laut.de-Kritik

So bitter waren die 80er Jahre.

Review von

"TV makes it, TV even breaks it, TV makes the superstar wherever you are" sangen Modern Talking in ihrem letzten Video vor der überraschenden Auflösung im Frühjahr 2003. Eine Erkenntnis, der nicht viel entgegen zu setzen ist, zweifellos spielen Videos eine große Rolle in der Vermarktung charttauglicher Produkte. Allerdings überrascht, wie spät Dieter "ich weiß alles besser" Bohlen diese wichtige Zutat für seinen Popschlonz entdeckt hat.

Die Anfänge von Modern Talking liegen so weit zurück, dass sie fast schon prähistorisch wirken. Aber selbst zu jener Zeit schlug sich Michael Jackson mit Zombies rum, während Duran Duran auf einer Yacht durch karibisches Gewässer schipperten, um innerhalb der Spanne eines Liedes einen Abstecher nach Machu Picchu zu machen. Ganz andere Assoziationen kommen bei Beginn des Videos zu "You're My Heart, You're My Soul" auf: Thomas Anders dampft wie ein frischer Scheißhaufen und klimpert auf einem tragbaren rotem Keyboard rum, Bohlen posiert mit E-Gitarre und trägt ein weißes Hemd unter hellblauem Pulli mit Rundkragen und der Aufschrift "Princetown Coaching Staff". So bitter die 80er Jahre in Bezug auf Ästhetik auch waren, cool kann das selbst damals nicht gewesen sein.

"Dieter Bohlen, der blonde Hüne mit der Vokuhila-Frisur und Thomas Anders, der Dunkle mit dem Nora-Kettchen und langer Lockenmähne, damals der letzte Schrei. Heute zum Schreien", verkündet die Sprecherin in der "Retrospektive" auf dieser DVD. O-Ton Bohlen: "Ich hab damals diese Adidas-Sachen von Adidas umsonst gekriegt und habe mir gedacht 'Mensch, wenn sie dir das Zeug schon schenken, dann kannst du es dir auch anziehen'". Mit dem Videodreh muss es sich so ähnlich verhalten haben: "Mensch, was müssen wir ins Ausland fliegen, wenn wir im Hinterzimmer meines Studios oder auf der Wiese hinterm Haus für ein paar Mark in wenigen Stunden drehen können?" So scheinen sie jedenfalls entstanden zu sein, die Aufnahmen zu den Stücken eins bis neun, meist bestehend aus einfachsten Kulissen und farbenfrohen Lichtern.

Es ist eben die Musik, auf die es ankommt. "Modern Talking steht für gut tanzbare Popmusik, und natürlich in den 80er Jahren für ganz innovative Musik" (Bohlen). Und auch für äußerst erfolgreiche. Da können Bohlens schwarzer Jaguar E-Type Cabrio und Anders' blauer Porsche 911 Targa am Ende von "You Can Win If You Want" noch durchgehen. Die silbernen Kugeln auf Schachbrettern, Anders im Captain Future-Look und Bohlens Dauergrinsen in "Cheri Cheri Lady "schon weniger.

Auch erstaunlich, dass die Produktionen um so geschmacksloser wirken, je erfolgreicher sich das ungleiche Duo durch die Radiosender aller Welt trällert: In "Brother Louie" schmücken Glaspyramiden auf rotschwarzem Hintergrund das Ambiente, in "Atlantis Is Calling" sind es dagegen pseudogriechische Pappmaché-Tempelreste, wobei Bohlen hier subversiv eine brennende Fackel in einen US-amerikanischen Briefkasten wirft. Als in "Geronimo's Cadillac" endlich das berüchtigte Nora-Kettchen seinen ersten Auftritt feiert, kommt schon fast Begeisterung auf.

Der goldene Halsschmuck auf schwarzem Stoff dient als Wegbegleiter durch die letzten vier Videos aus der ersten Phase der Band. In dem zur Saison passenden "Give Me Peace On Earth" (warum soll eigentlich gerade ihnen der Friede auf Erden gegönnt sein?) glitzert sie schön im fallenden Kunstschnee. In der letzten filmischen Bemühung passt sie dagegen nicht so ganz zu Cowboystiefeln und apokalyptischen Nachrichtenbildern. Zudem lässt der fiese Dieter den armen Thomas "In 100 Years Love Is Illegal" singen, wohl ein wuchtiger Seitenhieb gegen den adretten Braunhaarigen und seine einen Kopf größere blonde Lebensgefährtin.

1998, also gute zehn Jahre später, scheinen Lichtjahre vergangen zu sein. Nora ist Geschichte, Bohlen hat eifrig MTV geschaut und festgestellt, dass er sich mehr Mühe geben muss. Modern Talking präsentieren sich also zeitgemäß: ab die Matte, rein in den Anzug oder die schwarzen Lederklamotten, Vortritt für einen schwarzen Gastsänger und knapp bekleidete Schönheiten. Schade nur, dass das neue Material bei weitem nicht den Wiedererkennungseffekt des alten hat. Mit den aufgewärmten "You're My Heart, You're My Soul '98" und "Brother Louie '98" können "Sexy Sexy Lover" oder "Last Exit To Brooklyn" nicht mithalten, aber Bohlen war ja schon für Höheres prädestiniert, für Deutschland Sucht Den Superstar nämlich. Sinnigerweise endet die Zusammenstellung mit dem Titeltrack zur Sendung.

Neben der recht amüsanten "Retrospektive", die vielversprechend mit "Es ist vorbei, Modern Talking ist Geschichte" beginnt, überzeugt vom Bonusmaterial lediglich der Karaoketeil mit den untertitelten Videos zu fünf Stücken von "You're My Heart, You're My Soul" bis hin zu "Atlantis is Calling". Von der auf der Rückseite versprochenen Slideshow ist nichts zu sehen, die "Biografien" bestehen aus einem zweiminütigen Track, die Diskografie enthält auch nur einige Singlecovers und mühsam zu lesende Texte. Da scheint den Machern Zeit und Lust abhanden gekommen zu sein, was ihnen kaum zu verübeln ist. Für sie wie für uns bleibt zu hoffen, dass der Untertitel "The Final Album - The Ultimate DVD" wörtlich gemeint ist. Leider ist auf Dieter Bohlen in dieser Hinsicht kein Verlass, zumal er im Booklet droht: "Wir sehen uns wieder!".

Trackliste

Videos

  1. 1. You're My Heart,You're My Soul
  2. 2. You Can Win If You Want
  3. 3. Cheri,Cheri Lady
  4. 4. Brother Louie
  5. 5. Atlantis Is Calling (S.O.S. For Love)
  6. 6. Geronimo's Cadillac
  7. 7. Give Me Peace On Earth
  8. 8. Jet Airliner
  9. 9. In 100 Years
  10. 10. You're My Heart,You're My Soul '98
  11. 11. Brother Louie '98
  12. 12. You Are Not Alone
  13. 13. Sexy Sexy Lover
  14. 14. China in her eyes
  15. 15. Don't take away my heart
  16. 16. Win The Race
  17. 17. Last Exit To Brooklyn
  18. 18. Ready For The Victory
  19. 19. Juliet
  20. 20. TV Makes The Superstar

Bonusmaterial

  1. 21. Modern Talking Doku
  2. 22. 5 Karaoke Tracks
  3. 23. Biographie
  4. 24. Diskographie

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