laut.de-Kritik

Banale und selbstherrliche Liedchen für Schlager-Nostalgiker.

Review von

Ihr Sieg beim Eurovision Song Contest 1982 hat ihr übermäßig viel Selbstvertrauen eingeflößt. Über die Jahre fand Nicole mit der Attitüde einer alternden Diva stets noch ein böses Wort für ihre Grand-Prix-Nachfolgerinnen und -Nachfolger. Max Mutzke könne wohl kaum punkten, "wenn er drei Minuten auf seinem Hocker" schlafe, schmähte sie den ungleich talentierteren Kandidaten von 2004. Lena Meyer-Landruts Gewinnersong "Satellite" besitze "keine Botschaft, keine Tiefe". Und besonders übel sei der "traditionelle Liederwettstreit" von Lordi "missbraucht und beschmutzt" worden.

"Die spießige Nicole soll endlich aufwachen", revanchierte sich die finnische Heavy Metal-Band damals, "Ihr Grand-Prix-Lied ist grässlich und langweilig." Doch die Schlagersängerin denkt gar nicht daran, aufzuwachen oder sich auch nur kritisch zu hinterfragen. "Ich Bin Zurück" klingt nach einer selbstherrlichen Ansage in der Tradition des Terminators oder Julian Reichelts. "Ich tu', was richtig ist - das bin in erster Linie ich", trällert sie einleitend. Selbstbesoffen sieht sie "sich gar nicht an sich satt". Und rekordverdächtige 40 Mal baut sie das Wort 'Ich' in ihre überschaubaren Verse ein.

Da wirkt es fast komisch, wenn sie "Schluss mit dem Selbstbetrug" fordert. Die Figur Nicole funktioniert einzig und allein über Vergangenheitsverklärung. Sie erhebt die "Erinnerung" zum "Schatz, der wächst, der uns verführt, der uns verhext". Sehnsüchtig wünscht sie sich, "Einmal Noch Kind" zu sein. Ihre Kindheit schildert sie als so "unbeschwert, glücklich und frei", als sei sie geradewegs aus einer Lausbubengeschichte Mark Twains gefallen. Obwohl sich ihr 60. Geburtstag in Sichtweite befindet, verharrt sie noch immer in der wenig glaubwürdigen Mädchenrolle von einst.

Dabei ist die Schlagersängerin eine gestandene Frau, die gerade erst eine schwere Krebserkrankung überstanden hat. Doch statt eine Spur Wahrhaftigkeit in ihre Musik einfließen zu lassen, singt sie lieber im schwülstigen "Melody" von Engeln, die sie nachts bewachen. Das ginge selbst bei Kirchentagen als zu kitschig durch. In "Das Wort Das Aus Dem Herzen Spricht" plädiert sie für mehr Geistlosigkeit. "Rechne nicht nach, wäge nicht ab", fordert Nicole von ihrem eingelullten Publikum, "Das Herz entdeckt die unglaublichsten Schätze. Die findet das Gehirn im Leben nicht."

Wenn sich die Saarländerin nicht gerade an der eigenen Rührseligkeit berauscht, greift sie auf altes Liedgut zurück. Bei der Hälfte der Stücke handelt es sich um Coverversionen eigener Nummern. Das ursprünglich 2001 auf "Für Die Seele" erschienene "Ich Hab Es Versucht (2022 Version)" schildert wie "eine Liebe langsam stirbt". Neue Hoffnung schöpft sie wiederum aus der bedächtigen Schunkelnummer "Die Zweite Liebe (2022 Version)", deren Originalfassung 1994 auf "Und Außerdem…" zu hören war. Und "Wenn Ich Singe (2022 Version)" verkauft ihre banalen Liedchen als wertvolle Lebensbegleiter.

"Noch wird nichts und niemand mich zum Schweigen bringen", erschallt es bedrohlich in "Das Letzte Lied (2022 Version)", bevor sie zum 40. Jubiläum noch einmal "Ein Bißchen Frieden" anstimmt. Ihre putzig naive Hymne auf den Pazifismus klingt gerade in Zeiten des Ukraine-Kriegs noch unbedarfter. Da hilft auch die als Botschaft an "Herrn Putin" gedachte russische Passage wenig. Nicoles "Ich Bin Zurück" bleibt ein Album für Schlager-Nostalgiker, denen Helene Fischer zu ungestüm auftritt und Kerstin Ott zu weit von den vorgesehenen Rollenmustern entfernt ist.

Trackliste

  1. 1. Ich Bin Zurück
  2. 2. Melody
  3. 3. Einmal Noch Kind
  4. 4. Die Zweite Liebe (2022 Version)
  5. 5. Ich Hab Es Versucht (2022 Version)
  6. 6. Auf Messers Schneide
  7. 7. Seelenpiloten
  8. 8. Das Wort Das Aus Dem Herzen Spricht
  9. 9. Wenn Ich Singe (2022 Version)
  10. 10. Erinnerung
  11. 11. Ich Will Musik (2022 Version)
  12. 12. Das Letzte Lied (2022 Version)
  13. 13. Es Gibt Ein Wiedersehen (2022 Version)
  14. 14. Ein Bisschen Frieden (2022 Version)

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3 Kommentare mit 20 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Ich finde es sehr gut, dass ihr dieses fürchterliche Album würdigt, indem ihr einen völlig gerechtfertigten Verriss schreibt. Dass Heinz Rudolf Kunze hinter einigen Liedern als Autor steht, kann man kaum glauben. Die zum Glück überstanden Erkrankung rechtfertigt ein dermaßen schlechtes Album nicht. Tatsächlich hat Nicole immer mal wieder auch schöne Schlager gesungen und sogar selbst geschrieben ("Ohne dich leben", "Für die Seele", "Alles fließt"), aber seit einiger Zeit kommt da nichts Gutes mehr.

    • Vor 2 Monaten

      @danielz
      "Dass Heinz Rudolf Kunze hinter einigen Liedern als Autor steht, kann man kaum glauben."
      Na gut, die beiden kennen sich ja ewig und 40 Jahre. Auf dem letzten Album von Nicole hat er sich ja auch schon mal textlich eingebracht, wenn ich mich richtig erinnere. Nicht wirklich gut, aber halt eingebracht. Hier gehe ich davon aus, daß er so ähnlich an die Geschichte rangeht, wie er es beispielsweise auch bei einem Musical macht: die Texte sollen zu den Figuren passen und nicht klingen wie Heinz Rudolf Kunze in verschiedenen Inkarnationen, also verfaßt er die Texte entsprechend.
      Gruß
      Skywise

    • Vor 2 Monaten

      Achso, ja, insofern kann man das natürlich schon glauben, was ich damit eher meinte, ist, dass man von Kunze doch ein Mindestmaß an Qualität erwartet, das erreichen seine Lieder auf diesem Album aber nicht. Viele Grüße :)

    • Vor 2 Monaten

      @danielz:
      Ich erwarte von Kunze als Interpret ein Mindestmaß an Qualität, auch wenn er diesbezüglich ebenfalls einige Klöpper vorzuweisen hat. Als Urheber für Andere erwarte ich von ihm höchstens sauberes Deutsch, ansonsten wie gesagt Glaubwürdiges angesichts des Interpreten. Daß er für Herman van Veen oder Peter Hammill auf anderem Niveau textet als für Milva, Karel Gott oder die Hooters, halte ich für folgerichtig ... er muß ja auch nicht überflüssig Perlen vor die Säue kübeln.
      Gruß
      Skywise

  • Vor 2 Monaten

    Das System f.... sich selbst. Man lese nur mal Superlogen regieren die Welt. Allmählich packen die Puppenspieler selber aus. Z.B. Multimilliardär G. Magaldi inkl. 4 weiterer seiner Urlogenbrüder. Teil 5 der dt. Übersetzung Zahlencode der Freimaurer, das gibt es also doch. Magaldi: "Wir sind nicht der Abschlußstein." Das hier ist er - google 334 Promille Lüge. Die Techniken des inneren Zirkels findet man bei ´Schlüssel zur Erleuchtung´. Musikalisch mal was anderes, der Text trifft mal wieder voll ins Schwarze, was man jetzt sehen kann wie man will.

  • Vor 2 Monaten

    Ein tolles Album mit einzigartigen Texten und einer unverwechselbaren NICOLE, die immer noch so ausdrucksstark singt, wie kaum eine andere im deutschen POP. Dass in der Rezension HRK nicht erwähnt wird und auch die besten Songs des Albums nicht, spricht dafür, dass man sich mit damit gar nicht richtig auseinandergesetzt hat, sondern darauf aus war, einen Verriss zu schreiben, weil es eben NICOLE ist. Aber wer z.B. meint, dass "Auf Messers Schneide" kein guter Song sei, der ist zu festgefahren. https://youtu.be/kNemcgXGhV0

    • Vor 2 Monaten

      @popsterne:
      Na ja, "ausdrucksstark" wäre mir im Fall von Nicole eigentlich niemals in den Sinn gekommen, um ihren Gesang zu beschreiben.
      Bei dem verlinkten Lied würde ich es als bemerkenswert einstufen, daß ich da zumindest beim oberflächlichen Hören keine Spur von Autotune wahrgenommen habe. Ansonsten - gut ist das Lied eigentlich nicht, nein. Möglicherweise im aktuellen Schlager-Kontext - denkbar. Ich denke, da ist ordentlich Luft nach oben. Vielleicht derzeit nicht von Nicole, denn ich hab' das Gefühl, daß da mehr Willen als körperliche Kraft hinterm Mikro steht. Musikalisch und textlich geht aber bestimmt mehr.
      Gruß
      Skywise