laut.de-Kritik

Tony Banks durchforstet das Genesis-Archiv und verhebt sich.

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In England war es John Peel bei der BBC, der Genesis von Beginn an begleitete und für eine starke Verbindung zum Sender sorgte. Da die lange hielt, strahlte die BBC viele Studiobesuche und Konzerte der einstigen Art-Rock-Band aus. Aber auch die einzelnen Bandmitglieder Gabriel, Rutherford, Phil Collins, Steve Hackett und Tony Banks gingen dort ein und aus. Dadurch gerät das neue Box-Set mit Aufnahmen von 1970 bis '98 recht lang: Die CD-Variante umfasst 53 Tracks auf fünf Silberlingen, kompiliert von Tony Banks.

Darunter nicht nur cheesige Nummern wie das Schunkel-Stück "That's All", das knallige und - sind wir mal direkt - grässlich gesungene "I Can't Dance" und das Muttertags-taugliche und Wunschsendung-optimierte "Mama". Sondern auch zarte lange Lieder, Rock-Diamanten mit genialen Spannungsbögen, gegen den Strich gebürstete Harmonieverläufe, Anspielungen auf die britische Klassengesellschaft, Bezüge zur antiken Mythologie, frühe, ihrer Zeit voraus eilende Prog-Ausflüge, Suiten- oder Musical-artige Lieder-Zyklen, geheimnisvolle Stücke mit spooky Texten und für sich selbst stehende Schlagzeug-Studien.

Im Ursprung starten die Briten als exzellente Folk-Gruppe, hier mit einer typischen Barden-Geschichte. "Shepherd" trägt die Kunde von einer frostigen und verschneiten Landschaft. Gabriels schüttere, schwermütige Stimme macht einen Teil des Reizes aus, auch die Melodie bezirzt, und Genesis zeigen sich von ihrer zerbrechlichsten und zartesten Seite. Vom Proggen entdeckt man hier noch keine Spur. Das Liebeslied "Pacidy" über eine Projektion einer unerwiderten Begierde, die sich in Traum und Fantasie verliert, zählt ebenfalls zu den frühesten BBC-Aufnahmen der ab 1967 aktiven Band.

In "Pacidy" wirken Anthony Phillips' Dulcimer-Zither und Banks' Spiel an den Tasten zusammen wie der Grundstein für "Golden Brown" von den Stranglers, wo dann später das Hackbrett-Loop aus dem Synthesizer kommt. Das Klimper-Riff klingt sehr ähnlich. Wie auch viele andere Lieder hier, erstreckt sich "Pacidy" über eine lange Spielzeit, kann die Energie des unübersetzbaren, hoch poetischen Liedes auch aufrecht erhalten. Genesis bevorzugen damals archaische Metaphern mit einem Hauch Middle Age-Rohkost, mit fixen Ideen von auszutreibenden Biestern. Der Mensch im Wald ist hoffnungslos der Natur ausgeliefert, zum Beispiel Schneestürmen: "Mother fawn of a pine wood / shepherdess of my grief / veils a freedom not for me / Far beyond the steep ridge, where blizzards blast / the spirit of man, the frailest of beast."

Dann enthalten die "BBC Broadcasts" mit "Twilight Alehouse" eine Super-Rarität. Gabriel flötet, so exzellent, dass man's für ein Jethro Tull-Stück halten könnte. Naturgemäß hört man, wie auch bei Ian Anderson, die Querflöte nur manchmal, was sich so ergibt, wenn der Lead-Sänger ein Blasinstrument spielt. Verschiedene Modi, also sanft-rustikal wie mit dem Federstrich einer nordischen Folk-Elfe, dann fordernd, als führendes Instrument die Melodie tragend, schließlich jazzig-lässig, mit feinen Triller-Figuren, holen aus dem Klassik-Werkzeug alles heraus.

Mit mehreren rhythmischen Brüchen, einer Hammer-Trommelführung durch alle diese Brüche, und mit abwartenden, leisen Hinhör-Passagen entfaltet das Stück auf über acht Minuten seinen Spannungsbogen. Nicht umsonst etablierte sich der Begriff 'Classic Rock' aus solchen sinfonischen Lied-Aufbauten heraus. Sie transformieren das Simple, Direkte, Transparente des Brit-Folk zu polternden Prog-Abläufen, voller verquaster Übereinander-Schichtungen von Hammond-Orgel. Heraus kam dabei der Meilenstein "Foxtrot", von dem sind hier das phänomenale "Watcher Of The Skies" mit seinem kirchlichen Intro und "Get Em Out By Friday" vertreten sind.

Bei den Sessions von "Foxtrot" blieb "Twilight Alehouse" übrig, erschien jedoch erst mal nur für Leser*innen des Magazins Zig Zag. In einer leicht gekürzten Version erschien der hier vorliegende John Peel-BBC-Mitschnitt mal als Vinyl-Rückseite von "I Know What I Like (In Your Wardrobe)" und dann sehr spät auf CD, auf "1970-1975". Wobei diese Box heute dreistellig kostet. Erst 2021 entdeckte man den Song in einer früheren Aufnahme aus dem BBC-"Night Ride" im Sende-Archiv wieder, nun ist das Lied erstmals flächendeckend für die Masse erhältlich. Diese Release-Geschichte steht exemplarisch für das, was es mit den "BBC Broadcasts" auf sich hat: Sie waren einfach mal nötig.

Die andere Seite der Medaille deckt der deutsche Genesis-Fanclub auf seiner Webpage auf: Mitnichten handelt es sich um die BBC-Broadcasts. Sondern um einige, anscheinend beliebig ausgewählte und noch beliebiger angeordnete. Geopfert wurden einige der großartigsten Kompositionen der Band: "Lilywhite Lilith", "The Lamb Lies Down On Broadway", die Akustik-Version von "Lover's Leap" aus dem "Supper's Ready"-Liederzyklus von "Foxtrot", und das drei Mal in den BBC-Archiven vorhandene "Land Of Confusion". All das hätte es beim britischen Staatsrundfunk gegeben. Was fehlt, verrät einiges über den (teuren) Würfel.

Das exzellente "Duchess" haben viele im Ohr, ohne dass sie die Betitelung dazu wüssten. Es ist eine der besten Rock-Nummern von Genesis, wenn's drum geht, welche Songs das Attribut 'Rock' verdienen. Das pulsierende Intro ähnelt der chinesischen Zen-Musik, die man manchmal in Restaurants vernimmt. Das Meditations-Geblubber kommt in dieser Live-Aufnahme in satter Klangpracht zur Geltung und mündet in eine Art Marsch-Auftakt an Collins' Drums nach zweieinhalb Minuten. Die prägnante Zeile "she stepped into the light" sticht am deutlichsten heraus. Wobei Phil gegen einen Drumcomputer ansingt und in einer flehenden Tonlage vorträgt.

Es geht um eine Sängerin, ihren ungewollten Aufstieg zum Star, darum, wie sie das Publikum berührt und bewegt, dann um ihren schwindenden Nimbus. Die zugehörige Suite behielt man bei, mit "Behind The Lines", der Klavier-Überleitung "Guide Vocal", dem später oft als Konzert-Rausschmeißer verwendeten "Turn It On Again", dem fantastischen Moog-Gegniedel "Duke's Travels" und dem fanfarenhaften "Duke's End". Die Trio-Besetzung Banks, Collins, Rutherford lief hier zur Hochform auf. Die Gesamtheit dieser Tracks peformten sie nur während der Tour 1980. "You're listening to Genesis in concert from BBC Radio One, this is the Friday Rock Show", verkündet ein forscher Ansager im verdienten Applaus-Schwall.

Eine gut versteckte Perle! CD 2 macht es dem Fan nämlich schwer. Denn bis zu diesem Geniestreich ist es ein steiniger Weg: Was den "Squonk"-Mitschnitt vom Knebworth-Open Air 1978 für dieses Box-Set qualifiziert, bei dem man auf dem rechten Ohr vor allem dumpfe, tiefe Frequenzen hört, eine verkappte Mono-Qualität, das ist nicht erläutert. Eine ausführliche Ansage kündigt zwar die Setlist an. Dummerweise findet man aber von diesem Set nur noch "Burning Rope" in einer Version, in der eigentlich nur die Keyboards gut eingefangen sind.

"Dance On A Volcano" bricht mitten im Lied ab (kommt später als Teil des "Old Medley" nochmal vor), wäre eigentlich 6 Minuten 13 lang und erstickt nach 4:25, hüpft in ein "Drum Duet" unbekannter Quelle, welches ebenfalls mitten im Ton abbricht, worauf die CD ins introvertierte und recht verzichtbare XL-Instrumental "Los Endos" überspringt. Pardon, aber das ist kompletter Murks, und eine schlechte Zusammenstellung sowieso schon mäßiger Aufnahmen von teils nicht so dollen Stücken. Folgerichtig fehlt dieser Schrott in der Vinyl-Box komplett.

"Carpet Crawlers" ("We've got to get in, to get out") wird jeder, der den Song kennt, schon in kraftvolleren Versionen mit weniger Fokus auf den zaghaften Gesang gehört haben - eine der typischen Live-Recordings, die nur mit Bild und Stimmung, aber einfach nicht als Audio zünden. Schade, denn von meinem Genesis-Lieblings-Song hätte die BBC noch mindestens drei andere Cuts im Archiv.

Ein anderer Klassiker kommt noch schwächer in den "BBC Broadcasts" weg, "Follow You, Follow Me". Diese denkbar sedierende Darbietung entbehrt an Rhythmik, Stimmkraft und Ausdruckslust und strauchelt so langweilig wie dissonant. Überhaupt, CD 3 bietet inmitten lauter überlanger Nummern wenige Ankerpunkte. Manche Stücke wirken sehr aus der Zeit gefallen und mitunter wie ein Abklatsch auf Barclay James Harvest ("Say It's Alright Joe", "Ripples").

Einzig "The Lady Lies" ragt als Song-Granate aus den 1980-Mitschnitten heraus. Wichtig sind derweil die beiden Schluss-Tracks aus dem Wembley-Stadion 1987, "Mama" und "Domino", die Thrill, Stringenz und Stoßkraft an den Tag legen und dazu einladen, in ihnen immerhin fast 18 Minuten zu versinken.

Die anderen Songs von Wembley '87 auf der nächsten Scheibe, CD 4, führen jedoch den Ausverkauf der Band als kuschelige, kommerzielle Dudeltruppe vor, die jeder lieb haben muss, die aber Bubblegum spielt. Lediglich "Second Home By The Sea" bietet, zumindest mit flachen Prog-Soli, ein bisschen Experiment und Drama. "Invisible Touch" hört sich nach Plastik in Watte an und reduziert sich hier auf eine reine Synthiepop-Nummer mit Hookline-Alarm - ohne jedes Knistern, ohne Spannungspausen, ohne Luft und Elastizität, einfach runter geprügelt. Es gibt eine Stelle in der vierten Minute, da hört man, wie das Publikum kurz begeistert ist. Aber um diesen einen Moment anzusteuern, braucht man sich nicht mal die Mühe machen, den Silberling aus der Verpackung zu pulen.

Und weil "Los Endos" so ein peinliches Space-Instrumental mit Klischee-Prog ist, darf genau dieses Teil als einziges doppelt an der Box teilnehmen und auch CD 4 beehren. Die beiden Stücke mit Ray Wilson von Stiltskin als Genesis-Fronter, aufgenommen 1998, sind vor allem sehr unterschiedlich. "Not About Us" ist ein Schmierentheater-Akustiksong mit den abgegriffensten Text-Ideen der Pop-Welt, einem überforderten Sänger und abgerissenem Applaus. "Dividing Line" ist vor allem lang und hat ein paar Sollbruchstellen. Wer beim Dudelsack-Imitat und Rays Grölgesang zu Beginn der vierten Minute noch nicht aussteigt, wird zwischenzeitlich nochmal mit einem schönen Balladen-Abschnitt belohnt, aber ungefähr bei Minute 5:45 wird noch der letzte, der irgendwie Geduld mit dieser Gruppe hat, entnervt den Saft abdrehen oder einpennen. Da hätte man aber noch viel Spielzeit vor sich.

CD 5 offeriert mit dem entschlossenen und vibenden "Driving The Last Spike" ein Highlight aus einem Mitschnitt von '92. Es beendet die Vinyl-Box würdig, aber auf CD geht's noch lange weiter. Das 20-minütige, ordentliche "Old Medley" kann man sich durchaus gut anhören. Was wirklich spannend ist, wie die Besetzung ohne Gabriel und Hackett das Herzstück des Medleys, "The Lamb Lies Down On Broadway" neu interpretiert. Collins läuft zum engagierten Schauspieler beim Singen auf – so kennt man ihn gar nicht.

Trotzdem ist es insgesamt auch bei der fünften Scheibe schwer, mit dem Produkt wirklich warm zu werden. Dass "I Can't Dance" das Box-Set beendet, dokumentiert immerhin den frenetischen Beifall.

Zur Aufmachung lag uns seitens der Plattenfirma keine physische Bemusterung vor. Ich zitiere daher die Analyse des Genesis-Fanclubs: "Das CD-Boxset hat ein 40-seitiges Booklet mit Fotos und Begleittexten. (...) Die Fotos sind eher wahllos angeordnet, so (...) tauchen Peter und Steve auf, als man thematisch schon bei Knebworth 78 oder danach war. (...) Kleine Fehler im Text gibt es auch, so wird zum Beispiel "Harold The Barrel" auf "Trespass" verortet. (...) Die Gabriel-Ära-CD ziert ein Blumenmaskenmotiv von Peter, allerdings ist "Supper's Ready" gar nicht auf der CD enthalten."

Auf faktischer Ebene enttäuscht die Sammlung demnach: "Auf den Rückseiten findet man die enthaltenen Titel mit den entsprechenden Credits. Bei Pacidy wird irrtümlich Phil Collins als Co-Autor geführt. Die CDs (...) sind alle in einer unterschiedlichen Farbe bedruckt und haben jeweils einen anderen Genesis-Schriftzug (...) Die Schriftzüge passen (...) überwiegend überhaupt nicht zum Inhalt." Insgesamt liegt mit der Box also eine Themaverfehlung vor, mit Patzern, die sich mit schlichtem Googeln der Fakten hätten vermeiden lassen. "BBC Broadcasts" beginnen mit extrem guten Highlights und arbeitet sich bis hin zu mäßigem, überflüssigen Material vor. Es ist also wohl allenfalls für Fans ein Thema.

Trackliste

CD 1: Night Ride, 1970 + Paris, 1972 + Peel Sessions, 1974 u.a.

  1. 1. Shepherd
  2. 2. Pacidy
  3. 3. Let Us Now Make Love
  4. 4. Fountain Of Salmacis
  5. 5. Musical Box
  6. 6. Stagnation
  7. 7. Harlekin
  8. 8. Get Em Out By Friday
  9. 9. Harold the Barrel
  10. 10. Twilight Alehouse
  11. 11. Watcher Of The Skies

CD 2: Lyceum, 1980

  1. 1. Squonk
  2. 2. Burning Rope
  3. 3. Dance On A Volcano
  4. 4. Drum Duet
  5. 5. Los Endos
  6. 6. Deep In The Motherlode
  7. 7. Dancing with the Moonlit Knight
  8. 8. Carpet Crawlers
  9. 9. One For The Vine
  10. 10. Behind The Lines
  11. 11. Duchess
  12. 12. Guide Vocal
  13. 13. Turn It On Again
  14. 14. Duke's Travels
  15. 15. Duke's End

CD 3: Lyceum, 1980 + Wembley, 1987

  1. 1. Say It's Alright Joe
  2. 2. The Lady Lies
  3. 3. Ripples
  4. 4. In The Cage
  5. 5. The Raven
  6. 6. Afterglow
  7. 7. Follow You, Follow Me
  8. 8. I Know What I Like (In your Wardrobe)
  9. 9. The Knife
  10. 10. Mama
  11. 11. Domino

CD 4: Wembley, 1987 + NEC, 1998

  1. 1. That's All
  2. 2. The Brazilian
  3. 3. Throwing It All Away
  4. 4. Home By The Sea
  5. 5. Second Home By The Sea
  6. 6. Invisible Touch
  7. 7. Drum Duet
  8. 8. Los Endos
  9. 9. Not About Us
  10. 10. Dividing Line

CD 5: Knebworth, 1992

  1. 1. No Son Of Mine
  2. 2. Driving The Last Spike
  3. 3. Old Medley
  4. 4. Fading Lights
  5. 5. Hold On My Heart
  6. 6. I Can't Dance

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