laut.de-Kritik

Das letzte Hurra bleibt in der Kehle stecken

Review von

"Premonition" ist ein seltsames Tier. Seit 2017 werkeln die Kanadier an dem Werk, das wegen zweier Schwangerschaften von Mish Barber und dem bisschen Pandemie bis heute warten musste. Dafür holen sie wieder Jesse Gander als Produzent heran, der alle Alben der Band bis auf "Paradise" und somit auch das Großwerk "Deep Fantasy" verantwortete. Ihre neue Mutterrolle verarbeitet Barber bei der Gelegenheit in den Texten ("Girl", "Bird"). Das schreckliche Cover ist erneut von Justin Gradin, der das vor zwei Alben schon mal besser hinbekam und schon lange mit der Band verbandelt ist. Alles gut in Vancouver also, Freunde geschart, alle Bekannten an Bord, Band startet durch? Mitnichten! Die Geburt des Albums nutzen White Lung, um die Auflösung der Band zu verkünden, und das ohne einen rechten Grund anzugeben, warum das eigentlich so kommen muss.

Allem Geheul zum Trotz, "Premonition" bleibt uns ja erst mal. "Hysteric" macht recht fix klar, dass White Lung keine Angst davor haben, ihren alten roten Faden wiederaufzunehmen und nach wie vor für ihre eigene energetische Version von Punk stehen. "Tomorrow" ist richtig guter moderner Punk und "Girl" ein weiterer für die Band so charakteristischer nach vorne gehender Punksong, der die rohe Energie der ersten drei Alben aber nicht so recht einfangen weiß. Sie reproduzieren eben diesen Sound, und das, ohne den Fortschritt von "Paradise" einzuarbeiten. "Winter" gerät blass und etwas oberflächlich. Allem Geknüppel zum Trotz bleibt der Eindruck, dass vor allem Barber etwas vom früheren Esprit verloren hat. Völlig überraschend käme das nicht, wer würde schon aufhören, wenn er noch voll Feuer brennt? Das soll nicht heißen, dass "Premonition" ein unwürdiger Abschied wäre, eigentlich ist genau das Gegenteil der Fall, weil White Lung ihre Komfortzone bereitwillig und mehrfach weit verlassen.

So hätte es das luftige, Alt-poppige "Under Glass" früher nicht gegeben. Man täte dem Track unrecht, würde man es als seichtere Version der bisherigen Bandformel abtun, selbst wenn der Song nicht in Gänze aufgeht. White Lung sind auf "Premonition" auf der Suche nach sich selbst und es macht Spaß, dabei zuzuhören. Barber singt mehr als bislang, kreischt weniger, ohne Druck zu vermeiden, und auf Songs wie dem Albumhighlight "If You're Gone" verbindet die Band das mit fetteren Riffs zu einem stellenweise sehr guten Ganzen. White Lung werden so gleichzeitig poppiger und zumindest die Gitarre von Williams schielt mehr als einmal Richtung Metal, während Vassiliou weiter durchgehend auf die Drums einschlägt, als gäbe es kein Morgen mehr. Dabei liefert er aber nach wie vor blitzsaubere Arbeit ab.

Jedoch erreicht "Premonition" das Songwriting-Level von "Deep Fantasy" ebenso wenig wie die kohärente Kraft von "Paradise". "Mountain" baut sich, ganz Berg, schön auf, weiß dann aber nicht recht abzuschließen. "One Day" zeigt ein Ideenkonvolut. Hier wäre genug Material für drei Punksongs vorhanden. Nur: Von denen wird hier keiner konsequent durchexerziert. So gewinnt man immer öfter den Eindruck, die progressiveren Songs seien arg mit (guten!) Ansätzen beladen, während den klassischeren Tracks die Dynamik und das Unbedingte früherer Werke abgeht.

So lässt einem "Premonition" planlos zurück, hat man doch einer Band zugehört, die sich offenkundig in einer spannenden Transformationsphase befindet, darauf aber mit dem gezogenen Stecker reagiert. Es ist sogar unklar, ob White Lung diese Songs jemals live spielen werden, eine Schande. "Premonition" verblasst zwar im Gegensatz zu den Monolithen der Diskographie dieser Band, es macht aber erneut deutlich, was die Musik mit dem Ende von White Lung verliert.

Trackliste

  1. 1. Hysteric
  2. 2. Date Night
  3. 3. Tomorrow
  4. 4. Under Glass
  5. 5. Mountain
  6. 6. If You’re Gone
  7. 7. Girl
  8. 8. Bird
  9. 9. One Day
  10. 10. Winter

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2 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor einem Monat

    Auch dieses ist ein brauchbares, sogar gutes Plattencover. Ist mMn. meistens ziemlich leicht auszumachen, ob die abstoßende Reaktion zum Kunstwerk gehören soll oder unfreiwillig ist. Wenn sie - wie hier oder bei Dry Cleanings "Stumpwork" - offensichtlich dazugehört, ist die bloße Beschreibung als "schrecklich" ziemlich am Ziel vorbei, möglicherweise sogar doof. Das Visuelle ist nicht so das Metier der Redaktion, hm?

    Platte ist ganz cool. Vielleicht bleibt sogar was daraus hängen!

    • Vor einem Monat

      Hinsichtlich des Covers schließe ich mich an.
      Allein ein Blick in die ersten beiden Videos zeigt ganz klar, dass das Cover einfach passend ist. Ich finde es sogar schade, dass Cover (inzwischen?) sehr selten so passend sind.

      Musikalisch ist es einfach nicht meines, daher keine Wertung dazu.

  • Vor einem Monat

    "Seit 2017 werkeln die Kanadier an dem Werk, das wegen zweier Schwangerschaften von Mish Barber und dem bisschen Pandemie bis heute warten musste."

    Ist dem so? Dachte eigtl. das Ding wäre für ein Release 2018 fertig gewesen und kommt halt erst jetzt.