laut.de-Kritik

Hau-Drauf-Rap mit zu vielen Lückenfüllern.

Review von

"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat den geilsten Sixpack und die Pump in der Hand?" Gnade ihm Gott, sollte besagter Spiegel nicht schleunigst "Automatikk" darauf antworten. Die "Brüder aus Stahl", namentlich Rokko81 und Attilah78, veröffentlichten dieser Tage ihr siebtes Studioalbum "Jenseits Von Eden 2". Darauf präsentieren sie sich als hervorragend aufeinander eingespieltes Team, das auf 21 Tracks nicht nur "Panzafaustflow" an den Tag legt.

Erwartungsgemäß funktioniert ein Großteil des Longplayers aber nach dem "Flatrate Stress"-Prinzip, das sich durch Hau-Drauf-Attitude, Selbstbeweihräucherung und jede Menge "Testosteron" auszeichnet: Schon klar, ihr habt die dicksten Eier und ansonsten gleicht Deutschrap einem Kindergarten. Sierra Kidd und MC Fitti sind whacke Hipster-Schwuchteln, die sowieso keiner braucht. Schon verstanden. Featuregast Jasko verhilft "Mördersound" schließlich zur perfekten Bewerbung für das Banger Musik-Camp. Darauf einen Protein-Shake.

"Scheiß' mal auf Obama, hier kommt der wahre Präsident!" Besser gesagt der "Ghettopräsident" in seiner nunmehr dritten Fassung. Beteiligten sich am Vorgänger noch Sido, Alpa Gun und Ex-Labelkollege Hengzt, dürfen jetzt Kurdo und Massiv ran. Trotz Trap-Geballer und stattlicher Hook geht der Track nicht halb so gut nach vorne wie "Pump Die Hantelbank 2": Keine zehn Pferde, auch kein Freibier würden mich je ins Fitnessstudio bewegen, aber in einem anderen Leben erwiese sich die Nummer als perfekte Begleitung eines schweißtreibenden Workouts.

Überraschend findet sich auf "JVE 2" eine Handvoll Themensongs, die mehr darstellen als nur eine gelungene Abwechslung. Auf "Dennis" beispielsweise erzählen Automatikk aus der Sicht eines glühenden Fans, der sich so in die Sache hineinsteigert, dass er die Texte seiner Idole wörtlich nimmt und immer verzweifelter versucht, deren Aufmerksamkeit zu erlangen. Das Thema ist sicher nicht neu, der Text nicht wahnsinnig deep, doch er zeigt die Brüder von einer menschlichen und durchaus sympathischen Seite.

Ebenso sympathisch wie Celo & Abdi, die sich, auch wenn ich sie mir nicht auf Albumlänge geben kann, doch immer als willkommene, weil unterhaltsame Featuregäste erweisen. Die Achse Nürnberg-Frankfurt hustled so lange, "Bis Die Kasse Stimmt", und kein Bulle der Welt kann sie stoppen. "110" präsentiert sich zwar weniger aggressiv als die 1312-Nummern so mancher Kollegen, flowt aber sehr ordentlich.

Auch wenn "Quotentürke" Eko Fresh zuletzt wenig überzeugt hat, zeigt er auf "Aboo", was er kann und setzt mit seinen Landsmännern ein schönes Zeichen angesichts aktueller Flüchtlingsdebatten. "Was für Kebap-Türke? Wir sind Redakteure, Regisseure, Ingenieure, die hierhin gehören ...", oder, noch ein bisschen besser: "Deutschland ist ein schönes Land, Multi-Kulti-Dönerstand." Word.

Bei alldem darf der obligatorische Liebestrack ("Julia") natürlich nicht fehlen, der sich trotz Möchtegern-Tragik als unnötig erweist. In Kurzfassung: Liebe auf den ersten Blick, er tickt weiter, sie schwanger, er schlägt zu, Kind tot, beide tot, aus die Maus. Gähn. Gewann "Jenseits Von Eden 2" mit etwas Zeit und Geduld immer mehr an Fahrt, begehen Automatikk einen Fehler, der im Deutschrap zuletzt zur Mode avancierte. Statt 15 solide Tracks abzuliefern, muss man den Fans natürlich mehr bieten, unter 20 geht gar nicht! Merke: Lückenfüller braucht kein Mensch, auch nicht der Hardcore-Fan.

"Rin Rin Rin" und das hölzerne "GTA" toppt nur das wahrhaft schauderhafte "YOLO", ein billiger "Hipsterhass"-Abklatsch, den die Welt schlicht nicht braucht. Wie Überlänge und Anti-Jutebeutel-Mentalität liegen auch Kollabos im Trend, an dem sich möglichst viele Kollegen beteiligen. Automatikk springen auch auf diesen Zug auf und präsentieren mit Blokkmonsta, Olexesh und vielen weiteren ihre viertelstündige "Killakollabo". Das Fazit zu dieser lässt sich passenderweise auf das ganze Album übertragen: Eine gezieltere Auswahl wäre schön gewesen. Beim dritten Teil vielleicht ...

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Kingz
  3. 3. Panzafaust Flow
  4. 4. Ghettopräsident 3 ft. Kurdo & Massiv
  5. 5. Flatrate Stress
  6. 6. Dennis ft. Sarah Ann
  7. 7. 110
  8. 8. Bis Die Kasse Stimmt ft. Celo & Abdi
  9. 9. Testosteron
  10. 10. Aboo ft. Eko Fresh
  11. 11. Julia
  12. 12. Nein
  13. 13. Uppercut ft. Akez
  14. 14. Mördersound ft. Jasko
  15. 15. Pump Die Hantelbank
  16. 16. Rin Rin Rin
  17. 17. GTA
  18. 18. YOLO
  19. 19. Killakollabo ft. V.A.

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