschlagenen Weg skizziert: "Ein Schritt nach vorn, aber zwei Schritte zurück."

Trackliste

  1. 1. Ein Schritt
  2. 2. Genug
  3. 3. Neuer Tag
  4. 4. Niemand Kann Mir Sagen
  5. 5. Standard
  6. 6. Nie Mein Stil
  7. 7. Viertel
  8. 8. Ganjaman
  9. 9. Hood 53
  10. 10. Das Leben Ist DieP
  11. 11. Mailbox

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3 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Textlich in der Tat etwas inkonsistent, musikalisch dafür aber ziemlich stimmig. Die Frau hat Energie. 4/5 hätte man durchaus geben können.

  • Vor einem Jahr

    Nachdem mich "Tape" nicht gerade in Hype-Stimmung versetzte, habe ich mir - trotz einiger Vorbehalte, die aus den Singles heraus gewachsen sind - mal das Album gegeben. Ich halte die Wertung soweit für stimmig.

    Es ist kein schlechtes Album, für allem für die Länge ging es auch gut rein und durch. Die Songs sind fast alle auf demselben Level, sodass ich auch nie den Drang verspürte, zu skippen. Das ist dann aber, neben den Texten, leider auch eine Schwäche des Albums. Die Beats sind allesamt gut und auch nicht schlecht produziert, nur wirken sie trotz Boom Bap-Style sehr steril und sauber. Ein bisschen mehr Experimentierfreude und weniger mathematische Genauigkeit, was den Aufbau der Instrumentale angeht hätte der ganzen Sache nicht geschadet. Gerade wenn man an die ganzen Klassiker von damals denkt: Hätten Mobb Deep oder der Wu-Tang Clan überzeugen können, wenn alles sauber gemixt worden wäre?

    Performance und Flow sind gut, und zwei Songs haben es tatsächlich in eine meiner Playlists geschafft.

  • Vor einem Jahr

    Warum ist dieses Hip-Hop Rap Gedöns eigentlich so fürchterlich stereotyp. Das fängt schon bei den Geschichtsausdrücken an...