laut.de-Kritik
Essensgeräusche aus dem Sampler eines Gourmets.
Review von Gregory BritschNeulich in Rom: Zum Abschluss des Aufenthaltes in der ewigen Stadt setzt es einen schnellen Happen bei Burger King. Beim Genuss der Mahlzeit kommt irgendwie Matthew Herbert ins Spiel. Grund unbekannt. Möglicherweise eine Art göttlicher Fügung, denn Mister Herbert beschäftigt sich diesmal intensiv mit Nahrungsmitteln. "Plat Du Jour" ist sein Versuch, Geschichten rund um Speis' und Trank musikalisch umzusetzen.
Den Harddisk-Recorder unterm Arm, klapperte Herbert auf der Suche nach verwertbarem Material die unterschiedlichsten Orte seiner Heimat ab: eine Lachszuchtanlage in Schottland, den englischen Gourmet-Tempel 'Fat Duck', eine Londoner Mülldeponie und Militärmuseen in Cornwall. Des Weiteren suchte er Abwasserkanäle, Schlachthöfe und Hühnerfarmen auf. Eigentlich keine völlig neue Herangehensweise für den Musiker, schließlich diente in der Vergangenheit schon eine Chipstüte als Hauptutensil bei Live-Auftritten als Radioboy.
Dieses Mal betrieb er aber ungleich größeren Aufwand: "The Truncated Life Of Modern Industrialised Chicken" beinhaltet die Akustik von 24.000 Küken und 30.000 Brathähnchen, die Tötung eines selbigen sowie den Sound beim Verarbeiten von Ökoeiern mittels Schüssel und Schneebesen. Für die Entstehung von "An Apple A Day" bissen 3255 Menschen in einen Apfel, bei "White Bread, Brown Bread" ist das Kratzen auf hartem Brot zu vernehmen, und "Hidden Sugars" vertont Kristallzucker in einer Coladose. Es gibt wohl keine Klangquelle, mit der Matthew Herbert nichts anzufangen wüsste.
Handfest wird es dann in "Nigella, George, Tony And Me". Hier macht Herbert das Menü, das Fernsehköchin Nigella Lawson im Auftrag des US-Präsidenten für Tony Blair zubereitete, kurzerhand platt - mit einem Panzer. Als Zielscheibe seiner Kritik müssen neben der Politik ebenso Großkonzerne und Supermärkte herhalten, die in seinen Augen die Verantwortung für den Verlust von Vielfalt und Qualität in der heutigen Ernährung tragen.
"Plat Du Jour" ist der hörbare Ausdruck seiner Missbilligung. Eine kulinarische Tour de Force, bei der unzählige modifizierte Soundschnipsel ein detailreiches wie verspieltes, radikales wie zwingendes Gesamtkunstwerk bilden. Elektronisch-experimentelle Samplekunst unter dem Banner von Avantgarde und Eklektizismus und nicht ganz frei von Polemik. Hier entstand wahrscheinlich nichts aus der Retorte eines Synthesizers, bekanntermaßen hält Herbert von Presets nicht viel. Und auch wenn er ein ernstes Anliegen verfolgt: Meinen Burger-Fauxpas in Rom möge er mir doch bitte verzeihen.
5 Kommentare
Ich hab die Review gelesen und wusste nichtmal, ob auf dem Album nur Geräusche oder auch Musik sind. Also abgesehen von der shittigen Review, wie ist das denn so, was der Herr Herbert da macht? Wie klingt das?
... hab ich erwähnt, dass die Review shittig war?
Ja. Früher hat er oft ein recht kopflastiges, aber dennoch tanzbares Ding zwischen Click-&Jazz-House gemacht, IDM halt ... btw, kennt jemand was von 'matthew herbert big band'?
Dr.Rockit ist glaub ich auch eins seiner Projekte ... das kenn ich ein bisschen, ist auch sehr toll, ziemlich genialer Typ.
Vom neuen hab ich noch nichts gehört, werd ich mir wohl aber auch zulegen.
und wie klang das so? Ähnlich, oder ist das richtiger (Nu-)Jazz?
ich finde das album insgesamt ganz ok.
an die bodily functions kommt es aber ganz und gar nicht heran.
aber man vergleicht da eigentlich auch äpfel mit birnen, weil die neue, wie gesagt, sehr experimental ist und weitestgehend auf das jazzige der bodily functions verzichtet.
grob : die hälfte der songs sind extrem gut (vor allem das allererste lied...welch melodie!!), die andere hälfte nicht so gut, da sehr anstrengend.
insgesamt hörenswert!
habe gerade erst gemerkt, dass laut.de auch n forum hat...schaue zwar mehrmals die woche bei den reviews vorbei, habs aber bisher noch nicht hierher geschafft