laut.de-Kritik

Die Residency wurde zum Triumph.

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Die 1990er Jahre begannen für Tom Petty gut. Mit den Alben "Into The Great Wide Open" (1991) und einer Best Of 1993, die ein neues Stück enthielt, "Mary Jane's Last Dance", hatte er, wie gewohnt, die oberen Etagen der US-Charts erklommen. Um "Wildflowers" (1994) aufzunehmen, das viele für seine schönste Platte halten, gönnte er sich sogar zwei Jahre Zeit. Die hatte er auch bitter nötig, denn nach fast zwei Jahrzehnten im Hamsterrad - Platte, Tour, Platte, Tour - war er ausgebrannt. Geld war zuhauf da, aber die Freude am Spielen verloren. Dazu ging seine Ehe in die Brüche.

Statt mal wieder Stadien zu beschallen, verschanzte sich Petty in seinem Haus in Encino und freundete sich mit Heroin an. Rick Rubin, der "Mary Jane" und "Wallflowers" produziert hatte, gelang es 1995 und 1996 wenigstens, Petty und seine Heartbreakers als Studioband für Johnny Cash einzuspannen ("American II: Unchained"). Dann ergab sich eine Chance, wieder zu den Ursprüngen zurückzukehren, im legendären Fillmore in San Francisco. Pettys Management hatte angefragt, ob es möglich sei, 10 Konzerte im Club zu buchen?

Als der Vorverkauf startete, wickelte sich die Schlange um den Block - E-Commerce steckte damals noch in den Kinderschuhen -, man musste sich noch persönlich anstellen, um ein Ticket zu ergattern. So wurde die Zahl der Auftritte mehrmals erhöht. Schließlich wurden es 20, zwischen dem 10. Januar und dem 7. Februar 1997.

"Ich möchte einfach nur spielen und für eine Weile aus dem Reich der Videos und Platten herauskommen. Wir wollen zu dem zurückkehren, was uns am Herzen liegt", erklärte Petty damals dem Journalisten Joel Selvin, der auch die Liner Notes zu dieser Veröffentlichung geschrieben hat. Kein Druck also, auch nicht bei der Auswahl der Stücke. Oder bei der Vorbereitung. Gerade mal zwei Tage setzte die Band fürs Üben an. Die mögliche Setlist bestand danach aus 57 Stücken, von denen der neue Schlagzeuger Steve Ferrone einen guten Teil nicht kannte.

"Am ersten Abend herrschte in der alten, heiligen Halle eine große Vorfreude. Eine psychedelische Lichtshow tanzte auf einer Leinwand hinter der Band. Petty war nervös, kam direkt aus dem Flugzeug zum Auftritt und trug einen maßgeschneiderten schokoladenbraunen Samtanzug. Die Heartbreakers hatten seit mehr als einem Jahr nicht mehr live gespielt. Sie befanden sich auf ungewohntem Terrain, aber sie fanden sich schnell zurecht. 'Jammin' Me', die treibende Nummer, die Petty und Gitarrist Mike Campbell mit Bob Dylan geschrieben hatten, brachte den Saal zum Kochen, denn die Band entwickelte den Song weit über die Grenzen der Studioversion hinaus", erinnert sich Kelvin, der an mehreren Abenden anwesend war.

Die Residency wurde zu einem Triumph. "An jedem Abend wurden Setlisten geschrieben und routinemäßig ignoriert". Petty und seine Mitstreiter spielten, was ihnen in den Sinn kam, und machten das beste daraus. Eigene Stücke, natürlich, aber noch mehr Covers. Die Kunde sprach sich rum, Gäste kamen hinzu, ob im Vorprogramm oder über die Straße gelaufen. Roger McGuinn stand auf der Bühne, um "It Won't Be Wrong" seiner Byrds zu spielen, Bluesmann John Lee Hooker kam aus dem Club hereinspaziert, den er in San Francisco betrieb, und gab unter anderem "Boogie Chillen" zum Besten.

Die letzten sechs Auftritte wurden professionell aufgenommen, der Abschlussabend im Radio und im Netz live übertragen ("Das Internet, was auch immer das ist" kündigte Petty an, vermutlich nicht mal ironisch). Schade, dass die gefilmten Ausschnitte nur für einen kurzen Streifen auf YouTube gereicht haben, dafür ist das Audiomaterial sehr gut. Und es lohnt sich wirklich, zur Deluxe-Version auf vier CDs bzw. sechs LPs zu greifen, denn auf jeder gibt es viel zu entdecken.

Ein paar Stücke wurden bereits veröffentlicht, auf der Compilation "The Live Anthology" (2009). Die ausufernde Version von "Good To Be King", 12 Minuten, mit Anspielungen an "No Quarter" von Led Zeppelin, war 2020 auf CD 4 von "Wildflowers And All The Rest" versteckt.

Einer der vielen Höhepunkte - auch der vorliegenden Zusammenstellung. Zu J.J. Cales "Call Me The Breeze" hat Aria Petty ein schönes Video gezeichnet - wie schon zur erweiterten Ausgabe von "Wildflowers" kümmerte sie sich mit Gitarrist Mike Campbell um die Produktion und die liebevolle Verpackung. Zu den üblichen Rock'n'Roll-Verdächtigen (Little Richard, Carl Perkins, Elvis) gesellten sich Stücke von Rolling Stones, Bob Dylan, Booker T. & The MGs, Zombies, Grateful Dead. Und eine mitreißende Version des James Bond-Klassikers "Goldfinger".

Grandios, wie Keyboarder Benmont Tench seine Tasten bedient, ebenso, wie Mike Campbell ein Killersolo nach dem anderen aus dem Ärmel schüttelt. Auch Petty lief zu Höchstform auf und duellierte sich an der Gitarre gerne mit Campbell. Das Publikum? Eine begeisterte Familie. Mit dessen Unterstützung erfanden Petty und Band aus dem Stegreif "Heartbreakers Beach Party" während das kurios betitelte "The Date I Had With That Ugly Old Homecoming Queen" bei einem Soundcheck entstand. Thems "Gloria", das das Ende einleitete, entwickelte sich zu einem Spiel zwischen Petty und den Zuschauer:innen, die ihn immer wieder zu neuen Geschichten trieben, um die besungene Frau rumzukriegen. "I got this rock and roll band", erzählte er am letzten Abend. "I got a little money coming in. Things are looking good. As a matter of fact, I got a standing job down at the Fillmore".

"Wir haben alle das Gefühl, dass dies der Höhepunkt unserer gemeinsamen Zeit als Band sein könnte", erklärte Petty gerührt. Diese Aufnahme gibt ihm Recht. Tatsächlich war es der Anfang eines neuen Karriereabschnitts: 1998 hörte er mit dem Heroin auf, 1999 veröffentlichte er mit Rick Rubin das neue Album "Echo". Er trat wieder in Stadien auf - 2008 sogar beim Finale des Super Bowls - stellte parallel dazu aber wieder seine Band vor den Heartbreakers auf die Beine, Mudcrutch, um sich in den Clubs auszutobenn.

Ende gut, alles gut? Nicht wirklich, denn Bassist Howie Epstein, der hier noch wunderbar spielte, ging an der Nadel zugrunde. Petty musste ihn 2002 feuern, 2003 starb er an einer Überdosis. Die dunkle Seite des Rock'n'Roll, der Petty zum Glück entkam, auch Dank der Auftritte im Fillmore.

Trackliste

CD 1

  1. 1. Pre-Show (Spoken Interlude)
  2. 2. Jammin' Me
  3. 3. Listen To Her Heart
  4. 4. Around And Around
  5. 5. Good Evening (Spoken Interlude)
  6. 6. Lucille
  7. 7. Call Me The Breeze
  8. 8. Cabin Down Below
  9. 9. The Internet, Whatever That Is (Spoken Interlude)
  10. 10. Time Is On My Side
  11. 11. You Don't Know How It Feels
  12. 12. I'd Like To Love You Baby
  13. 13. Ain't No Sunshine
  14. 14. Homecoming Queen Intro (Spoken Interlude)
  15. 15. The Date I Had With That Ugly Old Homecoming Queen
  16. 16. Bye Bye Johnny
  17. 17. Did Someone Say Heartbreakers Beach Party? (Spoken Interlude)
  18. 18. Heartbreakers Beach Party
  19. 19. Angel Dream
  20. 20. The Wild One, Forever
  21. 21. American Girl
  22. 22. Let's Hear It For Howie And Scott (Spoken Interlude)
  23. 23. You Really Got Me
  24. 24. Runnin' Down A Dream

CD 2

  1. 1. (I Can't Get No) Satisfaction
  2. 2. It's All Over Now
  3. 3. Mr. Roger Mcguinn (Spoken Interlude)
  4. 4. It Won't Be Wrong
  5. 5. You Ain't Going Nowhere
  6. 6. Eight Miles High
  7. 7. Honey Bee
  8. 8. John Lee Hooker, Ladies And Gentlemen (Spoken Interlude)
  9. 9. Boogie Chillen
  10. 10. Sorry, I've Just Broken My Amplifier (Spoken Interlude)
  11. 11. Knockin' On Heaven's Door
  12. 12. You Wreck Me
  13. 13. Shakin' All Over
  14. 14. Free Fallin'
  15. 15. Mary Jane's Last Dance
  16. 16. Louie Louie
  17. 17. Gloria
  18. 18. Alright For Now
  19. 19. Goodnight (Spoken Interlude)

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2 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor einem Monat

    Review gelungen, mag Benassis Schreibe und seine Art und Weise, Musikgeschichte zu vermitteln. Album mal vorgemerkt.

  • Vor einem Monat

    Vielleicht erschließt sich mir eines Tages mal, was an Tom Petty eigentlich gut war. Fällt mir nie leicht, musikhistorische Relevanz und persönliche Hörbarkeit zu vermischen. Wie bei Johnny Cash erkenne ich Pettys Bedeutung für viele Musiker absolut respektvoll an, und fühle gleichzeitig null Bedarf, deswegen mein Hörerlebnis zu verfremden.

    • Vor einem Monat

      Und das ist völlig in Ordnung. Geht mir so bei den Doors oder Zappa genau so. Oder Queen. Alle genannten haben unbestreitbar ihre Bedeutung, gehen mir aber am allerwertesten vorbei, bzw. ich finde keinen Zugang.
      Von TP gefällt mir auch nur die Wildflowers.

    • Vor einem Monat

      Geht mir bei den Genannten auch so, wenn auch weniger bei Zappa. Der soll natürlich auch nicht besonders "hörbar" sein. Petty muß ich den Jahrhundertsong "American Girl" zugute halten.

      Aber bei den großen Legenden kommt es mir allgemein oft so vor, als müssten sie eben wegen Konsens gefeiert werden, bzw. als haben Hörer automatisch mehr Bereitschaft zum Zuhören. Wie es halt so ist mit der Rezeption. Mythen verfälschen - Hauptsache, man ist sich dessen bewußt :)

    • Vor einem Monat

      Petty möchte ich bis zur Into the Great Wide Open, hab ihn auch bei der darauffolgenden Tour gesehen und fand das Konzert inklusive Bühnenbild fantastisch, aber ab der Wildflowers hat nichts mehr richtig gezündet.
      Inzwischen find ich es zwar ganz nett, wenn ich ihn mal irgendwo höre, hab mir aber seit Jahren keins seiner Alben mehr bewusst angehört.

    • Vor einem Monat

      "Aber bei den großen Legenden kommt es mir allgemein oft so vor, als müssten sie eben wegen Konsens gefeiert werden, bzw. als haben Hörer automatisch mehr Bereitschaft zum Zuhören."

      Dir kommt so einiges seltsam vor.

    • Vor einem Monat

      Man könnte fast meinen, es habe zig tausende geniale Bands und Musiker gegeben, und nicht nur die großen 20 aus den Hitparaden.