laut.de-Kritik

Spiel durchgespielt. Diesmal wirklich.

Review von

Grim104 hat das Spiel durchgespielt. Im Grunde dachte ich es schon bei seiner selbstbetitelten Debüt-EP: Wie sollte jemand jemals irgendetwas machen, das es mit diesem klaustrophobischen Froschteich aufnehmen könnte? Dass er in der Folge (unter anderem) kurz die Welt abfackeln geht und wenig später in vollem Halloween-Ornat, pardon, im Wetterfleck, den deutschen Horrorcore auf links dreht: Wie hätte ich das seinerzeit ahnen sollen? Für "Imperium" riss er sich hernach alle Masken und Schutzpanzer wieder ab und ließ schmerzhaft noch tiefer blicken als je zuvor. Was soll da noch kommen?

Ein Eindruck, den der erste Vorbote auf dieses Album leider unterstrich: An "Risse" ist im Grunde zwar wenig auszusetzen, bloß reitet es halt Underworlds "Born Slippy" wie Ski Aggu Ottos "Friesenjung". Klar, das Ganze erscheint, weil deutlich melancholischer gefärbt, weit weniger plump, gehorcht aber demselben Mechanismus: Nimm einen Hit aus deiner Jugend, irgendwas, das jeder Dulli kennt, und du fischst eine ganze Generation mit kollektiven Flashbacks ab.

Klar funktioniert das, die Menschen, wir alle, sind simpel gestrickt. Es wirkt, weil das gerade alle machen, bloß eben wenig originell. Okay, dachte ich, vernudelt Grim jetzt halt auch irgendwelche Rave-Klassiker. Der Titeltrack zitiert dann auch noch Ton Steine Scherben, auweia, das hat zuvor ja *hust* noch niemand gemacht ... ja, ich gebe zu: Ich hatte nicht die allerhöchsten Erwartungen. Die Messlatte lag nach "Das Grauen, Das Grauen" und vor allem nach "Imperium" auch einfach viel zu weit oben, von Grim selbst in schwindelnder Höhe platziert, da kommt er doch unmöglich gleich noch einmal ran.

Spoiler: Tut er auch nicht, dafür gerät "Ende Der Nacht", obwohl wieder (zumindest lose) in ein Konzept gehüllt, einfach nicht homogen genug. Wie eiskalt mich aber die Highlights erwischen würden: Ehrlich, ich hab' es beim Opener "Radio Grim" noch kein Stück kommen sehen. Da haben wir sie also, die Rahmenhandlung: Als Host einer Radioshow inszeniert Grim sich da, der, wen auch immer, der warum auch immer noch oder schon wach ist, durch die seltsam unwirklichen Stunden zwischen sechs und sechs begleitet. Bis, ja, ans "Ende Der Nacht". Die Synthies wirken nostalgisch, vielleicht sogar ein bisschen gestrig, unmittelbar plöppt in irgendeiner vergessenen Gehirnwindung die Erinnerung an den "Nachtfalken" auf: Gute Nacht, Amerika, wo immer Sie sind.

Soweit sind wir aber noch lange nicht, und wir sind auch nicht in Seattle, Dirk. Die Nacht ist noch jung und Grim hat gerade erst begonnen, die Maniacs und die Erschütterten einzusammeln, die Ausgespuckten, die Verfütterten und all die anderen Geister, die die Ränder der Nacht bewohnen. Alle da? Gut. Passen auch alle auf?

Besser wärs. Mit "Sterne" landet Grim104 anschließend nämlich gleich den ersten Schwinger in Magengrube, Herz und Seele. Nur einen Augenblick lang gestattet Produzent Silkersoft die Illusion, dass die wie hingetupft wirkenden Sounds wie die titelgebenden Sterne funkeln, dann ist es auch schon vorbei mit der Filigranität, und der Beat ballt sich recht schnell zu einer ziemlich massiven, distanzlosen, bedrohlichen Angelegenheit.

"Heut' weiß ich, dass das keine Sterne waren", stellt sich Grim104 mit überschnappender Stimme einer Erinnerung. Er beschreibt den Punkt, an dem eine Dorfjugendfreundschaft die ersten Haarrisse bekommt, die Lebensrealitäten noch nahezu unmerklich, aber an diesem Punkt bereits unaufhaltsam auseinanderzudriften beginnen, mit so fotografischer Präzision: Es muss einfach alles die reine, real erlebte Wahrheit sein, das er da erzählt. Diesmal ist es Rainhard Fendrich, der sich in meinem Kopf ungefragt zu Wort meldet und sich interessiert erkundigt: Ob die Zikade, wenn sie singt, weiß, dass sie mit dem Tode ringt? Musikalisch ganz andere Baustelle, aber der Vibe: genau derselbe.

Die bereits monströse Gänsehaut, die mir dieser (inzwischen obendrein visuell perfekt umgesetzte) Track beschert hat, soll jedoch noch eine Steigerung erfahren: Der Übertrack dieser Platte, der alleine ihre Existenz schon komplett rechtfertigt, kommt erst noch. Wieder entführt Grim104 in ein fotorealistisches Szenario. Auch hier wäre ich sofort bereit zu wetten, dass sich die Situation genau so zugetragen haben muss. Der Anruf aus der alten Heimat, der das Mark in den Knochen gefrieren lässt, die Fahrt dorthin, die in der elterlichen Garage geklauten Biere, unterschlüpfen im alten Kinderzimmer, und warten. Die würgende Angst vor dem Update aus dem Krankenhaus, das bisschen Hoffnung zwischen sehr viel Verzweifung, das sich in einer Hook Bahn bricht, wie sie, wenn überhaupt jemand, einst Purple Schulz in den Äther geschrien hat. Nur fleht Grim hier nicht Ich will raus!, sondern, noch existenzieller: "Stirb Nicht Heute". Alter ...

Der ganze Rest, die garstig-verächtliche Abrechnung mit den "Nepo Babys", eine Portion "Butter Chicken" mit dem Toningenieur, die Begegnung mit einem "Stadtfuchs", die einigermaßen schrägen Aussteiger-Fantasien in "Ted Kaczinsky, Paris Hilton", das sind allesamt gute bis sehr gute Tracks mit einem gemeinsamen Problem: Neben den beiden alles überragenden "Sterne" und vor allem "Stirb Nicht Heute" fällt ihre Qualität kaum auf. Mit diesen beiden Songs hat Grim104 das Spiel jetzt aber durchgespielt. Diesmal wirklich. Ganz sicher bis zum nächsten Release.

Trackliste

  1. 1. Radio Grim
  2. 2. Sterne
  3. 3. Stadtfuchs
  4. 4. Ende Der Welt
  5. 5. Nepo Baby
  6. 6. Risse
  7. 7. Stirb Nicht Heute
  8. 8. Butter Chicken
  9. 9. Ted Kaczinsky, Paris Hilton
  10. 10. Ende Der Nacht

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9 Kommentare

  • Vor 3 Monaten

    Sehr cool ja. Gefällt mir besser als die letzte Platte. Sterne knallt gut, und mein favorit ist: der paris hilton song. Baff.

  • Vor 3 Monaten

    Fällt im Vergleich zu Imperium ein wenig ab, aber das schmälert nicht die Großartigkeit. Knackige 26 Minuten die in der nächsten Zeit noch öfter bei mir laufen werden.

  • Vor 3 Monaten

    Ultrastabile Rezi, wie gewohnt; das bisschen arg-kritische in den ersten beiden Absätzen ist ja irgendwie schon notwendig, wenn man einem Artist so zugetan scheint. Hätte ich genau so erwünscht wie erwartet, und das ist als Kompliment gemeint.
    Sterne ballert auf jeden Fall mal wieder zu krass, auf eine Art, wie es (für mich) nur der komplett heiser-uberschnappende Grimmi hinbekommt, str8 in die Magengrube, wie schon treffenderweise angemerkt. Album halbwegs gehört 5/5, Rezi 5/5, sollte klar sein.

  • Vor 3 Monaten

    Grim guter Mann kann man mucke hören T-shirt kaufen beides kein Problem cüüüüüüs

  • Vor 3 Monaten

    Die ersten 3-4 Tracks ganz grausam, ich habe mich gefragt, ob ich das auf Albumlänge durchhalte, Grims Aggro-Stimme und diese billo 90‘s Dance Beats, die überhaupt nicht dazu passen. Dann tatsächlich lieber Ski Aggu, der ist noch durchgeknallter und lustiger.
    Ab Track 5 dann besser mit Highlight „Stirb nicht heute“, aber dann ist das Album ja auch fast schon zu Ende.
    Irgendwie unausgegoren das Ganze, da erhoffe ich mir mehr von einem neuen „Zugezogen Maskulin“-Album. Mit Testo funktioniert das Ganze besser.

  • Vor 2 Monaten

    Hat mir nach dem ersten Hören teilweise gar nicht gefallen. Vor allem die Tanzbaren Tracks...Jetzt läuft die Platte in Dauerschleife. 5/5