laut.de-Kritik

"Be Here Now", du hast unsere Jugend zerstört!

Review von

Dieses verdammte Album. Auch für mich bleibt "Be Here Now" nach 25 Jahren ein äußerst komplizierter Fall. Oasis waren in den Jahren 1994 bis 1996 überlebensgroß und alles schien ihnen zu gelingen. Immer ein Rekord mehr, immer größere Songs und als großes Fanal die legendären Knebworth-Konzerte, zu denen halb England wollte. Auch dieses dritte Album brach 1997 die Rekorde in der ersten Verkaufswoche, aber schon bald verflog die Euphorie. Jahrzehnte später schaut man in ratlose Fan-Gesichter, wenn die Frage nach seiner Bedeutung aufkommt. Allein diese Zerrissenheit nervt. Über alle nachfolgenden Alben konnte man relativ klar sagen, dass sie eindeutig nicht mehr das Level der Meisterwerke "Definitely Maybe" und "(What's the Story) Morning Glory?" erreichten.

Doch selbst einem kraftlosen Tiefpunkt wie "Don't Believe The Truth" (2005) schlägt nicht so ein Argwohn entgegen wie "Be Here Now", und Noel Gallagher höchstpersönlich schimpft bis heute über seinen Fehltritt, der Oasis aus dem Götter-Olymp wieder zu den normalen Rock-Bands zurückstufte. Aber eine quälende Frage bleibt: Wo und warum ging alles schief?

Unter Britpop versteht man die Gegenbewegung zur damals alles dominierenden amerikanischen Rockmusik, die gleichzeitig noch satte Popstars wie Sting und Phil Collins aus den Charts vertreiben wollte. All das gelang relativ schnell, und plötzlich standen die Rebellen selbst auf dem Thron, an dem wiederum die Nachfolger sägten. Der Downfall erfolgte dementsprechend hart und spektakulär. Ehemalige Britpop-Helden wie Pulp und Blur schauten nur noch mit Verachtung auf die narzisstische Bewegung, die sie einst mit erschufen. Die musikalische Antwort fiel entweder wesentlich düsterer oder betont unbritisch aus, fast schon amerikanisch.

Auch von anderer Seite begann 1997 ein Umbruch. Die Alben von The Prodigy und den Chemical Brothers, zuvor noch befreundeter Support von Oasis, wirkten krasser und, was sehr viel wichtiger war: in den Ohren von Teenies wesentlicher cooler. Genau wie Radiohead, die mit OK Computer nach Zukunft klangen, oder die Rock-Dinos von U2, die mit "Pop" noch einmal an den Zeitgeist andockten. Innerhalb von einem Jahr gab es gravierende Veränderungen in der Musikwelt, auf die Oasis nicht mehr reagieren konnten oder wollten. Irgendwo im Koks-Nebel - und davon gab es bekanntlich eine Menge während dieser Produktion - schufen sie pomadige Rocksongs, die ohne Ziel und mit zu vielen Soundspuren kaum ein Ende fanden.

"Wonderwall" und "Don't Look Back In Anger" brauchten keine Sekunde, um mit einem einprägsamen Akkord und einer feinen Melodie direkt die Herzen zu erobern. Auf "Be Here Now" hingegen kommt kaum ein Song ohne ellenlange Füllmomente aus und wälzt ein repetitives Soundgerüst schon einmal auf bis zu elf Minuten aus. Lange Intros zerfasern, bis endgültig die Stimme, der Bass und all die guten Ansätze unter der Last von zu vielen Overdubs ersticken.

Waren sie einst die punkigen Rotzlöffel, die in einfachen Adidas-Trainingsanzügen aus Manchester-Burnage die Welt herausforderten und sie für einen Moment beherrschten, klingen sie nun wie ein schlechtes Rockstar-Klischee in einem megalomanischen Comic. In "It's Getting Better (Man)" singt Liam gefühlt hundert Mal die gleiche Strophe, was alles über diese einfallslose Luftnummer aussagt. Ähnlich wie "My Big Mouth", ein mediokrer Song mit so viel Größenwahn in den Adern, dass er nicht mehr geradeaus laufen kann. Selbstbewusstsein war nie das Problem der Gruppe, aber mit "Be Here Now" entsteht ein monströses Über-Über-Ich.

Das Musikmagazin Q nannte das Album "vertontes Kokain". Nachdem die britische Presse die Großartigkeit von "Morning Glory" noch übersah, schrieben sie das dritte Album voreilig in den Himmel, nur um es dann nach den ersten negativen Reaktionen schnell als schlechtestes Album der Musikgeschichte zu stilisieren. Als ob vorher nicht schon andere Bands an der Hürde des schwierigen dritten Albums gescheitert wären. Mit Oasis ging allerdings das große Schlachtschiff des britischen Pop-Empires baden, auch wenn die Verkaufszahlen im Vereinigten Königreich immer noch mehr als ordentlich ausfielen: 663.400 Exemplare in den ersten drei Tagen.

Dennoch: "Be Here Now" ist der riesige Zeppelin, der in Flammen aufging. Wenn Oasis aus dem Olymp verschwinden, dann aber spektakulär und mit erhobenem Mittelfinger. Dieser Einstellung haben wir "D'You Know What I Mean?" zu verdanken. Eine letzte großartige Lektion in Arroganz, die vielleicht als einziger Track seine Länge bis zum Ende komplett ausspielt. All die Spielereien, ein Morse-Code im Intro und der Feedback-Sound zum Schluss, lassen noch einen Faden erkennen. Allerdings handelt es sich dabei um ein Selbstzitat, denn die "Wonderwall"-Akkorde erkennt jeder sofort. Auch Liams Stimme präsentiert sich ein letztes Mal in Hochform, bevor er sie mit sämtlichen Substanzen jahrelang ramponiert.

Noels "Re-Think"-Version des Songs aus dem Jahr 2016 ändert an der Länge nicht viel, tönt aber wuchtiger und dynamischer aus den Boxen. Angedacht war ja eine komplette Album-Neubearbeitung, aber Noel verlor wohl wieder die Lust oder möchte nun doch endgültig abschließen. Die alternative Version des Albums bildet die legendäre "Mustique"-Session. Irgendwo in der Karibik nahm Noel hier mit Producer Owen Morris Stripped-Down-Versionen der Soundspur-Orgien auf, und plötzlich schält sich aus der Wall Of Sound-Schlacke genau das Edelmaterial heraus, das man unter den ganzen Effekten und Overdubs nur vermuten konnte.

In der akustischen Version entfaltet auch "Don't Go Away" die volle emotionale Kraft und zeigt seine verletzliche Seite. Der Song handelt schließlich von all den Ängsten und Sorgen um die Mutter, die eine Krebsdiagnose erhielt. Liam sagte später in einem Interview, dass er mehrfach die Aufnahme weinend abbrechen musste. "Fade In/Out" fehlt dagegen der Wahnsinn, wenn Liam mit seinem Schrei die minutenlange Feedback-Orgie einleitet, aber der erdige Blues-Song lohnt trotzdem.

"Setting Sun" holt Noel praktisch von den Chemical Brothers wieder zurück. Wer hätte gedacht, dass dieser krachende Sirenen-Terror auch als Lagefeuer-Song taugt? Was für ein großartiges Album hätte "Be Here Now" mit all den nicht verwendeten B-Seiten und ruhiger Ausarbeitung werden können. Für die Optik und das Vinyl-Regal steht nun also eine silberfarbene 25th Anniversairy Edition bereit, eine Doppel-Picture-Disc oder eine Kassette - das umfassende Bonusmaterial bleibt leider auf der Remastered Editon von 2016.

Fazit: Es gibt immer noch genug Gründe, "Be Here Now" zu hasslieben. In seinen selbstverliebten Momenten möchte man das Album wütend im nächsten Mistkübel ertränken, nur um es kurz vor dem Exodus wieder rauszuziehen und Ohrfeigen zu verteilen. "Be Here Now", du hast unsere Jugend, unsere Träume der Unsterblichkeit zerstört. Du warst ein unausstehliches Arschloch, aus dessen Maul nur noch hirnloses Gelalle statt Lyrics für den unsterblichen Sommer kamen. Du warst die Beerdigung. Aber, bei Gott, was für eine!

Mit goldenen Kutschen, Edel-Pferden mit Fügeln, clownesken Beatles-Figuren und nie enden wollender Blasorchester-Parade. Willkommen zur weißen Koks-Parade. Selbst Owen Morris, der bis dahin alle Oasis-Alben noch so on point produzierte, war komplett auf dem weißen Puder. So saßen wir am Schluss verloren zusammen am Tresen, schauten auf Scherben, herumflatternde Pfauen und in bleiche, ausgekotzte Gesichter. Es war die letzte große Rock'n'Roll-Party.

Trackliste

  1. 1. D'You Know What I Mean?
  2. 2. My Big Mouth
  3. 3. Magic Pie
  4. 4. Stand By Me
  5. 5. I Hope, I Think, I Know
  6. 6. The Girl In The Dirty Shirt
  7. 7. Fade In-Out
  8. 8. Don't Go Away
  9. 9. Be Here Now
  10. 10. All Around The World
  11. 11. It's Gettin' Better (Man!!)
  12. 12. All Around The World (Reprise)

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15 Kommentare mit 24 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    Wer sagt, dass Be Here Now seine Jugend zerstört hat sagt wohl auch, dass George Lucas mit der Special Edition seine Kindheit runiert hat. Grow a backbone ya wanker!

    • Vor 4 Monaten

      Mit der Prequel Trilogie, nicht mit der Special Edition, wobei die meisten Änderungen in letzterer schon ziemlich räudig waren.

    • Vor 4 Monaten

      Gibt auch nicht wenige Honks die rumgeflennt haben, dass ihre Kindheit zerstört war als sie 1997 zur Wiederaufführung ins Kino gingen - aber du hast ebenfalls recht - die meisten beziehen diesen Spruch auf die Prequels und die meisten Änderungen der SP waren absoluter Mist. Mein Punkt ist: Übertreiben wir es nicht.

    • Vor 4 Monaten

      Dabei wissen wir doch alle, daß George Lucas mit der Prequel Trilogy vor allem die Prequel Trilogy ruiniert hat.

    • Vor 4 Monaten

      Die Special Edition, bzw. die "Even-More-Special-Edition" hat er ruiniert, indem er Szenen eingebaut hat, die einen erinnern, dass es die Prequels wirklich gibt.

    • Vor 4 Monaten

      Das mit Jabba in Episode IV zeigt einfach, was für ein unfähiger Filmemacher er ist. Damals gabs kein Budget für Jabba, also wurde er mit der Greedo-Szene ersetzt, in der alles Wichtige erzählt wurde und die absolut ikonisch wurde. Mal abgesehen vom dummen "Greedo shot first" oder gar "Maclunky!" - warum zur Hölle würde ein halbwegs talentierter Erzähler exakt dasselbe in der nächsten Szene noch einmal erzählen?!

      Mal ganz abgesehen davon, wie peinlich die Szene ist. Einfach ähnlich peinlich wie quasi die gesamten Prequels.

      (Eine sinnlose Diskussion über Star Wars hatten wir noch nicht hier, oder?)

    • Vor 4 Monaten

      Doch. An eine kann ich mich erinnern. Sie war ziemlich sinnlos.

    • Vor 4 Monaten

      Dann wird Ragism auch an der schon beteiligt gewesen sein.

    • Vor 4 Monaten

      Die Jabba-Szene hätte man als Bonus auf eine DVD packen können, zusammen mit anderen geschnittenen Szenen. Schlechte CGI, sinnloser Dialog. Einzig Harrison Ford macht diese Szene interessant, und die Art, wie er zu Beginn ins Bild tritt. Gekrönt wird das Ganze dann noch von Boba Fett, der tatsächlich dem Zuschauer zunickt. Fan-Service aus der Hölle.
      Da hätte man lieber die Szenen mit Biggs auf Tattooine in den Film packen sollen. Die eine kurze Szene, in der sich Luke und Biggs vor dem Angriff auf den Todesstern treffen, die man reingeschnitten hat, wirkt ohne die Vorgeschichte wie ein Fremdkörper.

    • Vor 4 Monaten

      Word. Das hätte dem Film noch geholfen. GL ist der glücklichste Vollstümper der Filmwelt, und - völlig respektvoll gemeint - einer der wichtigsten für sie. Was er für ein Händchen für Talente hatte, und wie er sie anspornte, hat sämtliche Filme mehr geprägt als "die Großen" seiner Zeit.

      Man darf ihm halt nicht die Plätze hinter der Kamera oder dem Drehbuch alleine überlassen.

    • Vor 4 Monaten

      Er hat Darth Vader "erfunden".

      Alleine dafür bitte ein Denkmal!

    • Vor 4 Monaten

      PARA Allah - ich grüße Dich!!! Lass dich mal wieder im Chat blicken, hm? :)
      https://webchat.quakenet.org/
      Channel: gromky

    • Vor 4 Monaten

      Andererseits... seit Disney mit dem Star Wars - Franchise rumstümpern darf, ist das was Lucas ab 1997 mit seinem Werk angestellt hat, gar nicht mehr so schlimm.
      Die Prequels hätten ja prinzipiell eine interessante Geschichte erzählen können, hätte man das Drehbuch von kompetenten Autoren überarbeiten lassen, jemand anders auf den Regiestuhl gelassen, und nicht alles unter einer ungesunden Masse an schlechtem CGI begraben.
      Bei den Sequels hat man sich anscheinend gar nicht erst Gedanken über eine konsistente Story gemacht, sondern sich einfach von einem Fan-Service zum nächsten gehangelt.

    • Vor 4 Monaten

      Fairwechselungsgefahr:
      George Lucas und Disney: only fan service
      deine Mutter: only fans service

  • Vor 4 Monaten

    Also mittlerweile müsste doch überall angekommen sein dass auch Be Here Now großartige Lieder hat. Vielleicht zuviele Spuren, aber All around the World war halt auch schon zu Definitely Maybe fertig, nur wollte Noel das lieber mit Orchester und hat gewartet bis das Geld stimmt.
    Über die Produktion des Albums kann man streiten, aber wenn man sich Live Auftritte anschaut oder selber die Gitarre nimmt und es kommt "Made a meal and threw it up on Sunday, I've got a lot of things to learn", braucht sich eigentlich kein Oasis Fan beschweren.

  • Vor 4 Monaten

    Den Hype um Oasis habe ich von Sekunde eins klar gesehen und ihn befürwortet, natürlich war ich nur EINER der First Mover. Ich war nur ein Teil derer die den Stein mit Freude haben weiterrollen lassen um die breite Masse zu erreichen. Aber die Sachen von damals, als ich noch jünger war, *räusper*, die hatten natürlich mehr Gewicht, man muss sich nur mal überlegen dass heute quasi jeder mit Holzfällerhemd und engen Jeans rumläuft, das ist schon ziemlich big. (natürlich war der Trend als wir den in Deutschland losgetreten haben in England schon etwas weiter und wir haben ihn nur adaptiert und nicht selbst erfunden - aber derlei Begebenheiten sollten klar sein).

  • Vor 4 Monaten

    "Doch selbst einem kraftlosen Tiefpunkt wie "Don't Believe The Truth" (2005) schlägt nicht so ein Argwohn entgegen wie 'Be Here Now'"

    Auf Don't Believe The Truth und viel mehr noch auf Dig Out Your Soul danach haben Oasis bewiesen, dass sie immer noch großartige Platten machen können und beide dürften in Oasis Diskografie - Be Here Now mal explizit ausgeklammert - auf Platz 3 und 4 stehen.
    Dass die nicht mher zeitgenössische anerkennung bekommen haben, liegt an diesem Beißreflex alles seit Be Here Now aus Prinzip scheiße zu finden.

  • Vor 4 Monaten

    Konnte damals überhaupt nichts mit Oasis anfangen. Radiohead, Blur oder Pulp… klar. Aber diese Proleten? Niemals. Hab erst vor ein paar Jahren angefangen die Band zu lieben und dadurch wohl auch anders kennengelernt. Für mich ist „Be Herr now“ das Album, das ich am ehesten durchhören kann und das mir immer wieder am meisten Spaß macht. Hier wird das Rad nicht neu erfunden. Es wird einfach die Formel der Vorgänger wiederholt, alles ist lauter, länger, bombastischer und turned up to 11. so what. Auch ohne Überhits wie Live Forever oder Wonderwall ist es meiner Meinung nach fantastisch gealtert und hat eigentlich keinen schlechten oder auch nur mittelmäßigen Song. Und warum I Hope I Think I Know nicht von der halben Welt so gefeiert wird wie von mir, wird für mich immer ein Rätsel bleiben.

  • Vor 4 Monaten

    Danke für die Inspiration! Ich habe alles nach den ersten beiden Alben nicht weiter beachtet. Was für ein Fehler! Ich habe gerade eine riesige Freude mir dieses Album zu erschließen und es wird für mich mit jedem durchhören besser. Ja es ist laut und überladen und nicht so leicht zugänglich, aber zusammen mit den Mustique Demos wird es einfacher … es lohnt sich!

    Ein großer Pluspunkt für mich ist, dass die Überhits fehlen, die ich inzwischen wie Stolperfallen bei den ersten beiden Alben überspringe … ich kann sie einfach nicht mehr hören :D

    Wunsch: Eine Kombination von Mustique Demos und Liams Gesang inkl. echter Drums als alternative Album Version wäre der Hammer.