3. Februar 2003

"Debbie Harry ist Hip Hop pur!"

Interview geführt von

Das hatte ich mir auch nie träumen lassen: während des (un-)verdienten weihnachtlichen Heimaturlaubs ein Interview mit EPMD-Legende Erick Sermon zu führen. Der rappende Starproduzent droppte im letzten Dezember sein viertes echtes Soloalbum "React" und arbeitet momentan an den neuesten Werken von Redman und Keith Murray. Einmal New York - Kiel und zurück. Nur per Telefon natürlich.

Okay Erick, beginnen wir mit dem neuen Album. Auf den ersten Blick fiel mir auf, dass du die Old School-Lady MC Lyte am Start hast.

Yeah, eigentlich sollte Da Brat den Part übernehmen, doch es gab vertragliche Probleme mit ihrer Plattenfirma. MC Lyte ist dafür jetzt ein vollwertiges Def Squad-Mitglied geworden, und in naher Zukunft wird man auch wieder etwas von ihr hören.

Lass uns über ein paar Songs von "React" sprechen. Was bedeutet der seltsame, indische Gesang im Refrain des Titeltracks?

Rappt: "Whateva' she said, then I'm that If this here rocks to y'all, then react". Das ist mein Part, was die Frau im gesampelten Hook singt, weiß ich jedoch nicht, denn Just Blaze hat den Track produziert. Auf jeden Fall darf man "React" nicht so ernst nehmen. Es handelt sich ja nur um eine spaßige Party-Nummer. In der letzten Sitzung mit meiner Plattenfirma habe ich ihnen den Song vorgespielt, auch dort hat keiner den Chorus gecheckt - Trotzdem fuhren alle darauf ab.

Ein weiterer interessanter Song ist "Love Iz", der ausnahmsweise mal nicht typische Klischees über die Liebe bedient.

"Love Iz" ist ein souliger Track, der Al Greens "Love And Happiness" featured und eine Art Fortsetzung von meinem 2001er Hit "Music" mit Marvin Gaye darstellt. Die Lyrics handeln davon, was Liebe alles sein kann: Respekt, Leidenschaft, Lob an deinem Arbeitsplatz, Hip Hop, nach Hause kommen – was immer du willst. Love Is A Fan.

Bei "Hip Hop-Radio" übst du Kritik an der einseitigen Mainstreamauswahl von Rap-Stationen wie Hot 97. In Deutschland haben wir auf einem Rock/Pop-Level übrigens ähnliche Probleme.

Bei "Hip-Hop Radio" habe ich Geschichten über einen Jungen, ein Mädchen und ein 10-jähriges Kind miteinander verbunden. Es geht darum, dass ihnen das Radio diktiert, was sie zu hören haben, welche Klamotten sie zu tragen haben etc. So wird den Fans nur ein beschränkter Tunnelblick auf die Hip Hop-Kultur ermöglicht, und sie werden daran gehindert sie selbst zu sein. Früher war Hip Hop dagegen auch im Radio noch vielfältig präsent: A Tribe Called Quest, Biz Markie, Public Enemy, Slick Rick, Big Daddy Kane – es gab so viele verschiedene Styles. Heute klingt jedoch alles sehr gleich und eintönig. Das ist sehr gefährlich.

Ist Besserung in Sicht?

Nicht nur aus kreativer Sicht, sondern auch auf Grund des kommerziellen Aspekts muss sich etwas ändern, denn Hip Hop wurde mittlerweile in Sachen Verkaufszahlen von Rock, R’n’B und Pop überholt und rangiert nur noch an vierter Stelle. Abwarten.

Wie wichtig ist für dich der kommerzielle Erfolg in diesem Stadium der Karriere?

I Don't Care. Wenn du ein Superstar bist, stehst du unter ständiger Beobachtung. Ich hatte diesen ganzen Rummel schon vor Jahren und brauche das nicht mehr. Mittlerweile befinde ich mich in einer Phase meines Lebens, in der ich versuche, das Musikbusiness zu verstehen und hinter die Türen zu blicken.

Du bringst viele Def Squad-Shout Outs auf "React". Was können wir von Keith Murray, Redman und Dir erwarten?

Im Moment arbeite ich an den Alben von Keith Murray und Redman. Keith Murray erste Single "U Know It", die Just Blaze produziert hat, sorgt bereits für Furore auf den Mixtapes. Redmans Neue und das zweite Def Squad-Werk sollen im Sommer folgen.

Apropos Just Blaze. Zum ersten Mal erhältst du Unterstützung von anderen Produzenten wie Rick Rock, Megahertz oder eben Just Blaze. Wie kam diese Zusammenarbeit zu Stande?

"Keith Murray stürmte mit einem ganzen Packen CDs verschiedener Produzenten, die ihm sein A&R gegeben hatte, in mein Studio. Während wir uns durch die Beats zappten, meinte ich dann "Yo, die Tracks sind fett, da wähle ich mir auch ein paar für mein Album aus." Wenn ich diese CD nicht in die Hände bekommen hätte, würden auch weiterhin keine anderen Produzenten bei mir an den Start gehen. Ich bin mit Blaze und Megahertz auch gar nicht im Studio gewesen, sondern habe nur mit Rick Rock direkt zusammen gearbeitet.

Was kannst du von den jungen Beatmaker-Talenten lernen bzw. umgekehrt?

Ich repräsentiere immer noch die Old School-Ära des Hip Hop - Sprich ich sample immer noch vorrangig im Funk- und Soulbereich wie bei EPMD. Nimm nur die Songs "Music" mit Marvin Gaye und "Love Iz" mit Al Green. Und in letzter Zeit orientieren sich die Künstler wieder an alten Platten. Jay-Z bzw. seine Produzenten Kayne West und Just Blaze benutzen auf den Blueprint-Scheiben viele Samples. Missy und Timbaland mixen Old School-Loops in ihre Sounds und Nas sowieso.

Wie motivierst du dich nach all den Jahren im Rapgame?

Ich bastele jeden Tag an meinen Beats, und so lange meine Leute sagen, dass ich immer noch ein Händchen für gute Songs besitze, werde ich weiter produzieren. Nimm zum Beispiel das Method Man And Redman-Album "Blackout". Mit diesen Produktionen bin ich damals weiter im Gespräch geblieben. Und das Gleiche wird hoffentlich auch bei der kommenden Keith Murray-Scheibe passieren. Außerdem motiviert mich natürlich auch weiterhin die Liebe zum Hip Hop. Wenn wir zum Beispiel bei den EPMD-Shows in den letzten Jahren unsere alten Klassiker gespielt haben, gingen auch die 15-Jährigen total ab. Das ist schon cool.

Wird es irgendwann ein neues EPMD-Album geben?

Ich verstehe mich mit Parrish immer noch sehr gut. Zudem stehen wir beide als Solokünstler und als EPMD bei Clive Davis' J Records unter Vertrag, so dass es zu einer Reunion kommen könnte, wenn die Zeit reif ist (Anmerk. des Verf.: Parrish (PMD) veröffentlicht dieses Jahr sein drittes Soloalbum, auf dem Erick Sermon, K-Solo, V.I.C., Kutmasta Kurt, DJ Premier und The Alchemist gefeatured werden. Neuesten Gerüchten zu Folge soll das siebte EPMD-Werk "We Mean Business" heißen und Anfang 2004 in den Läden stehen).

Welchen Emcee favorisierst du neben Redman und Keith Murray?

Eminem, Nas und Scarface. No Doubt. Eminem by the way ist ein Genie. Zwar kritisieren ihn viele ob der harten Texte, zum Beispiel über seine Mutter, doch Em hat Mic-Skillz und kreative Ideen bis zum Abwinken.

Hast du denn seinen "8 Mile" gesehen? Er erwähnt dich ja sogar in einem Battle-Rhyme.

Ja, davon habe ich gehört. Für den Film hatte ich jedoch noch keine Zeit.

Mit welchen Künstlern außerhalb des Hip Hop würdest du gerne zusammenarbeiten?

Oh, da gibt es so einige. Debbie Harry - Sie ist Hip Hop pur!!, Pink und echte Soulsänger wie Stevie Wonder, Joe, Jill Scott oder Glenn Lewis.

Lezte Frage: Werden wir dich auch bald live on stage in Deutschland sehen? Immerhin drücken sich mit Jay-Z, Nas und den Roots in letzter Zeit die großen Hip Hop-Acts die Klinke in die Hand.

Ich hoffe, dass es klappt. Gespräche in diese Richtung laufen auf jeden Fall. Anvisiert ist der April, denn ich möchte der einzige US-Hip Hop-Künstler sein, der zu der Zeit auf Tour ist. "All eyes on me, you know what i'm sayin." Ich war vor langer Zeit einmal in München, und es war sehr cool. Ich würde mich sehr freuen, wenn alles glatt liefe. Du kommst dann vorbei, und wir machen noch ein Interview. Okay?

Wort drauf, Erick.

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