Porträt

laut.de-Biographie

Max Mutzke

Am 20. März im Jahre des Herrn 2004 steht ein 22 Jahre alter junger Mann mit schütteren Haaren, schlabberigen Jeans und Rollkragenpulli auf der großen Bühne und wirkt dort etwas verloren. Er tritt zum Vorentscheid für den Eurovision Song Contest an und rivalisiert mit arrivierten Popgrößen wie Sabrina Setlur, Scooter und Laith Al-Deen um den Sieg. All jenen bleibt nur das Nachsehen: Max Mutzke gewinnt, erdrutschartig wäre noch untertrieben, mit sagenhaften 92 Prozent der Stimmen den finalen Wahlgang.

Vorchecking: Lil Nas X, Peter Maffay, Max Mutzke
Vorchecking Lil Nas X, Peter Maffay, Max Mutzke
Außerdem neu am Freitag: Billy Idol, Philipp Poisel, Brainstorm, Silly, Carcass, Rage, Lindsey Buckingham, Tocotronic, Dÿse etc.
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In der Glitzerwelt der Popmusik sticht der am 21. Mai 1981 als Maximilian Nepomuk Mutzke im kleinen Krenkingen geborene Newcomer wegen seiner unaufgeregten Einfachheit heraus. Während anderswo die Ausschnitte nicht offenherziger und die Frisuren nicht bombenfester gesprayt sein könnten, wirkt ein in Freizeitklamotten daher kommender Twen verstörend fremdartig. Was ihn jedoch von Super-, Mega- und Möchtegernstars unterscheidet, ist seine im besten Sinne des Wortes volle, warme und soulige Stimme. Für die Berliner Taz ist er nach seinem Finalsieg "das ersehnte Dementi aller Alexanders, Küblböcks und Juliettes". Weshalb? Schließlich kann auch Max nur deshalb am Eurovisions-Wettbewerb teilnehmen, weil er vorher das Casting von TV Total-Moderator Stefan Raab für sich entscheidet.

Der Unterschied liegt auf der Hand: Wo beim Superstar-Genudel allzu oft lediglich die Marketingseite der Musik im Vordergrund und nicht selten talentbefreite Hupfdohlen im Rampenlicht stehen, kehrt mit Mutzkes Max die Seele der Musik ins Rampenlicht der Charts zurück. Die Frage, weshalb das Gesangstalent erst jetzt Beachtung findet, beantwortet der Süddeutsche selbst: Er habe keine Lust gehabt, bei anderen Castingshows mitzumachen, da es dort weniger um die Klänge als um das Drumherum gehe.

Ein Faible für Musik gibt ihm sein Vater weiter, der seit den Sechzigerjahren begeisterter Schlagzeugspieler ist und den kleinen Hüpfer oft mit zu den Proben seiner Band nimmt. Als Sechsjähriger schnappt Max sich zum ersten Mal die Sticks seines Daddys, die er fortan nur noch selten aus der Hand legt. Sein stimmliches Talent entdeckt die Mutter. Ausgerechnet Matthias Reims "Verdammt Ich Lieb Dich" offenbart, dass da doch mehr als nur ein musikbegeisterter Knirps trällert. Übereifrige Mamas rennen bei solchen Gelegenheiten zum Gesangslehrer, nicht in diesem Fall: Max Nepomuk nimmt kein professionelles Training in Anspruch.

Dafür hört er umso intensiver bei seinen musikalischen Favoriten hin. Der zehnköpfige Tower Of Power schenkt ihm die Liebe zum Funk, der Gottvater den Soul und Incognito die groovelastige Improvisation. Er scheint die Lauscher ziemlich weit aufgestellt zu haben: Die Freiburger Jazz- und Rockschule glaubt an sein Talent und nimmt ihn auf.

Das geregelte Befassen mit Musik erweist sich als seine Sache jedoch nicht. Max kehrt dem Breisgau den Rücken und zieht in den Südschwarzwald zurück. Dort schließt er sich 2000 der Formation Project Five an, bei der er neben dem Leadgesang auch für die Schlagzeugparts zuständig ist. Eigentlich nur für einen Gig gegründet, entwickelt sich das Spaßprojekt zu einer ernsteren Angelegenheit, die in der Produktion der ersten CD "B'Funked" gipfelt.

Die Professionalität erreicht mit dem Gewinn eines Bandcoachings beim Soundcheck-Magazin ein höheres Level. Die Gruppe gibt viele Konzerte, bei denen sie den Anwesenden ordentlich einheizt. Eigentlich stehen alle Zeichen auf Durchbruch, bis die Ansage von Stefan Raab im Dezember 2003 kommt, ein Casting für den Song Contest durchführen zu wollen.

Max fährt mit einem Kumpel nach Köln, um im dort aufgestellten Container vorzusingen. Wieder zurück in der Heimat angekommen, überrascht ihn die Nachricht, dass er bei der Show "SSDSGPS" ("Stefan Sucht Den Super Grand Prix Star") mitmachen soll. Gegen weitere acht Mitbewerber geht er am 19. Februar 2004 aus der Sendung als Sieger hervor. Jetzt soll seine Teilnahme eigentlich gesichert sein, was sich jedoch als Irrtum herausstellt. Der Initiator des Castings, Raab persönlich, verpennt schlicht und einfach die Frist, um seinen Kandidaten beim Ausrichter, dem Norddeutschen Rundfunk, anzumelden.

Das Hintertürchen, das noch übrig bleibt, ist die Platzierung des teilnehmenden Titels unter den Top 40 der deutschen Single-Charts. "Can't Wait Until Tonight", so der Name des von Raab komponierten und produzierten Songs, landet dank Stefans unermüdlichen medialen Einsatzes auf der Pole Position der Bestenliste. Gerade noch rechtzeitig bekommt Mutzke so die Wildcard des NDR.

Max Mutzke - Wunschlos Süchtig
Max Mutzke Wunschlos Süchtig
So viel Feuer wie ein Tischvulkan.
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Vor der Veranstaltung, die im Berliner Tempodrom über die Bühne geht, kristallisiert sich immer deutlicher heraus, dass der Show-Newcomer aus dem Ländle als Favorit ins Rennen geht. Spätestens nach seinem ergreifenden Auftritt weiß auch der letzte, weshalb. Das Ticket nach Istanbul ist gesichert. Auch wenn Max dort nicht alle Erwartungen erfüllt, markiert die Grand Prix-Teilnahme für ihn doch den Beginn einer musikalischen Laufbahn, die mit dem Erscheinen seines ersten Albums eine angemessene Fortsetzung erfährt.

Das Publikum liebt die zurückhaltende und fast schon etwas schüchterne Art des Sängers. Um seine Karriere voranzutreiben, zieht er aus dem beschaulichen Südschwarzwald ins turbulentere Köln. Dort hält er es jedoch nicht allzu lange aus und kehrt bald wieder in die Heimat zurück. Konzerte gibt Max reichlich. Diese finden jedoch nicht in Riesenhallen statt, sondern in kleineren Clubs - trotz Platin für die Single "Can't Wait Until Tonight" und mit 100.000 verkauften Einheiten Goldstatus für "Max Mutzke", das fünf Wochen die Pole Position der Charts hält.

Im Mutzke-Lager herrscht eitel Sonnenschein, der jäh eine unerwartete Trübung erfährt. Im Oktober 2005 ist Mutzke mit einem Bekannten in einem PS-starken Auto in der Umgebung seiner Heimatstadt Tiengen unterwegs, als der Fahrer des Wagens wegen völlig überhöhter Geschwindigkeit von der eigenen Fahrbahn abkommt und den VW-Polo einer entgegen kommenden jungen Frau rammt. Die Fahrerin stirbt, Mutzke erleidet lediglich leichte Verletzungen. Auch der Fahrer des Unglückswagens kommt mit Verletzungen davon. Das Tragische an der Geschichte: Max kannte die Frau persönlich. Noch dazu war sie schwanger und stand kurz vor ihrer Hochzeit. Damit wird er noch einmal konfrontiert, als es im August 2006 zur Gerichtsverhandlung kommt, während der Mutzkes Bekannter behauptet, dieser habe ihn angehalten, schneller zu fahren, was Max jedoch bestreitet.

Abseits dieser traurigen Geschichte gibt es Positives zu vermelden. Für die "Piece By Piece"-Tour des englischen Superstars Katie Melua bestreitet Max 2006 das Vorprogramm. In großen Hallen beweist er, dass er es nach wie vor drauf hat, die Massen zu unterhalten.

Rechtzeitig zum Hochsommer 2007 präsentiert Mutzke sein zweites Album "... Aus Dem Bauch". Er komponiert fast alle Songs selbst und schärft damit sein Profil deutlich. Den Produktionspart übernimmt abermals Stefan Raab, der ihm einen warmen, (fast schon zu) angenehmen Sound auf den Leib schustert. Handgemachte Musik die "... aus dem Bauch" kommt, mit hohem Wiedererkennungswert und erheblichem Chartpotenzial - was will man mehr?

Nach diesem gelungenen Album bricht eine Zeit des Wandels an. Lehrmeister Raab hat aufgrund seiner zahlreichen Fernseh-Tätigkeiten keine Zeit mehr, einen dritten Longplayer mit Max zu produzieren. So begibt Mutzke sich auf die Suche nach einem neuen Arbeitsumfeld. Nebenbei spielt er fleißig Konzerte, kollaboriert mit Klaus Doldinger oder tritt mit dem Tatort Jazz Orchester auf.

In Hamburg findet er in Oliver Rüger und Michael Kersting (Sasha, Cosmo Klein) neue Produzenten. "Black Forest" erscheint im November 2008 und gerät erheblich poppiger. Das Album erreicht nicht mehr die Chartsplatzierungen der Vorgänger, was Mutzke aber nicht daran hindert, langsam zu einem festen Bestandteil der deutschen (Alternativ-)Popszene zu werden. Stetig arbeitet er an seiner Musik.

Im Herbst 2010 - mittlerweile fast 30 jahre jung - veröffentlicht er ein "Home Work Soul". Wie der Titel andeutet, bedient die Platte wieder Mutzkes stimmliche Primärtugend, den Soul, und mischt ihn mit nicht zu aufdringlichem Pop.

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2012 nimmt der Musiker einen künstlerischen Kurswechsel vor. Weg vom Soul, und quasi zurück an die Anfangstage, hin zum Jazz. Für das Album "Durch Einander" wählt er persönliche Lieblingssongs von Ideal bis Radiohead aus. Tatkräftig unterstützt von einer ganzen Schar Gastmusiker, namentlich Götz Alsmann oder Klaus Doldinger, präsentiert Max überzeugende Jazz-Interpretationen bekannter Classics aus Pop, Rock und Soul.

Seine persönlichen Intentionen erläutert er so: "Jazz ist für mich genauso wenig klar wie der Begriff Soul. Wenn man sich ansieht, wer etwa den Soul mit erfunden hat, Al Green, James Brown, Marvin Gaye, Donny Hathaway, das war ja alles Soul, Neville Brothers, Crusaders, aber alles war total unterschiedlich. Für den Jazz gilt dasselbe."

Mit den Soloalben "Home Work Soul" und "Durch Einander" findet Mutzke zu einem eigenständigen Stil und beweist, was er schon als schlaksiger Grand Prix-Teilnehmer zu Beginn seiner Karriere vermittelt: Gute deutsche Musik in Handarbeit ist möglich. Das will der Sänger auch 2014 beim Bundesvision Songcontest beweisen. Dort vertritt er Baden-Württemberg mit dem Song "Charlotte", einem Vorboten auf sein sechstes Studioalbum.

Dieses erscheint 2015 unter dem schlichten Titel "Max". Hier entfernt sich Mutzke vom zuvor bei Kritikern und Fans so gefeierten Jazz und legt sein Hauptaugenmerk wie in den Anfangsjahren auf der Präsentation von Pop-Songs mit viel Soul-Touch. Bei der Auswahl seines jeweiligen Stils überlässt der Musiker gern dem Bauchgefühl das Kommando: "Ich lasse mich von überall her inspirieren und strecke meine Fühler in alle Richtungen aus. Für jedes Gefühl gibt es tausend verschiedene Arten, es auszudrücken. Die hohe Kunst ist, die richtige zu finden."

Was die musikalische Ausrichtung betrifft, gleicht Mutzkes Bauchgefühl einem Haken schlagenden Hasen. Zwar bleiben Pop und Soul die roten Fäden in seinem Schaffen, links und rechts davon nimmt der Mann aus dem Schwarzwald aber allerlei anderes mit. Zwei eher jazzlastigen Alben folgt 2016 die Live-Platte "Experience" mit üppiger Orchestrierung. "Colors" nimmt sich zwei Jahre später ausgewählte Hip Hop-Tracks vor und übersetzt sie in poppigen Soul.

"Wunschlos Süchtig" setzt 2021 wieder mehr auf unaufgeregten Singer/Songwriter-Style, zeigt aber eine andere Neuerung: Erstmals singt Max Mutzke auf Albumlänge auf Deutsch, die Texte drehen sich um das alltägliche kleine Glück und um die Wertschätzung des Augenblicks.

"Der Mensch ist das einzige intellektuell begabte Wesen im ganzen Universum, das in der Lage ist, Geschichten zu erzählen und zu erfinden", sagt er. "Leider erzählen wir uns häufig nur die schlimmen Geschichten von Leid und Lügen. Warum fangen wir nicht an, uns die guten Geschichten zu erzählen? Die von Wahrheit, von Liebe und von Zusammenhalt. Wir alle sind in der Verantwortung, gute, wahre Geschichten zu erschaffen und etwas Positives zu hinterlassen." Wenn das Resultat dann ein wenig Kalenderspruch-mäßig und bieder klingt, nimmt Max Mutzke das offenbar gerne in Kauf. Was zählt, ist die Mission.

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