Porträt

laut.de-Biographie

Kalush Orchestra

Spannend wäre ja mal ein purer Rap-Beitrag als ESC-Gewinner. Als die Rapper Kalush aus der Ukraine 2022 zum Song Contest in Turin antreten, ahnt sowieso schon jeder, der das Publikum realistisch einschätzt: Das von Russland angegriffene Land wird gewinnen. Wohl schon aus Symbolik, Mitleid, als Statement, ausgedrückt per Tele-Voting, eher ungeachtet der Musikrichtung. Für ein Lied in Landessprache.

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Doch das Kollektiv, das für Alina Pash nachrückt, entscheidet sich, den engeren Rahmen der Hip Hop-Formation zu verlassen und mit einem mutigen Stil-Hybrid als Kalush 'Orchestra' anzutreten. Irgendwie auf Eurovision getrimmt, mit einen Hauch folk, pompös, aufgeregt und modern-'ethno'. Eine melodramatische Ode an die Mutter des Frontmanns Oleg Psyuk, Stefanija. Offenbar antiautoritär erzogen, nennt er die Mama beim Vornamen.

Der Ukraine Siegeschancen zuzurechnen, liegt dabei schon aus den Vorjahren näher als für Deutschland und im Rahmen des Möglichen: 2016 gewinnt Jamala, gebürtige Kirgisin, wohnhaft in der Ukraine, die sich 2022 auf der Flucht befindet, auch 2004 geht der erste Platz an das Land am Schwarzen Meer. Kalush sind nicht die erste Wahl. Denn die zuvor Nominierte hatte ihre Teilnahme zurück gezogen - sie war politisch umstritten. Obwohl Oleh & Co. Newcomer sind: Millionenfache Klicks erzielt die emotionale Combo in der Heimat schon vorher, ganz anders als viele Contest-Sieger, die erst mit dem effektiven Titelgewinn richtig durchstarten. Schon in der Nacht des Siegesrauschs verspricht die Plattenfirma der Gruppe, Kalush würden auch 2023 antreten.

Ein schöner Moment inmitten der deprimierenden Umzingelung und Zerstörung durchs russische Militär, am Tag vorm Geburtstag des Frontmanns, der am 16. Mai 1994 zur Welt kommt. Zum Song "Stefania" entsteht das Video im urbanen Umfeld der belagerten Hauptstadt Kiew - in Borodyanka, Bucha, Hostomel und Irpin. Kalush-Tänzer Slavik Hnatenko hatte zuvor in der Armee am Gewehr gegen die Besatzer gekämpft, um Kiew zu verteidigen. Um zum Musikwettbewerb nach Italien auszureisen, braucht es eine Sondergenehmigung.

"Wir machen noch immer Musik, aber natürlich nicht mehr so aktiv wie zuvor", schildert Oleh die Arbeitsbedingungen während des Krieges im Mail-Interview mit Bleistiftrocker. "Ich schreibe sehr viele Tracks, es sind gerade viele spannende Dinge in der Entstehung", deutet er Künftiges an und sieht in "Stefania" eine stilistische Wende für den Eurovision Song Contest, da "es nicht viele Hip-Hop-Songs beim Eurovision gab und noch keine Rap-Gruppe gewonnen hat, deshalb sind wir glücklich, diese neue Seite zum Contest zu bringen."

Bereits um 2010 herum fängt er an zu rappen, zu einer Zeit, als Eminem schon relativ out ist - sein Haupt-Vorbild. Doch erst 2018 gründet er die Band, zusammen mit einem DJ und mit Igor (ukrainisch: Ihor), der viele Instrumente, darunter die Sopilka spielt - eine 'Kernspaltflöte' (nicht nuklear). Ihor musiziert vorher bei Go_A, einer ukrainischen Folktronic-Band.

Schnell greift das renommierte Hip Hop-Label DefJam zu und nimmt die Newcomer unter Vertrag, die somit auch eine Geldquelle für Video-Drehs haben. Die Kosten für einen guten Regisseur, den Alyona Alyona ihnen connectet, rechnen sich recht bald: "Dodomu" (zu Deutsch "Nach Hause gehen") läuft schon vor dem ESC über 30 Millionen Mal über nationale und andere europäische Endgeräte, inklusive Clips von fünf Coverversionen und zwei Remixes.

Die Kalush-Besetzung wechselt derweil ein bisschen hin und her. Zum zweiten Album zählt Sofka als annektierter Dauergast am Mic. Für den Move Richtung Eurovision greift auch Tymofii zu Instrumenten, und Kalush nennen sich Kalush Orchestra. Danyjil und Vlad a.k.a. MC CarpetMan (KylymMen) heißen die DJs, die sich um Bühnenchoreographie und Beats kümmern.

Begleitend zur Contest-Hymne erscheint bei einem anderen großen Label, Columbia/Sony, eine EP namens "Stefania" mit fünf Tracks. Sie featuret wieder Alyona Alyona und Sofka. Columbia lobt, dass der "Sound geprägt ist von stilistischen Brüchen." Dass sich die Musik angesichts der Sprachbarriere international durchsetzen wird, kann bezweifelt werden, sieht man schon die Mühe Schweizer Acts mit Schwyzerdütsch in Deutschland oder die Vermarktungshürden französischsprachiger Platten.

Die Hauptsache für Frontrapper Oleh ist aber erst mal das Anti-Kriegs-Signal. So spricht er im Mai '22 von "einer neuen und glücklichen Ukraine" 2023. Die European Broadcasting Union macht ihm schon einen Monat nach dem haushohen Sieg einen Strich durch die hoffnungsvolle Rechnung: "Die Sicherheit und Garantie, die ein Fernsehsender bieten muss, um den Eurovision Song Contest nach den Regeln des ESC auszurichten, zu organisieren und zu produzieren kann UA-PBC nicht gewährleisten." Mit diesen Worten sagt die EBU als Veranstalter der grenzüberschreitenden TV-Übertragung via Twitter ab und spielt den Ball an den Zweitplatzierten, Großbritannien, und die dortige BBC.

Die Ukraine hatte den Song Contest bis dato einmal ausgerichtet, im Mai 2005. Wenn aber der ehemalige KGB'ler an Russlands Spitze überhaupt irgendwas mit seinem Krieg erreicht hat, dann wohl das: Dass ganz Europa und sogar Australien nun wissen, dass in der Ukraine Hip Hop gemacht wird.

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