laut.de-Kritik

Bitte die dumme Sexistenfresse halten. Danke.

Review von

An manchen Tagen muss man es sich noch mantramäßiger vorbeten als an anderen: Man sollte an jedes neue Release vorurteilsfrei herantreten. Auch, wenn es einem der Artist noch so schwer macht. Selbst dann, wenn sein Cover keinerlei Hinweis auf Kreativität liefert und die Tracklist diesen Eindruck mit aufgewärmten Titeln bestätigt. Sogar, wenn sich im kompletten bisherigen Schaffen eines Künstlers kein Fitzelchen Originalität finden ließ, keine Spur Liebe zur Sache oder sonst irgendetwas, das die Songs sonderlich hörenswert gemacht hätte: Es könnte theoretisch ja trotzdem sein, dass 18 Karat mit seinem sechsten Album überrascht.

Mit einem überrascht "Uncut" leider kein Stück: Während im Zuge von DeutschrapMeToo allüberall Beteuerungen die Runde machten, man werde künftiger sensibler agieren, haben sie bei Warner Music (unter deren Dach sie die Ergüsse von Banger Musik ja immer noch verkaufen) ungebrochen kein Problem damit, 18 Karats Homie - oder wer soll dieser Brecho sonst sein? - Zeilen dieses Kalibers in die Welt posaunen zu lassen: "Sie sagt: 'Nein, bitte!', wenn ich ihn tief reindrücke. Haha! Schäden körperlich und geistige, wenn ich alles kurz und klein ficke."

Ja, "haha", Vergewaltigung, lustig, ich komm' aus dem Lachen kaum heraus. Ist ja auch wirklich wahnsinnnig witzig, wenn empathiebefreite Typen derlei Scheißdreck an ihre retardierte Zielgruppe hinschwallen. Wohin das führt, wissen unzählige betroffene Frauen seit Jahrzehnten. Alle anderen könnten es wissen, hörten sie ihnen zu. Aber den No-Name-Kumpel des Rappers, der seine eine langweilige Story jetzt schon aufs sechste Album auswalzt, dem kann offenbar immer noch niemand sagen, dass er mal bitte dringend seine dumme Sexistenfresse halten soll. Im Jahr 2022. We are doomed, und niemanden wunderts.

Ich schrieb übrigens sehr bewusst "retardierte Zielgruppe". Um irgendeinen Genuss an "Uncut" zu empfinden, muss man tatsächlich entweder gnadenlos beschränkt sein oder seine Messlatte für künstlerischen Anspruch im Marianengraben versenkt haben.

Produzent ThisIsYT, der den allergrößten Teil der Beats verantwortet, beherrscht ein (1!) - zugegebenermaßen recht funktionales - Rezept: Pack' eine jodelnde Melodie in einen Loop und leg' in Knöchelhöhe herumwabernden, finsteren Bass drunter. Durchladen, abdrücken, fertig. In "Pulsrasen" gibts noch ein bisschen Klavier und Geigengewinsel dazu, damit auch jeder merkt: Jetzt wirds melodramatisch.

Dass ein Instrumental wie das andere klingt, erscheint irgendwie aber sogar angemessen: 18 Karats keifende Delivery ist ja auch in allen 18 Tracks ein und dieselbe. Immerhin beschert er einem so die paradoxe Erfahrung, dass einem Farid Bang oder ein vernuschelter Part von Summer Cem beinahe wie lyrische Marienerscheinungen vorkommen.

"Ich sorge dafür, dass ich euch was hinterlasse", schwadroniert 18 Karat im Intro "Revision". Was er dann aber auf Albumlänge inhaltlich zu bieten hat, lässt sich auch diesmal wieder auf drei Sätze komprimieren:

- Ich deale, seit ich 14 bin, und bin jetzt ein krass krimineller, steinreicher Drogenbaron.

- Tut mir leid, Mama, dass du deswegen weinen musst, aber so viel wert, dass ich deinetwegen mein Verhalten ändern würde, bist du mir dann doch auch nicht.

- Ich find' Rap, andere Rapper, die Rap-Szene und alles, das damit zusammenhängt, scheiße.

Falls das alles stimmt (und es muss ja wohl, so penetrant, wie 18 Karat unentwegt seine unverbogene Realness beteuert), dann frag' ich mich immer noch: Wenn er kein Geld braucht und nix für Rap übrig hat - warum rappt er dann? Ich verstehs nicht. Noch viel weniger versteh' ich, warum sich irgendjemand ein Album, das so langweilig, absehbar, freud- und lieblos ist, anhören sollte, geschweige denn Geld dafür ausgeben.

Aber ich versteh' ja manch anderes auch nicht. Zum Beispiel, wozu genau "Volles Magazin" oder "Gangsta Gangsta" ein 2.0-Update gebraucht haben, wenn das den Versionen auf "Geld Gold Gras" respektive "Pusha" nullkommanichts Neues hinzufügt. Oder wie genau man sich etwas vorstellen soll, das "nach hinten losgeht wie beim Analsex" - hä?

Noch interessanter: Wie kann jemand nur so unverfroren sein, zu behaupten, er schere sich um die Gefühle seiner Mutter, um genau darauf dann mit einem Track wie "Nur Noch Einmal" öffentlich zu scheißen? Zum Allmächtigen scheint 18 Karat ein ähnlich seltsames Verhältnis zu pflegen: "Gott soll mir verzeihen, ich wollte nicht so sein, doch ich ließ mich leider auf den weißen Teufel ein", tönt es aus "White Devil". Nachdem er vorher 13 Tracks lang sein Escobar-Filmchen fuhr und nirgends auch nur den Hauch eines Ansatzes von Bereitschaft gezeigt hat, sich oder den Lebenswandel, den er da zelebriert, zu ändern, "soll" Gott ihm verzeihen? Ich bin weder Theologe noch religiös, mir aber trotzdem recht sicher: So läuft das nicht mit der Vergebung.

Dass so sichtlich wenig Herzblut in dieses Album floss, hat immerhin ein Gutes: Die Tracks sind gnädig kurz. Einzig "Wir Sind Echt" mit Hamada und Hemso kommt nennenswert über zwei Minuten hinaus, den kann man wegen der ekelhaften Brecho-Line aber ohnehin gleich skippen.

"All Eyez On Me" zitiert abschließend Tupac - Donnerwetter, das ist zuvor wirklich noch niemandem eingefallen. Warum einem 18 Karat allerdings überhaupt einen müden Blick wert sein sollte, bleibt auch nach Album Nummer sechs ein gut gehütetes Geheimnis. Seine letzten Worte auf dieser Platte übrigens: "Die Bild-Zeitung berichtet über mich." Guck, und schon hat er mich überrascht: Ich hab' ehrlich nicht gewusst, worauf man sich alles etwas einbilden kann.

Trackliste

  1. 1. Revision
  2. 2. Lade Die AK
  3. 3. Kehrseite Der Medaille
  4. 4. It Was All A Dream feat. Farid Bang
  5. 5. Express
  6. 6. Volles Magazin 2.0
  7. 7. Gangsta Gangsta 2.0
  8. 8. Ohne Plan B
  9. 9. Wir Sind Echt feat. Hamada, Hemso & Brecho
  10. 10. Uncut
  11. 11. Ghetto feat. Olexesh
  12. 12. Wo Warst Du feat. Summer Cem
  13. 13. Bad Boy
  14. 14. White Devil
  15. 15. Nur Noch Einmal feat. Kollegah
  16. 16. Pulsrasen
  17. 17. Untouchable
  18. 18. All Eyez On Me

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LAUT.DE-PORTRÄT 18 Karat

Der Aufstieg von 18 Karat erscheint schon fast kometenhaft: Innerhalb von gerade einmal sechs Monaten verschafft er sich enorme Reichweite, Top-Ten-Platzierungen …

30 Kommentare mit 59 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Natürlich ungehört. Aber was für beschissen dumme Zeilenzitate sind das bitte?! Wer das - ironisch oder unironisch - hört, hat schlechtere Therapieerfolgsaussichten als der durchschnittliche FC-Bayern-Fan.

    • Vor einem Jahr

      Absolut richtig. Und die Aussichten für FC Bayern-Fans sind schon extrem niedrig…

    • Vor einem Jahr

      Stört aber die überwiegende Zahl der FC Bayern-Fans gar nicht, da unter diesen lt. Selbstauskunft der Therapiebedarf ständig um Null herum kreist und nur alle anderen Sportfans Drepressionen kriegen und damit lieber mal zum Psychologen sollten, weil ihr Scheißverein halt nicht eine mickrige Meisterschaft pro Dekade Ligateilnahme geschissen bekommt.

      Was die FC Bayern-Fans wohl in der Mehrzahl und von ihnen selbst meist nicht mal bemerkt zu den Schotten unter den Profivereinssportfans macht.

    • Vor einem Jahr

      Oha da hat aber jemand viele persönliche Probleme wenn er sich genötigt fühlt, in einem Post sowohl Musik- als auch Fußballfans beleidigen zu müssen. Magst du drüber reden? Hast du jemanden zum reden?

    • Vor einem Jahr

      Hatte mich schon gewundert, daß es in unserer kaputten Community keine Bayern-Fans gibt. Einen haben wir anhand des typischen Verhaltens dann aber doch schon identifiziert.

    • Vor einem Jahr

      jandau, halt dein scheiß Maul und empfang die Nummer meiner Wahltherapeutin. Sie ist anders als ich nicht weniger als fuckin' großartig darin, sich auch den gesellschaftlich randständigsten Dreck und Hocus Pocus bereits letztes Jahrtausend abgehängter Globalisierungsverliererr wie deiner hier betriebenen und zur allgemeinen Belustigung gestellten Witzfigur anzuhören.

    • Vor einem Jahr

      lauti hat anscheinend in seiner funktion als foren boxsack ein gewaltiges vakuum hinterlassen :P

  • Vor einem Jahr

    Oh oh, das gibt aber Verstopfung bei den 18 Karat-Fanhörnchen.

  • Vor einem Jahr

    Ich hatte mir ein wenig mehr erhofft von dem Album. Es macht mich schon etwas traurig, wie wenig Liebe er dem Sprechgesang gegenüber zeigt. Er ist aber nunmal Straße. Freundet euch damit an, daß das das ist, woher Rap kommt. Ich glaube an das Gute im Menschen. Dieser Brecho meint es vielleicht nicht ganz so, wie es rüberkommt. Möglicherweise ist er bloß nicht in der Lage, sich angemessen zu artikulieren.
    Hach, damals in der 90ern in der schwäbischen Provinz war HipHop irgendwie unschuldiger. Wir waren in unsere coolen Klamotten zwar die Kings auf dem Pausenhof, aber ehrlich gesagt, Gangster waren wir nicht in echt.

    • Vor einem Jahr

      Und die Möchtegerns von heute SIND echte Gangster? So einen Dreck zu hören macht einen nicht zum OG, sondern zur Witzfigur.

    • Vor einem Jahr

      Doch, doch, da haben Sie schon richtig gelesen. Die jungen Männer von heute sind in der Tat Gangster. Und wieso sollte das Hören dieser Musik einen nicht zum OG machen? Wenn man sich als OG fühlt, dann ist man auch einer. Ist doch ganz logisch. Wenn man den ganzen Tag im Büro sitzt inkl. Krawatte, dann ist man auch HipHop, wenn abends zum Pumpen im Gym Tupac hört (von mir aus auch den Fettsack).

      Davon einmal abgesehen finde ich den Ton, wie hier 18 Karat und seines Homies verbal angegangen werden, unterste Schublade. Vielleicht sollten sich die Redakteure von laut.de mal mit Brecho an einen Tisch setzen und ganz achtsam über seine missverständlichen Aussagen diskutieren. Da wäre sogar ein mit Sicherheit spannendes Interview drin.