laut.de-Kritik

Shaggy & Sting stöbern in Frank Sinatras Repertoire.

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Was Shaggy genau von Frank Sinatra im Ohr hat, verrät dieses Tribute-Album nicht. Denn es hört sich in etwa so an wie das gemeinsame Shaggy-Sting-Album, das im Frühling 2018 die deutsche Charts-Spitze erklomm. Sting dirigiert jetzt als Produzent, mal außerhalb seiner gewohnten Rolle, zudem singt er zwei Mal Background und nennt sich 'featuring'-Gast - nah an seiner inzwischen erprobten Lieblingstätigkeit 'Duette aufnehmen'.

An Recycling finden beide schon lange großen Gefallen. "Com Fly Wid Mi", Patois-Form des berühmten "Come Fly With Me", knüpft zwar im Titel an eines der wichtigsten Sinatra-Alben an. Doch natürlich gereicht es Frank nur indirekt zur Ehre: Der schrieb ja nichts. Allenfalls kann man seinen Crooner-Style imitieren. Dafür erscheinen nun weder der brummelnde Mister Boombastic noch der eher dünn gestimmte Sting als erste Wahl, setzen sie ihre Stimmen doch eher pragmatisch und meist wenig schauspielerisch ein. Trotzdem funktioniert die Mehrheit der Songs Bombe. Wohl weil die beiden Best-Agers spürbar Spaß im Studio haben - weniger wegen Sinatra.

Der Reggae-Star löst die selbst gestellte Aufgabe eigenwillig. So zeigt er überhaupt nicht den sportlich phrasierenden, weltmännischen, väterlichen, gönnerhaften, souveränen, eleganten Gentleman Sinatra, den man als Peter Frankenfeld des Jazzpop sehen kann. Shaggy performt hier eben wie Shaggy. Das, was seinerseits gar nicht zum Projekt passt, kompensiert er damit, den Kollegen Sting in dessen balladesken Momenten zu imitieren. Das hat noch weniger mit Frank gemeinsam. In "That Old Black Magic" zum Beispiel brabbelt Shaggy erst einen MC-Spruch, dann gibt er seinem Producer Credits, schließlich hangelt er sich in Stakkato von Wort zu Wort. Also eher ein Ragga-Frank.

Die Ruhe bringt sicher der Ex-Policeman mit rein und lässt den dritthäufigst gestreamten Reggae-Act der Welt ein bisschen von Glanz ummanteln, als beträte man das Level von Hollywood-Musical, feinem Smoking mit Einstecktuch und roten Rosen. Dabei matcht der Orchester-Swing die Attitüde nicht: "Com Fly Wid Mi" strahlt diesen nonchalanten Charme aus, bei zu viel Langeweile an einem südfranzösischen Pool entstanden zu sein. Zumal Shaggys Stimme selbst mit 53 keinen erwachsenen Eindruck macht, sondern in freeze frame den des G.I.-Rekruten am Freigang-Wochenende, der ein Mädchen sucht und den härtesten Drink.

Als Berufsjugendlicher, dem der Schalk im Nacken sitzt, wird das also nichts mit der Sinatra-Aura. Schon die flankend getragene Hipster-Hose auf dem Artwork lässt's erahnen: Zum harten Broadway- und Nightclub-Entertainment der '50er findet diese Platte gar keinen Draht. Shaggy war seit geraumer Zeit nicht mehr als Alleinunterhalter auf einer Bühne gestanden, das Album wurde nie vor Publikum erprobt und gedieh abgeschirmt (in Hollywoods Capitol-Studios mit Dirigent Rob Mathes). Umgekehrt presste die Industrie Sinatra-Alben gerade deshalb, um Live-Shows zu flankieren, und zu Franks besten Scheiben zählen Konzert-LPs.

Vielleicht vergisst man Steril-Geburten wie Shaggys "Fly Me To The Moon" genau wegen ihrer 'Cleanness' unmittelbar nach dem Hören. "Witchcraft" (nicht die Elvis-Nummer!) wirkt in zwei Fassungen bremsend, einmal mit smartem Kontrabass, aber sonst frei von jedem Drive, und einmal als "Witchcraft (Guitar/Voice) [Bonus Track]" akustisch und eher wie eine Skizze, ein Demo.

Sechs Songs punkten, und da gibt's definitiv nichts zu meckern: "Angel Eyes", "Luck Be A Lady", "Saturday Night", "That's Life", "That Old Black Magic" und "Under My Skin". Für "Saturday Night" trifft der Rastahead genau das richtige schwermütig seufzende Timbre. Nichts macht eine Trennung schwerer als ein Samstagabend, obwohl man gerade da doch neu anbandeln könnte. Wären nicht diese Erinnerungen: "Cause that's the night / that my sweetie and I / Used to dance cheek to cheek." Die Key Words sind cheek-to-cheek und 'Sweetie', es klingt als habe Shaggy nur darauf gewartet, sie mal zärtlich zu performen, während seine eigenen Songs dafür meist zu hart sind.

Shaggy kann wirklich im Crooner-Style singen und macht das in "Angel Eyes" toll, wenn er lebhaft das Glühen in den Augen umschreibt, "they glow unbearably bright", und mit einem theatralischen halb gerufenen, doch halb gesungenen "Excuse me while I disappear" den verführerischen Engelsaugen ausweicht. Sting wiederum hat den Song 1995 mal komplett anders vertont, als träge Klavierballade, die genau wie sein eigenes "Fields Of Gold" klingt.

Eine Nummer - so viele Möglichkeiten: Genauso sind die Jazz-'Standards' gemeint. Sie stellen ein Gerüst für viele Persönlichkeiten dar. Zum Leben erweckt sie der jeweilige Charakter. Bei "Luck Be A Lady" klappt das für Shaggy richtig gut, weil schon der Einstieg über eine Dame, die beim ersten Date keine Manieren hat, gut mit dem schlitzohrigen und nie so ganz ernsten Vortragsstil Shaggys harmoniert. Der zischelt Wörter wie 'lush' (luxuriös) und 'brush' (Zahnbürste), hier als Wortspiel (give me the brush-off: erteilst mir nach dem Date eine Abfuhr).

Reggae stammt nun mal vom Ska und ein bisschen vom Calypso ab, beides wiederum vom Unterhaltungsorchester-Jazz. Insofern ist das "Sinatra Songbook Inna Reggae Stylee" - Untertitel des Albums - meist eine organische Sache. Den Foxtrott-Swing "That Old Black Magic" haben schon so viele interpretiert, dass der Aufkleber 'Sinatra' dabei reine Formsache ist, geschrieben für eine Frau: Judy Garland. Aufgenommen haben ihn zahlreiche Männer: Skip Nelson mit Glenn Miller, Sammy Davis jr, Tom Jones, ... Auch bei Shaggy immer noch ein sehr schönes Lied, dem er bei Saxophon-Unterstützung vortrefflich gerecht wird, während manch anderer bei dem Tune schon kräftig ins Klo griff.

"That's Life" gab es sogar schon von so verschiedenen Leuten wie Shirley Bassey oder David Lee Roth (mit Gitarrist Steve Vai) - alles keine Aufreger, nett, beiläufig, ein Lied, das sehr oft im Filmkontext funktionierte. Shaggy und Sting fabrizieren's genau so ordentlich. Unterm Strich ein guter Release, der gespannt auf die Live-Umsetzung macht.

Trackliste

  1. 1. That's Life
  2. 2. Come Fly With Me
  3. 3. That Old Black Magic
  4. 4. Fly Me To The Moon
  5. 5. Luck Be A Lady
  6. 6. You Make Me Feel So Young ft. Sting
  7. 7. Under My Skin
  8. 8. Saturday Night
  9. 9. Witchcraft ft. Sting
  10. 10. Angel Eyes
  11. 11. Witchcraft (Guitar/Voice) [Bonus Track]

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