laut.de-Kritik

Troll-Kultur und Drang nach Anerkennung.

Review von

Fler gehört zu den schlaueren Zeitgenossen. Seine offensive Art der Kommunikation und sein rustikaler Habitus weisen zwar trumpeske Züge auf, aber zumeist scheint der Rapper dabei kalkuliert vorzugehen. Davon zeugt nun auch ein Titel wie "Cancel Culture Nightmare", der im Optimalfall in Troll-Manier wie ein Hönigtöpfchen in die um politische Korrektheit bemühten Kreise hineinwirkt. Auf dem Album findet das sonst nur als rechter Talking Point fungierende Phänomen allenfalls mal als Schlagwort statt. Er hätte das Werk auch "Gendergaga Armageddon" taufen können.

Doch dann hätte ihm das berühmte Akronym CCN gefehlt, dem hier eine Schlüsselrolle zukommt. Ursprünglich wollte Fler das Album "Carlo Cokxxx Nutten" nennen, in Anlehnung an das gleichnamige Werk, das er 2002 unter dem Pseudonym Frank White mit Bushido veröffentlicht hatte. Sein einstiger Weggefährte zog dagegen mit Verweis auf seine Rechte an der Wortmarke vor Gericht. Fler schmiss seine Titelpläne daraufhin zwar über den Haufen, doch pochte zugleich auf sein Nutzungsrecht und ließ als trotzige Retourkutsche den gemeinsamen Erstling auf Spotify sperren.

"Mir wären übrigens die Beteiligungen an CCN und VBBZS egal gewesen, aber man musste ja vor Gericht ziehen wegen 'Cancel Culture Nightmare'", kommentierte der Rapper und dreht den Spieß einfach um. Wenn Bushido seinen Beitrag geringschätzt, holt er sich eben Bass Sultan Hengzt dazu, um zu beweisen, dass das Konzept ohne den Streaming-Star mindestens genauso aufgeht. Was Fler bei alledem aber im Kern anzutreiben scheint, ist die Sehnsucht nach Anerkennung, die sich auch durch das gesamte Album zieht. "Sag' mir, weißt du, wie es ist, wenn keiner an dich glaubt?"

"Sag' dem deutschen Gangsterrap, er ist mir noch was schuldig", betont Fler etwa in "Underclass", während Hengzt seine Zugehörigkeit zur selbigen unterstreicht. Vor allem die Berliner Schnauze enthüllt eine tief sitzende Unsicherheit bezüglich der sozialen Stellung: "War schon früher das Problem für eure heile Welt. Ihr wart auf Klassenfahrt, und ich auf mich allein gestellt", rappt er zum klischeehaft pathetisch produzierten "Sehe Was, Was Du Nicht Siehst". Mit Leichtigkeit wittert er den sozialen Status seiner Mitmenschen: "An deiner Stimme hör' ich, Nutte, deine Eltern sind reich".

Selbstverständlich inszenieren sich die Rapper auf CCN im Rahmen eines Kunstprodukts, aber es überrascht dann doch, wie viele Schwächen sie ihren breitbeinig rappenden Figuren zuschreiben. Als Frank White spricht Fler über Angstattacken, pflegt seine Komplexe und charakterisiert sich in "Heavy Rain" als "cholerisch" und "nicht beziehungsfähig". In "Bist Du Glücklich" gibt er das verlassene Straßenkind, das sich einem wohlhabenden Nebenbuhler geschlagen geben muss. Aus der Underdog-Position erhebt er sich mit Bass Sultan Hengzt gegen die Mehrheitsgesellschaft.

Das bedeutet eben auch, sich nachdrücklich von elitär geführten Debatten abzugrenzen, die sie aus ihrer Sicht ohnehin nur moralisch weiter abwerten. Mehrfach distanziert sich Hengzt von Twitter-Bubbles. Und da er weiß, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, kommt er in "Gangster Vor Dem Rap" zum Ergebnis: "Wäre Greta aus'm Ghetto, würd' sie Benzer fahren." Fler reflektiert diesen Umstand, wenn er durchblicken lässt, wider besseres Wissen zu handeln: "Leute sterben, Klimawandel, Mann, die Welt ist gefickt. Doch alles, was mich interessiert, ist, ob die Felge noch blitzt".

Natürlich funktioniert "Cancel Culture Nightmare" in erster Linie als Nostalgieprodukt, deren Protagonisten aus einem früheren Leben berichten. Und sicherlich greifen die Rapper wiederholt daneben. "Holiday Inn" steht etwa seinem hochproblematischen Storyteller-Vorbild "Drecksstück" in nichts nach. Auch der unfreiwillige Humor haftet Fler einfach an. Und dennoch überführen Frank White und Bass Sultan Hengzt nach 20 Jahren die aggressiven Außenseiter aus "Carlo Cokxxx Nutten" gelungener in die Jetztzeit als jeder der unzählbaren Rückbesinnungen des bemühten Bushido.

Trackliste

  1. 1. Intro Carlo Gangster
  2. 2. Butterfly Geht Auf
  3. 3. Director's Cut
  4. 4. Cancel Culture Nightmare
  5. 5. Was Weisst Du
  6. 6. Bist Du Glücklich
  7. 7. Zukunft Pt.3
  8. 8. Sehe Was, Was Du Nicht Siehst
  9. 9. Mondlicht
  10. 10. Engelstränen
  11. 11. Holiday Inn
  12. 12. Haustür
  13. 13. Kein Star
  14. 14. Citys Finest
  15. 15. Underclass
  16. 16. Sternklare Nacht
  17. 17. Heavy Rain
  18. 18. Gangster Vor Dem Rap
  19. 19. Für Ewig

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18 Kommentare mit 17 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Ehrlich, bei aller Kritik an Fler, die möglicherweise berechtigt ist, muss ich ihm hier zugutehalten, dass er es hier, zumindest auf dem Großteil der Lieder, geschafft hat, den Sound "von früher" wiederherzustellen, und auch BSH überzeugt mich weitesgehend. Straighter Rap, kein Blatt vorm Mund, direkt, und ja, manchmal auch unfreiwillig komisch, aber dieses Album KANN man definitiv feiern wenn man wie ich mit dieser Mucke aufgewachsen ist. Für die Generation Z eher weniger fühlbar.

    Und auch der Move, das Album kurzerhand umzubenennen, war schlau.

  • Vor einem Monat

    Uff, der erste Absatz alleine... leider wieder Beweis dafür, dass Deutschrap zu einem nicht unerheblichen Teil von lurchigen Normcore-Söhnen mit linkedIn-Profilen gepumpt wird, die auch in so einem beschränkten Bauernproll wie Fler einen gewieften Businessman sehen, statt dem verachtenswerten, haltungslosen und egozentrischen Dreckskapitalisten, der er ist...

    Tl; dr: Lösch dich, Dominik!

    • Vor einem Monat

      *den statt dem

    • Vor einem Monat

      Komm, sei nicht so hart :D

      Der erste Satz alleine aber..."Fler gehört zu den schlaueren Zeitgenossen" - wow! :koks:

    • Vor einem Monat

      Ich wollte nie so hart zu dem sein, zumal wir auf Zwitscher einige mutuals haben, deren Output er auch öfter bekräftigt hat, weswegen ich dachte, dass er eigentlich ein recht vernünftiger Dude sei... die Rezi zu Disarstar, plus das Outing als Springerknecht galore, haben mich aber dann doch in mich gehen lassen, weswegen ich gerade auch den thread necromancer spiele und leider sagen muss, dass Dominik Lippe lieber nicht mit den Schmuddelkindern spielen und in seinem Metier bleiben sollte; in diesem Sinne: bitte bitte keine (Straßen-)Rap-Rezis mehr vom Dominik!

    • Vor einem Monat

      *und stattdessen lieber in seinem Metier bleiben sollte, gottverdammt

  • Vor einem Monat

    Solides Album mit ein paar Bangern. Flizzy weiß wenigstens, dass man sich bei CCN einen zweiten Berliner dazuholen muss und keinen Tölpel aus Bremen oder einen Heidelberger Luftpumpen-Curse.

    "Carlo Cokxxx ist wiеder back, Mann, wie, ich kann nicht machen?
    Blеib' in mei'm Revier, ich werd' die Straße nicht verlassen"

    :cool: