laut.de-Kritik

Stimmiges Debüt zwischen The XX und London Grammar.

Review von

Etwa eineinhalb Jahre nachdem die Geheimniskrämer von Lo Moon mit der Veröffentlichung von "Loveless" erstmals von sich Reden machten, steht das selbstbetitelte Debütalbum des dreiköpfigen Indie-Gespanns aus Los Angeles in den Startlöchern.

Nur vereinzelte Songs bekamen die gierigen und über Monate im Dunkeln tappenden Fans vorab zu hören, den Rest hat sich die Band um Frontmann Matt Lowell für die LP aufgespart. Das heizte die Erwartungen selbstredend nur weiter an. Haben Lo Moon ihr bestes Material häppchenweise schon als Vorabveröffentlichungen verbraten oder hält das Album das hohe Niveau der Singles?

Klanglich bedient das Trio eine Nische, die sich inzwischen zu einer Art Subgenre verbreitert hat. Behutsam eingesetzte, schwelgerische Gitarren gehen die unausweichliche Liaison mit Keyboard und Synthesizer ein, die schon The XX, London Grammar und, aus aktuellem Anlass, Rhye zur Erfolgsformel auserkoren haben.

Bei Lo Moon wird diese aber stellenweise um Bombast erweitert, der die sanften Töne konterkariert und in starken Momenten eine enorme Wirkung entfaltet. So einer ist "This Is It", der als Opener die kräftige Portion Pathos schon vertragen kann. Im Zusammenspiel mit Matt Lowells variabler Singstimme ein frühes Highlight.

Und das nächste folgt auf dem Fuße: "Loveless" ist Lo Moons Key-Track und spielt die Stärken der Band gekonnt aus: Satt produziertes Drumming, eine ausladende Bridge, ein feines Gitarrenspiel, das sich mit auf den Punkt gesetzten Riffs abwechselt und glasklarer Gesang unterhalten über knapp sieben Minuten hinweg mehr als ordentlich. Richtig gelesen: Der bekannteste Song der Band ist zugleich auch der längste auf dem Album. Lo Moon bleiben ihrem Naturell aber treu und nehmen sich auch sonst viel Zeit, um ihre Melodien zu entwickeln.

Nur "The Right Thing" unterschreitet die Vierminuten-Marke und klingt dabei vor allem im Refrain wie die musikalische Untermalung einer Grey's Anatomy-Schlusssequenz: "You know it's so hard to do the right thing now." Du musst dich entscheiden, McDreamy!

Anspruchsvoller gibt sich das anschließende "Thorn", das sich qualitativ mit dem überragenden "Loveless" messen kann. Die einleitenden Keyboard-Klänge klingen wie aus Sohns "Bloodflows" entnommen. Der Song emanzipiert sich aber schnell und mausert sich in Strophe wie Refrain zu einer perfekten Indie-Nummer. Trompeten-Interlude und Marimba inklusive. Die einmal mehr makellose, satte Produktion unterstreicht diesen Eindruck noch.

"TTMYMO", platzsparend für "Try To Make You My Own", wandelt dann wieder auf ruhigeren, schmachtenderen Pfaden. Zu höchstmöglichen Falsett-Tönen Lowells überzeugen kräftige Gitarren und abermals druckvolle Percussions. Lo Moon fahren tatsächlich in jedem Track ein Merkmal auf, das das Gehörte besonders macht und von der Konkurrenz abhebt.

Das trifft leider nur auf die erste Hälfte des Albums zu. Schon "My Money" macht erstmals stutzig: "Don't marry me for my money. I've got this love for you honey. It's baby blue." Bei diesem Refrain hilft auch das wiederholt gelungene Zwischenspiel nicht mehr.

"Real Love" strotzt danach mit seiner Stadionrock-Attitüde nur so vor Konventionalität. So schleicht sich erstmals die Vermutung ein, dass es um den Einfallsreichtum bei den letzten Nummern nicht mehr gut bestellt war.

Erst die beiden letzten Stücke, "Wonderful Life" und "All In", trüben den Gesamteindruck vollends. Ersteres verzückt anfangs noch mit experimentellem Einstieg, verkommt aber schnell zur Uptempo-Hymne mit generischem Autoradio-Potenzial. Der Closer erinnert in anbiedernder Weise so ganzheitlich an Coldplay, dass der Hörer sich in einem Strudel aus Zeitraffer-Montagen von Sonnenuntergängen und Wolkenbrüchen verliert.

Hätten Lo Moon die Spannung, Variabilität und Chuzpe der ersten Hälfte über die komplette Spielzeit transportiert, wäre eines der besten Album-Debüts der letzten Jahre herausgekommen. So stehen zehn handwerklich über alle Zweifel erhabene Songs auf der Habenseite, die gegen Ende in die Indie-Herkömmlichkeit abdriften. Das ist jammern auf hohem Niveau, liegt aber auch daran, dass man sich nach den überzeugenden Vorboten eine Spur mehr vom Erstling versprochen hatte.

Trackliste

  1. 1. This Is It
  2. 2. Loveless
  3. 3. The Right Thing
  4. 4. Thorns
  5. 5. TTMYMO
  6. 6. My Money
  7. 7. Real Love
  8. 8. Camouflage
  9. 9. Wonderful Life
  10. 10. All In

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