laut.de-Kritik

Der selbstgekrönte Allmachtsvater schafft seinen eigenen Kosmos.

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Vier Jahre lang ließ sich Gaahl Zeit, um die Richtung seines Schicksalsprojekts Wyrd festzulegen. Live spielte er, wie um ihre Tauglichkeit für die Band zu testen, Stücke seiner früheren Bands Gorgoroth, God Seed und Trelldom. Wardruna klammerte er aus, brachte deren Düsterfolk-Vibe dafür mit neuen Kompositionen ins Set. "GastiR – Ghosts Invited" gerät nun zum Hybrid all dieser Einflüsse. Gaahl demonstriert seine stimmliche Vielfalt und thront als selbstgekrönter Allmachtsvater über seinem eigenen Kosmos.

Schon mit seinen ersten Tönen spielt Gaahl seinen größten Trumpf: Die hypnotische Sogwirkung seiner Stimme. Wie ein böser Geist schwebt er in "Ek Erilar" über bewusst konterarm gehaltenem Gitarrentremolo und sporadisch eingeworfenen Dissonanzen. Das leicht guttural angeraute Raunen weicht zwischendurch gellenden Verzweiflungsschreien. Es wirkt, als stünde der Norweger im Dialog mit sich selbst. Folgerichtig mündet er im letzten Drittel in einem epischen mehrstimmigen Chor. Als es soweit ist, ändert sich auch die Riffstruktur. Plötzlich erheben sich aus dem Tremolonebel zupackende Powerchords. Ein geschickter kompositorischer Kniff, um den Klimax mit einfachen Mitteln zu pushen.

Im folgenden "From The Spear" agiert Gaahl deutlich extrovertierter. Während die Gitarren schwarzmetallisch rumpeln, knurrt und kreischt er angriffslustig, Gorgoroth-Anhänger schnalzen mit der Zunge. Umso überraschender kommt der hymnische Schlusspart. Die Art, wie Gaahls Wyrd und besonders Gitarrist Lust Kilman trotz aller Härte immer wieder Melodien in die Stücke flechten, erinnert an leicht Shining. Gutes Beispiel ist Kilmans Solo in "The Speech And The Self" Es herrscht eine ähnlich klaustrophobische, dennoch überwältigende Atmosphäre voller morbider Schönheit.

Beim progressiven, mit vielen Wechseln gespickten "Ghosts Invited", dem schleppenden, esoterischen Epos "Carving The Voices" und dem mit Folk-Chants liebäugelnden "Veiztu Hve" klingen außerdem neuere Enslaved durch. Dank Gaahls eigenwilliger Performance gerät die Band aber nie in Verdacht, nur nachzuahmen. Zumal gerade die beiden letzteren Tracks die Besonderheiten von Gaahls Wyrd hervorheben. Konzipiert als musikalisches Mantra braut sich in "Veiztu Hve" langsam, aber beständig ein Unwetter auf, schließlich gipfelt der Track in einer Kumulation all seiner Elemente: mehrere Stimmen überschlagen sich, Trommeln hämmern, donnernd rasen die Gitarren. Kahlschlag. "Carving The Voices" besticht abgesehen von epischen Melodiebögen und dynamischem Arrangement mit Gaahls hier teilweise innerhalb eines Atemzugs radikal umschlagender Stimmfarbe und seinen poetischen Lyrics. "Carving the voices into the speech / Carving the voices unto the mind / Carving the voices into the self / Carving the voices unto the dream."

Bevor die Luft zu bedeutungsschwanger wird, schieben Gaahls Wyrd kurz vor Schluss noch das erfrischend thrashige "Through And Past And Past" ein. Mit knackigen drei Minuten Lauflänge ist das Stück das mit Abstand kürzeste der Platte. Gaahls Blick stiert entsprechend auf Blitzkrieg, unbarmherzig steuert Drummer Spektre den Streitwagen, prügelt mit Blastbeats auf seine Pferdchen ein.

Schade nur, dass hernach die Luft raus ist. Statt einem dem Album angemessenen Closer wartet hinter der letzten Ecke ein Schreckgespenst aus des Teufels Grabbelkiste. Statt einem Song hört man substanzlose Dissonanz-Spielereien, zu denen man zwar beim Fotoshooting im Wald böse gucken kann, die sonst aber nicht zu mehr als lauer Hintergrundmusik taugen und eigentlich den Proberaum nie verlassen sollten. Gaahl schlägt mit effekthaschendem Stereo-Knurren in die gleiche Kerbe. Den Vergleich mit Wardruna möchte man bei "Within The Voice Of Existence" wegen des hohen Qualitätsunterschieds hier kaum in den Mund nehmen, muss es wegen stilistischer Ähnlichkeiten (ritueller Gesang und Percussion) und der Personalie aber.

Schwächere Passagen hin oder her, mit "GastiR – Ghosts Invited" haben Gaahls Wyrd ein überzeugendes erstes Albumkapitel ihrer Karriere geschrieben. Gaahls Performance steht klar im Mittelpunkt, ohne der Band den Handlungsspielraum zu rauben. Seine Begleitmusiker setzen ebenso Akzente. Stilistisch lassen sie alle Türen offen, so dass kaum vorhersehbar ist, wohin die Reise als nächstes geht. Gerade das macht das Album so spannend.

Trackliste

  1. 1. Ek Erilar
  2. 2. From The Spear
  3. 3. Ghosts Invited
  4. 4. Carving The Voices
  5. 5. Veiztu Hve
  6. 6. The Speech And The Self
  7. 7. Through And Past And Past
  8. 8. Within The Voices Of Existence

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