12. Dezember 2014

"Ich wollte ein bisschen mehr Drama"

Interview geführt von

Mit dem Mini-Hype namens 'deutschsprachige Singer/Songwriter' hatte Niels Frevert nie etwas am Hut. Er griff schon Jahre vorher zur Akustischen - und bleibt auch jetzt noch präsent, wo die vermeintliche Bewegung endgültig verpufft scheint. Wer sein neues Album "Paradies Der Gefälschten Dinge" gehört hat, den dürfte das kaum verwundern.

Mitte November starten Frevert und seine Band ihre Tour zur neuen Platte im Düsseldorfer Zakk. Ein Stückchen positive Nervosität versprüht der höfliche Hamburger also durchaus, als wir ihn vor der Show zum Interview abpassen. Im schummrigen Licht der Konzerthalle unterhalten wir uns über die neue Platte, den potenziellen Debütroman und seine Art zu texten.

Wie gehts dir denn, nachdem ihr heute schon beim Morgenmagazin aufgetreten seid?

Ja, ein bisschen müde. Es war echt ein sehr langer Tag. Zudem ist heute ja Tourauftakt und es gibt noch viele Sachen zu justieren. Ich bin tatsächlich ein bisschen platt. Ich freu mich, gleich noch eine Stunde Stille zu habe, um noch ein paar Kräfte zu sammeln. Und ich freu mich natürlich sehr auf den Abend.

Zur neuen Platte hast du im Rolling Stone erklärt: "Ich habe nicht vor, den anderen den Bereich 'gehobener Mainstream' kampflos zu überlassen." Kannst du jetzt, wo das Album zwei Monate draußen ist, schon ein erstes Resümee ziehen, wie gut dir das gelungen ist?

Kann ich irgendwie noch nicht sagen. Das hängt auch ein bisschen von der Tour ab, wie die läuft. Ich bin auch noch nicht so weit, dass ich sagen kann, wie ich diese Platte finde. Das dauert bestimmt noch ein halbes, wenn nicht sogar ein ganzes Jahr, bis ich den Abstand dazu habe. Aber im Moment gibt es keinen Grund, unglücklich zu sein. Ich bin wirklich noch im Prozess, auch wenn sie jetzt schon zwei Monate draußen ist. Ich war ja auch permanent dafür unterwegs.

Zur letzten Platte "Zettel Auf Dem Boden" von 2011 hast du dagegen einen gewissen Abstand. Wie fühlt die sich an?

Die mag ich immer noch sehr gerne. Die Platte war für mich ein bisschen schwierig, als Nachfolger von "Du Kannst Mich An Der Ecke Rauslassen". [2008, d.Verf.] Denn die war für mich wiederum sehr wichtig. Für mich persönlich, aber auch musikalisch und so weiter. Ich wusste immer, dass es schwierig wird, danach irgendwie abzuliefern. Im Nachhinein bin ich wirklich froh, dass wir mit "Zettel Auf Dem Boden" eine Platte hingekriegt haben, die nicht schlechter oder besser ist, aber eben auch ein bisschen anders. Dass wir das irgendwie ganz gut gelöst haben und mit der Platte auch nochmal irgendeine Tür aufgestoßen haben. Deswegen konnte ich diesmal auch wieder umso befreiter rangehen: weil ich diesen Atemhauch des Vorgängers nicht mehr in meinem Nacken gespürt habe. So konnte ich wirklich befreit Songs schreiben. Das war bei "Zettel Auf Dem Boden" schwieriger.

Aus heutiger Sicht scheint es auch so, als hättest du mit "Du Kannst Mich An Der Ecke Rauslassen" ein bisschen deinen Stil gefunden.

Das war wirklich eine massive Veränderung: nur noch akustische, gezupfte Gitarren. Das war jetzt auch nicht selbstverständlich, mit deutschen Texten. Das hast du nicht so oft gehört, zumindest nicht in dem Jahr. Für mich war das viel Neuland. Ich hatte mich nie getraut, Gitarre zu zupfen, weil ich das nie gelernt hatte. Und dann war diese Platte für Indie-Verhältnisse auch noch wahnsinnig erfolgreich. Die hörte gar nicht auf, sich zu verkaufen. Natürlich alles in einem Rahmen, aber alle haben gestaunt. Die kam so aus dem Nichts und hat wirklich viele Leute erreicht.

Bleiben wir doch mal in der Zeit: Wieso hast du damals der E-Gitarre abgeschworen?

Ich wollte Veränderung. Und ich wollte eine Platte, die wie aus einem Guss klingt. Ich hatte zum ersten Mal Songs mit gezupfter Gitarre und irgendwie ist mir zu der Zeit das Herz aufgegangen, als ich solche Songs von anderen gehört habe. Es ist mit neun Songs auch eine recht kurze Platte geworden. Denn es war mir ganz wichtig, eine Platte aufzunehmen, die keine Fragen offen lässt. Wie meint er das? Wie könnte man das verstehen? Genau das wollte ich vermeiden. Und ich glaube, das ist mir auch ganz gut gelungen.

Die Brücke von damals zur heutigen Zeit sind vielleicht die jeweils letzten Songs der Platte, die du seither stets auf Gesang und Gitarre reduzierst. Konzept oder Zufall?

Das hat sich ehrlich gesagt immer so ergeben. Die letzten Songs auf meinen Alben waren immer relativ speziell. Auch "Polyacryl" ["Niels Frevert", 1997] oder "Jetzt Für Immer" ["Seltsam Öffne Mich", 2003]. Irgendwas war immer. Das ist ja auch immer das Tolle: Beim letzten Song hat man völlig freie Bahn. Oder du hast halt einen Song, von dem du denkst: Kann ich den mit aufs Album nehmen? Dann nimmt man ihn eben als letzten Song. Da ist alles erlaubt. Wenn die Platte vorher gut ist, dann hast du alle Freiheiten.

Lustigerweise sind diese Songs – ohne den Rest abwerten zu wollen – oft meine Lieblingssongs. Manchmal dachte ich mir, es wäre auch mal reizvoll, ein ganzes Album in dem Stil zu hören.

Vielleicht mach ich das auch irgendwann mal. Mit dem neuen Album wollte ich jedoch mehr Dynamik haben. Ein kleines bisschen mehr Drama und Entertainment. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass ich das irgendwann noch mache.

"Ich halte mich bewusst von den Hörgewohnheiten der Masse fern"

Was einem bei der Ankündigung deiner neuen Platte direkt auffiel: Du hast dein Label gewechselt – nachdem ich Tapete Records immer vor allem mit deinem Namen assoziiert hatte. Wie kams? War einfach der Vertrag erfüllt?

Genau. Der Vertrag war abgelaufen. Und ich habe relativ früh gesagt, dass ich ihn nicht verlängern werde. Ich dachte, wir kennen uns jetzt auch gut genug, und wollte mal eine neue Arbeitsweise und ein neues Netzwerk kennenlernen. Wir sind aber wirklich durchweg im Guten auseinander gegangen. Sauberer gehts eigentlich.

Was machen Grönland Records denn anders?

Na ja, erst mal ist es auch ein relativ kleines Label. Dort arbeiten weniger Leute als bei Tapete. Der größte Unterschied ist, dass Grönland wesentlich weniger Platten im Jahr rausbringt. Das ist das Wesentliche. Das finde ich an ihnen auch gut: dass sie sehr bewusst aussuchen, was sie veröffentlichen. So können sie an den Themen auch länger arbeiten und sich dafür einsetzen, weil eben nicht gleich die nächste Veröffentlichung um die Ecke kommt. Das fand ich gut. Ich verstehe, warum Tapete mehr Platten veröffentlicht. Aber ich fands besser so.

Ich meine auch gelesen zu haben, dass du ein größeres Budget hattest.

Ein bisschen. Aber nur wenig.

Ist das eher für die Aufnahme oder für Promozwecke draufgegangen?

Nur für die Aufnahme. Aber der Unterschied ist wirklich nicht groß. Wenn ich von Tapete zu Grönland wechsle, muss ich den Leuten, die mit mir an der Platte arbeiten und mir helfen, einfach ein kleines bisschen mehr zahlen. Weils eben nicht mehr Tapete ist, sondern ein etwas umsatzstärkeres Label. Dafür ist auch genau das Geld draufgegangen, was ich mehr hatte. (lacht) Ich hatte also weiterhin sehr viel weniger Budget, als man denkt, wenn man es hört.

Die Platte klingt tatsächlich deutlich größer. Haben auch mehr Leute mitgewirkt?

Nee, es waren eigentlich genauso viele wie zuvor. Eigentlich auch fast die gleichen. Aber ich glaube, dass es mehr nach Band klingt. Wir haben vor den Aufnahmen wirklich als Band geprobt. Das haben wir vorher nie gemacht. Und naja, wir hatten mit Olsen Involtini einen Mann, der auch gerne ein bisschen groß mischt. Wer halt für Seeed und Peter Fox verantwortlich ist und auch den Seeed-Live-Sound macht …

Wie seid ihr auf ihn gekommen?

Wir kennen uns schon lange. Olsen hat uns nach meiner ersten Soloplatte, glaube ich, sogar mal live gemischt. Der Kontakt ist nie ganz abgerissen. Und ich war einfach neugierig, wie jemand, der komplett in der Welt der Beats und Bässe zu Hause ist, mit so einer Singer/Songwriter-Platte umgeht. Da ich eh merkte, dass es ein bisschen größer und gewagter wird, dachte ich, das sei genau der richtige Mann dafür.

Und es war dann schon extrem spannend. Es hat ein paar Tage gedauert, bis wir uns eingegroovet hatten und bis der erste Song auch wirklich fertig gemischt war. Zwischendurch, so nach den ersten zwei Entwürfen, die er uns rübergeschickt hat, dachte ich auch: Hmm, nimmt der uns ernst, oder macht der das einfach nur so mit links? Am vierten Tag hab ich dann irgendwann kapiert: Der hat einfach genauso viel Respekt vor uns wie wir vor ihm. Als wir das kapiert haben, hat es funktioniert.

Musstet ihr dann also nochmal nachhelfen, damit er sich mehr traut?

Manchmal muss man einfach die richtigen Dinge nochmal ansprechen und jemandem Mut machen. Aber auch die eigenen Grenzen herausfinden. Das ist ja auch etwas geschmackliches. Dafür braucht man manchmal einfach ein paar Tage.

Trotz der hörbaren Veränderung zwischen den letzten beiden Platten finde ich deinen Wiedererkennungswert schon enorm. Es gibt wenige Singer/Songwriter, bei denen man schon nach den ersten paar Takten Bescheid weiß, wer da gleich singt. Arbeitet ihr daran bewusst? Oder liegt es einfach daran, dass immer die selbe Band spielt?

Damit hat es auch tun. Und ich glaub, dass auch die Stimme … zumindest Wiedererkennungswert hat. (lacht)

Das hat sie – aber es fängt ja schon beim Instrumentalen an.

Ja. Nehm ich mal als Kompliment. Und ich glaube auch tatsächlich, dass es da draußen nicht so vieles gibt, was so klingt. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich speziell drauf achten würde. Was ich aber tatsächlich bewusst tue: Ich halte mich von Hörgewohnheiten fern, die die Masse gerade hat. Oder von dem, wie man in Deutschland gerade so produziert. Da denke ich mir immer: genau so nicht. Das mache ich ganz bewusst. Und damit klingt man, glaube ich, schon mal anders als 80 bis 90 Prozent der Produktionen.

Ich übertreibe. Aber ich finde wirklich, dass viele Produktionen sehr ähnlich klingen und sich auch in ihrer Machart sehr ähneln. Das finde ich manchmal ein bisschen eindimensional und schade. Denn ich mag Bandbreite und ein breites Spektrum. Gerade in dem Bereich, der sich Indie-Pop oder -Rock, Deutschpop oder Singer/Songwriter nennt: Da gibt es natürlich wahnsinnig tolle Ausnahmen, aber auch vieles, was fast ein bisschen nach Kalkül klingt. Das mag ich nicht.

Welches sind denn die Ausnahmen?

Wenn ich auf meinem iPod gucke, was ich dieses Jahr am meisten gehört habe, sind das "Schau In Den Lauf Hase" von Die Höchste Eisenbahn und "Über Die Unruhe" von Wolfgang Müller. Die beiden Platten finde ich super.

"Ich suche nach dem richtigen Weg, mit Spotify umzugehen"

Wie nah sind deine Texte an deiner Autobiographie – nehmen wir mal das Beispiel "Schwör"?

Es ist nicht eins zu eins mein Leben. Es sind auch nie Geschichten, die ich so erlebt habe oder die mir jemand so erzählt hat. Ich bastle immer neue daraus. Manchmal tu ich zwei in einen Topf und mache eine neue daraus. Wenn ich das Gefühl hätte, irgendetwas nachzuerzählen, wäre ich schon wieder befangen und wüsste gar nicht, wie ich das singen soll. In diesem Fall war es einfach so: Irgendjemand hat mir etwas geschrieben und hat das Wort Psychatrie mit Bindestrichen getrennt – Psy-cha-trie. Das hat irgendwas in mir ausgelöst und mich auf eine Idee gebracht. Manchmal sind es einfach so Kleinigkeiten.

Nehmen wir mal "Schlangenlinien" von "Zettel Auf Dem Boden". Da hab ich mir eigentlich immer gewünscht, dass du diesen Mann im Park wirklich getroffen hast.

Da ist tatsächlich ein bisschen was dran. Ein bisschen. Da hab ich aber auch lange dran gesessen. Das sind die schwierigsten Texte. Je realer ich sie erlebt habe, desto schwerer fällt es mir, das darzustellen. Bei "Schlangenlinien" ist es aber tatsächlich so ähnlich passiert.

Kommen einem Sprachbilder wie "Speisewagen" tatsächlich beim Zugfahren?

Ja, auch. Es gibt wirklich so viele Wege, irgendwelche Geschichte einzusammeln. Und bei "Speisewagen" war es tatsächlich so. Ich fahre halt sehr viel Zug. Und diesen Ort, an dem man sich treffen kann, obwohl man eigentlich auf andere Art und Weise unterwegs ist, fand ich ganz gut.

Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass deine Texte über die Jahre tendenziell etwas konkreter und weniger kryptisch geworden sind.

Das kann sein. Ich glaube, dass ich auf dieser Platte viel mehr Geschichten erzähle. Das ging schon mit "Zettel Auf Dem Boden" los. Da dachte ich auch schon, manche Songs klängen wie Nachrichten an bestimmte Menschen. Deshalb hieß das Album auch so. Diesmal ist das, glaube ich, noch mehr geworden. Ich finde das auch reizvoll. Bei "Muscheln" war ich kurz davor, eine Kurzgeschichte daraus zu machen. Dann hat es aber so gut auf die Musik gepasst, dass ich es doch fürs Album verwendet habe.

Wo du es schon ansprichst: Olli Schulz, Marcus Wiebusch, Francesco Wilking – alle werden gerne auf den Debütroman angesprochen, den man von ihnen erwartet. Wie sieht es bei dir aus?

Ich werde das nicht tun, so lange ich mir das nicht zutraue. Sagen wir es so: So weit bin ich noch nicht. Ich mach mir da schon ein bisschen Gedanken drüber. Aber ich bin mit Büchern noch viel kritischer als mit Platten. Deswegen habe ich auch ein bisschen Bammel davor. Ich denke drüber nach. Und mein Vorteil ist: Ich hab da keinerlei Druck und oder Erwartungen von außen. Ich habe noch Zeit.

Und wenn wir gerade bei Büchern sind: Als ich "So Was Von Da" von Tino Hanekamp gelesen habe, habe ich erst mal darüber gewundert, dass du darin vorkommst.

Ich war tatsächlich da an dem Abend. Ich kann mich da noch gut daran erinnern. Ein paar waren ja auch nur zum Singen da. Bernd Begemann, Die Sterne, jeder hat ein kleines Lied gesungen. Das war ja der Abschiedsabend des Clubs. Ich habe "You Never Know" von Barbra Streisand gesungen. Und Bernd "Immer Wieder Geht Die Sonne Auf" von Udo Jürgens. Das weiß ich auch noch. (lacht)

Es ist – anders als vor zwei Jahren – nicht mehr das innovativste Interview-Thema. Ich frag trotzdem mal nach, warum es deine neue Platte nicht bei Spotify gibt.

Das ist ein komplexes Thema. (Niels Frevert holt erst weit aus, erklärt mir dann aber, er wolle nicht als Spielverderber dastehen.) Es wäre mir lieb, wenn du meine vorherige Antwort streichen und stattdessen diesen Satz stehen lassen könntest: Ich überlege, welches für mich der richtige Weg sein könnte, damit umzugehen. Ich will da an dieser Stelle gar nicht so tief eintauchen.

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