laut.de-Kritik

Balanceakt zwischen psychedelischen Experimenten und 80er-Anleihen.

Review von

Eine Hypewelle erfasste vor ein paar Jahren The Drums und ein Debüt, das jugendlichen Herzschmerz in ansteckenden 80s-Pop verpackte. Das sonnige "Let's Go Surfing" ist nach wie vor DER Hit. Das vermittelte Hochgefühl steht allerdings im Kontrast zur weiteren Entwicklung der Band und ihrem Gemütszustand.

Vor dem Zweitling "Portamento" wirft der Drummer erst einmal hin - kreativer Differenzen wegen. Das Grundgerüst Synth-Pop bleibt zwar, die Stimmung der Platte kippt allerdings von verträumt-nostalgisch zu deprimierend. Sänger Jonny Pierce, auf dem Cover als Kind zu sehen, kämpft sich an ganz persönlicher Vergangenheitsbewältigung ab: Trübsinn, Außenseiter-Dasein, seine religiöse Erziehung, natürlich aber auch Liebe. An den Erfolg von "The Drums" knüpfen sie trotz ihrer Offenheit nicht an.

Es folgen weitere Tiefpunkte: Manager springen ab, Soloprojekte gehen unter und Connor Hanwick steigt ebenfalls aus. Reduziert auf die Kindheitsfreunde und Gründungsmitglieder Jonny Pierce und Jacob Graham erscheint "Encyclopedia", das dritte Album der Wahl-New-Yorker.

Verarbeitet haben sie die vergangenen drei turbulenten Jahre laut eigener Aussage in der ersten Single-Auskopplung "Magic Mountain". Die Hochs und Tiefs kanalisieren sie allerdings nicht im unbeschwerten Beach Boys-Sound, sondern in rauen Garage-Riffs und wild herumjagenden Synthesizern. "Inside my magic mountain we don't have to be with them / Inside my magic mountain our hearts are on", donnert Pierce recht aggressiv.

Damit bringt er auch die größte Schwäche von "Encyclopedia" auf den Punkt: Er und Graham sind ein eingeschworener Club, der Lust hatte, ein paar neue Dinge auszuprobieren. Bei ihrem Balanceakt zwischen psychedelischen Experimenten, die an Animal Collective und Konsorten erinnern, und den altbekannten 80er-Anleihen findet man als Außenstehender manchmal nur schwer das Besondere, geschweige denn den Zugang.

Die pumpende Bassline, die "Let Me" durchzieht, wirkt genauso ideenlos wie der elektronischste Song im Albumkontext, "Bell Labs": Die gehauchten Lyrics und geloopten Synthesizer-Beat-Spielereien gehören bei anderen zum Standardrepertoire und sind nur für die Drums untypisch. In "US National Park" gewinnt Kitsch, wie er auf RomCom-Soundtracks zu hören ist, Überhand, wenn Glockenspiel auf Pierces höchste Tonlagen trifft.

Positives Gegenbeispiel liefert in dem Fall das chillwavige "I Can't Pretend", das zumindest bis zu einem schwurbeligen Synthesizer-Finale an die frühere süße Melancholie der Band erinnert. Kurz danach erwacht in "Kiss Me Again" mit spritzigem Bass und Gitarre der Surfpop wieder zum Leben.

In "There Is Nothing Left" harmoniert dann endlich Pierces Gesang mit der musikalischen Untermalung, so dass man sich nur allzu gerne in die elendige Liebesgeschichte einwickeln lässt: "I thought that we were important, but we don't matter at all, at all / Put your hands on my face one last time, then say goodbye / I wanted to love you, but there is nothing left / I wanted to haunt you, but in my heart there is nothing left."

Glücklose Beziehungen gehören zusammen mit Tod und Vergänglichkeit zu den Hauptthemen der Platte und sind oft miteinander verschränkt: "I never thought I wanna die but I was looking for a gun on a cold night then you found me / God help me, because I fear you're drifting, you're drifting away now." ("I Hope Time Doesn't Change Him") Zum Teil rührt das an, zum Teil irritiert es aber auch: "They might hate you, but I love you / And they can go kill themselves." ("Let Me") Oder klingt im schlimmsten Fall abgedroschen: " What is the point of living without you oh, in my life? / These days feel like nights / Break my heart, break my heart." ("Break My Heart")

"We're thinking super long term, like dead-term", zitiert der Pressetext Jonny Pierce, der mit jeder Platte ein Album für die Ewigkeit schaffen möchte. "Encyclopedia" mag bei dem rapiden Mitgliederverlust tatsächlich die sein, die das Ende der Drums besiegelt. In die Annalen wird sie nur leider nicht eingehen, dafür fehlt es ein bisschen an Struktur, vor allem aber an einzigartigen, mitreißenden Songs.

Trackliste

  1. 1. Magic Mountain
  2. 2. I Can't Pretend
  3. 3. I Hope Time Doesn't Change Him
  4. 4. Kiss Me Again
  5. 5. Let Me
  6. 6. Break My Heart
  7. 7. Face Of God
  8. 8. US National Park
  9. 9. Deep In My Heart
  10. 10. Bell Labs
  11. 11. There Is Nothing Left
  12. 12. Wild Geese

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