28. Juni 2007

"Hör doch mal richtig zu, Mann!"

Interview geführt von

Different year – same old shit. Man schafft es fast nicht mehr, auf irgendwelche Festivals zu gehen, ohne dass einem irgendwo ein Abandoned-Sticker entgegen grinst.Vor allem auf dem Bang Your Head müsste man den Jungs so langsam mal eine Pinwand spendieren, damit die nicht immer alles zukleistern müssen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis mir eine der Nasen über den Weg laufen würde, und wenn man mich fragt, hätte das ruhig etwas länger dauern dürfen.

Denn kaum sind wir im Presszelt angekommen, grinst mich auch schon ein haariges Etwas an, das sich bei näherer Betrachtung als Abandoned-Basser Günt identifizieren lässt. Der trägt inzwischen einen ausgewachsenen Marder im Gesicht und gibt sich ohne Häuptling Kalli zunächst noch recht handzahm. Der ist am zweiten Tag des Festivals aber auch vor Ort, und als Nazareth auf der Bühne stehen, gibt es kein Entkommen mehr.

So, ihr Flachzangen, ich hatte Günt mal während eurer Aufnahmen im Kohlekeller angeschrieben, dass ich mal gern auf eine Vorab-Listening-Session vorbei kommen würde. Das wurde mir dann auch prompt zugesichert, aber gehört habe ich von euch Pfeifen nichts mehr ...

Kalli: Ja, das haben wir uns auch mal überlegt, ob wir so was machen wollen. Wir hatten geplant, das für die wirklich großen und wichtigen Magazine zu veranstalten.

Günt: Und da warst du natürlich schon mal gleich nicht dabei, hahahaha.

Kalli: Stimmt, und deswegen weißt du davon auch nichts, hahaha. Nein, quatsch. Wir haben das einfach wieder verworfen, weil das zu viel Ärger und Stress geworden wäre. Das kann man vielleicht das nächste Mal machen, aber ich finde so was eh nicht zwingend notwendig.

Günt: Läuft das Ding eigentlich schon? Da leuchtet gar nix.

Natürlich läuft das, bei dir leuchtet ja auch nix. Hier siehste, da läuft das Zählwerk rückwärts.

Günt: Was rückwärts? Satanische Scheiße hier, damit will ich nix zu tun haben.

Dann halt doch die Fresse. Hat sich denn irgendwas verändert im Vergleich zu der Zeit, bevor ihr den Deal hattet?

Günt: Wir sind älter geworden.

Kalli: Wir haben andere Frisuren, vor allem im Gesicht.

Und du trinkst mehr Milch, oder?

Günt: Auf jeden Fall, ist gut für die Knochen.

Ich würde dir eher was fürs Hirn empfehlen. Aber ich meinte eigentlich, dass ihr ja auch ohne Deal schon recht aktiv wart und zahlreiche Gigs in Eigenregie organisiert habt.

Kalli: Ja, das ist schon richtig. Wir haben jetzt zwar eine Booking Agentur, sind bei denen aber nicht exklusiv unter Vertrag. Sprich, wir können uns in aller Ruhe noch selber ein paar Sachen suchen oder auch Angebote von anderer Seite einholen. Da wir ja eben alle noch berufstätig sind, ist das nicht immer einfach, längere Touren sind damit auch schon mal so gut wie ausgeschlossen. Das ist eben der Teufelskreis, in dem du als Band unserer Größenordnung steckst. Eigentlich kannst du deinen Status nur dadurch vergrößern, dass du überall und andauernd live spielst.

Andererseits kannst du aber genau das nicht machen, weil du ja noch auf deinen Hauptjob angewiesen bist. Aber mal ehrlich, von der Musik zu leben, ist nie einfach und schon gar nicht mit dem Kram, den wir machen. Mei Omma sacht immä, "mit Thrash wird ma ned reich", und da hat mei Omma recht. Zumindest haben wir es schon geschafft, dass sich die Band selbst finanziert und wir auf Null raus kommen.

Günt: Wobei, die Aufkleber sind schon teuer, da müssen wir uns noch was einfallen lassen (der ganze Tisch gröhlt). Die sind so schnell wieder weg. Allerdings haben wir auch schon erlebt, dass das Wegmachen richtig Geld kostet. Da war einer von unseren Fans etwas übereifrig und hat so ein Ding wo hingekleistert, wo es nur schwer wieder abging. Da haben wir dann vom Ordnungsamt einen Schrieb bekommen und durften natürlich dafür aufkommen.

So was passiert, aber was solls. Bei eurer ersten Scheibe war der Hauptkritikpunkt ja der Sound. Der klang genau komplett wie aus den 80ern, wie eure Songs eben auch. War das tatsächlich in der Art von euch beabsichtigt?

Kalli: Ich will es mal so sagen. Als wir die erste Scheibe aufgenommen haben, dachten wir uns: "Wir machen Old School-Thrash, also klingen wir auch so". Im Nachhinein bin ich damit nicht mehr so glücklich, aber das liegt hauptsächlich daran, dass jeder Song im Laufe des Mixens seinen eigenen Sound bekommen hat. Bei einem klingt der Bass lauter, da mal das Schlagzeug, hier der Gesang leiser ... das war nicht der Brüller. Das klingt fast so, als wenn du eine Proberaum-Band aufnimmst, und das wollten wir nicht noch mal.

Wir haben also darüber gequatscht, was man machen kann, und es war zunächst auch das Little Creek Studio von V.O. Pulver (GurD) in der Schweiz angedacht. Da alle von uns auch noch einen anständigen Beruf ausüben müssen, ist es für uns nicht so einfach, mal kurz drei Wochen frei zu nehmen und irgendwo ein Album einzuspielen. Allein schon von daher lag es nahe, sich einfach ein Studio zu suchen, das quasi vor der Haustür liegt. So konnten wir an den Wochenenden und einfach Abends nach der Arbeit mit den Aufnahmen loslegen. Außerdem kannten wir schon diverse Produktion von ihm und die knallen schon echt gut.

Günt: Das war echt nicht schlecht, so stand niemand unter Zeitdruck und wir konnten uns das relativ gut einteilen. Trotz unserer Jobs haben die Aufnahmen nur drei Wochen gedauert, da wir recht gut vorbereitet ins Studio gegangen sind. Wir haben im Studio von unserem Drummer Konny eine Vorproduktion gemacht, die Songs waren somit alle schon komplett ausgearbeitet, mit allen Arrangements und Soli.

Kalli: So was spart natürlich enorm Zeit und Stress. Wir haben von den vorproduzierten Bändern aber nichts verwendet, sondern alles bei Kohle neu eingespielt und ihm den Mix überlassen.

"In dem riesigen Studio waren wir bei der ersten Scheibe schon eingeschüchtert."


Ihr wart also beim Abmischen nicht die ganze Zeit vor Ort?

Günt: Nö, im Gegensatz zu dir Hupe müssen wir doch arbeiten. Hör doch mal zu, wenn man dir was erzählt.

Ich zupf' dir gleich mal den Marder aus dem Gesicht. Was soll das eigentlich sein? Kalli nur mit Konturschatten, dafür trägst du jetzt Pelz?

Kalli: Jahaha, so in der Art. Wir haben uns nämlich die fetten, tonnenschweren Riffs aus den eigenen Rippen geschnitten – deswegen sehe ich auch so schlank aus – und dann leider festgestellt, dass die Band nur einen Rasierer hat. Und den hab ich diese Woche.

Günt: Ja und deswegen sehe ich jetzt so aus, wie du auch mal gern aussehen würdest.

Ja, aber nur in der Achselhöhle ...

Kalli: Jahaha, genau. Aber zu deiner Frage: Kohle hat mit uns "Too Blind To See" abgemischt, und den Track haben wir dann mit nach Hause genommen und uns ein paar Tage später noch mal zusammen gesetzt. Der bekam dann das Fine-Tuning und wurde quasi als Blaupause für die anderen Songs genommen. Sobald die fertig waren, hat er uns sie zugeschickt, und wir haben ihm dann unsere Vorschläge und Meinungen dazu mitgeteilt. Der Kerl weiß schon was er tut, und es ist auch sehr relaxt, mit ihm zu arbeiten. Auch wenn während der Zeit gerade Nachwuchs bei ihm anstand. Da war dann hin und wieder zeitig Schicht im Schacht.

Habt ihr Kohle bei den Aufnahmen denn ein wenig über die Schulter geschaut? Immerhin habt ihr damit und auch mit dem Produzieren schon ein paar Erfahrungen. Zum Beispiel mit den sträflich unterbewerteten Purify.

Günt: Ja klar, hahaha. Der Konny hat ihm ein paar Kniffe abgeschaut, weil er in seinem, kleinen Studio auch mit Cubase arbeitet. Da hat er sich von Kohle den einen oder anderen Tipp geholt und sich etwas mehr Zeit genommen als der Rest von uns. Das wird natürlich nicht nur den Bands zugute kommen, die bei ihm ins Studio gehen, sondern auch uns bei den nächsten Vorbereitungen und Aufnahmen.

Waren das die einzigen Unterschiede zwischen den Aufnahmen zu euren beiden Alben?

Kalli: Naja, beim ersten Mal war das eben ein riesiges Studio, in dem schon Gott und die Welt aufgenommen hatten. Motörhead, Hammerfall, Blind Guardian, wer auch immer, da kommst du dir schon ein wenig klein vor. Zumindest ich persönlich habe mich dadurch etwas eingeschüchtert gefühlt. Dann sitzt da eben auch noch einer hinterm Mischpult, der richtig singen kann und bei Blind Guardian die ganzen Chöre mit einsingt. Und dann komme ich da als kleiner Brüllwürfel und huste dem was vor. Da stehst du eben da, versuchst dein Bestes zu geben, aber im Endeffekt ist es halt doch nicht so geworden, wie wir uns das vorgestellt haben. Dieses Mal hatte ich sechs bis acht Stunden Arbeit hinter mir, bin da hingefahren und dann musste eben alles raus, hahaha. Da gab es keine Aufwärmphasen, da wurde einfach alles so eingerotzt, wie es mir gerade ging.

Das hört man der Scheibe auch definitiv an. Allerdings habe ich doch den Eindruck, dass es einige Melodien mehr auf der Scheibe gibt. Auch was die Soli angeht.

Kalli: Das mag durchaus sein. Für uns ist das natürlich schwieriger zu beurteilen, als für jemanden von außen. Aber man muss einfach folgendes sehen: Für die erste Scheibe hast du dein ganzes Leben Zeit. Für die zweite hatten wir effektiv ein Jahr.

Günt: Wenn man es genau nimmt, hatten wir eigentlich nur vier Monate, um das Album zu schreiben. Wir haben nach "Thrash Notes" ein paar Gigs und Festivals gespielt, und im Spatsommer ging es dann richtig los, neue Songs zu schreiben. Für Januar war eben schon der nächste Studiotermin angedacht.

Kalli: Unser Label ist schon darauf aus, dass von uns eigentlich jedes Jahr ein neues Album kommt, und deswegen musste wir uns ganz schön auf den Arsch setzen. Im Endeffekt sind jetzt 15/16 Monate seit der ersten Scheibe vergangen, und wir haben gemerkt, mit dieser Zeitspanne lässt sich ganz gut arbeiten. In der Zeit haben wir eben alles so weit ausgearbeitet, obwohl wir doch unter einem gewissen Druck standen. Das war für uns als Band ja auch eine neue Situation, aber das hat ganz gut geklappt. Wenn du jetzt melodische Sachen ansprichst, dann muss man sagen, dass ich inzwischen etwas mehr ins Songwriting involviert bin. Schon allein dadurch, dass wir eben unter Zeitdruck stehen. Holger ist eine Riffmaschine, aber selbst der braucht eben mal eine Pause und gewisse Zeit für seine Ideen. Deswegen habe ich mir eben auch ein Sachen mit dem Günt bei ein paar Flaschen Äppelwoi einfallen lassen.

Aha, und er saß neben dran mit der Mundharmonika, oder?

Günt: Genau, und der Halt's-Maultrommel.

Kalli: Und der Brockhaus-Flöte und dem Vibratorphon.

Oi, wenn das nicht peitscht. Kann man alles im Intro nachhören.

Kalli: Auf jeden Fall. Wie auch immer, 50 Prozent der neuen Scheibe stammen jedenfalls von Holger und 50 Prozent vom Rest der Band. Da mein Ansatz ein wenig melodischer ist, als der von Holger, mag das durchaus auch daher kommen, dass du mehr Melodien auf "Thrash You" entdeckst.

"Der kann ruhig mal 680 Silben in zwölf Sekunden singen, kein Problem."


Thema Texte: schreibst du die alle, Kalli?

Kalli: Ja, ich muss ja.

Da gibt es aber dann auch nix anderes als die typischen Thrash-Themen, oder?

Kalli: Ach ja, gut, was soll ich sagen. Bei uns ist immer erst die Musik fertig und dann ist es meistens so, dass die Texte erst auf den letzten Drücker entstehen. Erst wenn der Song so weit durcharrangiert ist, mache ich mir Gedanken zu den Texten. Meist fange ich auch dann mit dem Chorus an. Dann sitzte irgendwann aufm Scheißhaus und weiß: Genau dieser Refrain passt auf diese Melodie! Und wenn das getan ist, fange ich damit an, irgendwelche Storys um den Refrain drum rum zu basteln. In der Vergangenheit war das auch mal so, dass ein paar Texte vom Konny kamen, aber da der als Drummer doch ganz anders denkt, war das meist etwas schwierig. Der denkt sich dann: "Ach, da kann der ruhig mal 680 Silben in zwölf Sekunden singen, das ist gar kein Problem". Aber das ist dann nicht nur ein Problem mit dem Luftholen und der Artikulierung, sondern ich spiele ja so ganz nebenbei auch Gitarre und muss da einen bestimmten Anschlag spielen. Wenn da die Lyrics genau dagegen laufen, ist das hin und wieder ein wenig schwierig. Vor allem live ist das echt ein Problem. Da kannst du sicher auch ein Lied von singen.

Auf jeden Fall. Aber lass uns noch kurz auf die Überraschung schlechthin kommen: "Visions Of Death Reprise".

Kalli: Geil, oder?

Aber hallo, wie kommt es, dass du auf einmal singst?

Kalli: Och, wir haben uns gedacht, wir müssen auch mal so einen Lagerfeuer-Song machen.

Günt: Wir wollten einfach auch ein gelungenes Outro haben. So weit ich das beurteilen kann, hat das bisher auch noch keine Band gemacht, dass sie einen bestimmtes Teil aus einem Stück in Akustikform als Outro verwendet haben.

Kalli. Stimmt, aber das war ursprünglich gar nicht so geplant. Wir hatten diese drei Teile von "Visions Of Death". Das Intro, den Song an sich und dann noch dieses akustische Outro. Als wir uns schließlich Gedanken über die Tracklist der CD gemacht haben, kam Konny auf die Idee, das Outro nicht direkt an den Song dran zu hängen, sondern ganz an den Schluss der Scheibe zu stellen. Das haben wir kurz durchgesprochen und gedacht, let's do it. Interessanterweise spricht uns auch jeder drauf an.

Ja hallo? Wenn du die ganze Zeit Old School Thrash um die Ohren gebrettert bekommst, und auf einmal kommt eine Akustiknummer, zu der du auch noch toll singst, das fällt schon so'n bisschen auf. Schon mal überlegt, den Cleangesang auch in eine härtere Nummer zu integrieren?

Kalli: Hm, bisher noch nicht wirklich, aber wer weiß. Bei so einer Akustiknummer kannst du halt nichts drüber röhren, da musst du schon singen. Das hat auch ganz gut geklappt, aber Pläne so was weiter auszubauen, gibt es bisher nicht.

Und wie siehts in Sachen Tour aus? Gibt es da irgendwelche Pläne?

Kalli: Die gab es zumindest, aber leider wird das nicht klappen. Wir wollten eigentlich zwischen den Jahren mit Tankard durch die Gegend ziehen. Das hätte ja auch voll gepasst, denn wir verstehen uns mit denen nicht nur super – so als Hesse, ne – sondern musikalisch sind wir ja auch in der gleichen Ecke. Das ist aber nicht aus der Welt, wir müssen die Sache nur auf nächstes Jahr verschieben.

Sehr schön, sonst noch irgendwas Sinnloses? Vielleicht einen Rasiertipp für unterwegs?

Kalli: Nö, da musst du den Konrad fragen. Der hat inzwischen eine Wissenschaft daraus gemacht. Der hat sich tatsächlich im Internet schlau gemacht, wie man sich richtig rasiert.

Günt: Also net underum, sondern oberum.

Ja, is klar.

Kalli: Da wird dir dann eine ganz bestimmte Rasiercreme empfohlen und wie und wann man die am besten aufträgt und was weiß ich noch alles. Vor allem die Utensilien, die sich manche noch extra dafür anschaffen, da gehst du echt am Stock. Also wenn wir euren Lesern noch was ans Herz legen sollen, dann folgendes: Schreibt dem Konny eine Mail und lasst euch beraten, wie man sich richtig rasiert. Der hat's raus!

Günt: Oder schickt Pflaster, die kann der immer brauchen ...

Und ein Mittel gegen Wundstarrkrampf wäre wahrscheinlich auch nicht schlecht. Ich muss hier weg ...

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