laut.de-Kritik

Der dreckige Süden liegt in der niedersächsischen Provinz.

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Die Geschichte des abseitigen Rap der 2000er vollzog sich vor allem in zwei Städten. Auf der einen Seite stand die Hauptstadt Berlin mit all ihren extrovertierten Tabubrechern, auf der anderen Seite das beschauliche Osnabrück, das wohl mehr Menschen mit dem Kartoffelhaus verbinden als mit Hip Hop. Das lag in erster Linie an Dsitributionz, dem "Vertrieb schlechthin für deutschen Untergrund-Rap abseits der Norm", wie die Juice einst urteilte. Klangvolle Namen wie Frauenarzt, MC Basstard oder Bass Sultan Hengzt kamen erst durch das niedersächsische Unternehmen bundesweit zur Geltung.

"Wir waren die untergrundigsten Untergründler", erzählte Geschäftsführer Jonas "Jayo" Okunorobo 2005 der Juice. "Hart zu sein, anders zu sein und so versaut, wie es nur geht", sei das Leitmotiv gewesen. Schon damals bevorzugte besagter Jayo den Sound des dreckigen Südens gegenüber New York und der Westcoast. Entsprechend produzierte er "In den Strassen von 4.9.0", auf dem der erweiterte Kreis um das Trio 4.9.0 Friedhof Chiller in Mannschaftsstärke aufläuft. Osnabrück erhebe damit "Anspruch auf einen festen Platz in der nationalen Raplandschaft", urteilte damals hiphop.de.

Der besondere Charme der Truppe besteht darin, die zwielichtige Memphis-Ästhetik ausgerechnet in die niedersächsische Provinz zu übertragen. "Repräsentieren Osnabrück - unsere Viertel, unsere Leute, unsere abgefuckte Stadt, in der wir leben, bis wir sterben", erschallt es in "Kannst Du's Fühlen". Und auch O.G.P. beschwört in seinem Solosong "Der Weg Den Wir Gehen": "Osnabrück ist die Stadt, die mich in ihrer Gewalt hat." Nahezu jedes Stück ergeht sich in Lokalpatriotismus. Der heilige Ernst, mit dem die Rapper ihre Stadt zugleich als Höllenpfuhl skizzieren, ist schlichtweg herrlich albern.

Abgesehen von der geografischen Positionsbestimmung plagen die Chiller und ihre Compagnons die Erschwernisse ihrer Vorbilder. "Wir hassen die Bullen, wir hassen den Staat", heißt es missmutig in "Diese Strassen". Ohne Staatsgewalt müssen sie sich in "Hast Du Eier" alleine um die Neider und Feinde kümmern. Abgestumpft konstatieren sie in "Kalt": "In den Straßen von 490 ist es kalt. Drogen und Gewalt beherrschen diese Stadt." Wärme spenden höchstens die leichten Mädchen der Hasestadt. "Ein Neuer Tag" entspannt sich zwischen der Eroberung der letzten und der kommenden Nacht.

"Die Freundschaft aufrechtzuerhalten", habe laut "Die Zeit Läuft Uns Davon" oberste Priorität. Und tatsächlich wirken die Rapper wie ein zusammengewürfelter Haufen, der erst einmal macht und dabei inhaltlich wie stilistisch munter aneinander vorbeirappt. Auf einen brachialen Flow folgt Doubletime oder ein ASMR-Vortrag. Im nächsten Moment schließt sich ein holpernder Rapper an, bevor jemand über den Beat shoutet. Paul G artikuliert sich in "Niedersachsen's Strassen" derart rotzig, dass es an Fifty Sven erinnert, der einst Carolin Kebekus' "Ghetto Kabarett" ins Absurde trieb.

Mitunter ergeben sich interessante Widersprüche. King Orgasmus One führt die Osnabrücker in "Billige Flittchen" ins Rotlichtviertel, um "auf Nuttenjagd" zu gehen. Zugleich klingt der Sound nach ritueller Opferung am angrenzenden Friedhof. Den Straßenrap von "Es Ist Suizid" tragen sie mit gedämpfter Stimme zur Horrorcore-Produktion vor. Und eine unheilschwangere Atmosphäre umgibt auch "Das Weed", während die Haltung der Rapper von Romantisierung zur Dämonisierung kippt: "Traut mir nicht, wenn ich auf Droge bin. Denn man weiß nie, was passiert, wenn die Droge zu wirken beginnt."

So manche Äußerungen verdeutlichen das Alter der Kompilation. Schlafwandlers Solosong "Sex, Drogen, Gewalt" geht nach heutigen Maßstäben recht weit. Unbedarft beschreibt er detailliert "Gangbang-Partys": "Wie soll man da schon widerstehen? Sehen aus wie 20, sind erst 16. Gehen richtig notgeil ab." Yikes, das wäre wohl in der digitalen Schublade besser aufgehoben gewesen. Dennoch bleibt "In den Strassen von 4.9.0" ein spannendes Zeitdokument einer kaum bekannten Rap-Spielart: "Wichtig ist nur eins: Lehn dich zurück und genieß' den Untergrundscheiß aus Hannover und Osnabrück."

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Diese Strassen (mit Das Biest)
  3. 3. Kalt
  4. 4. Die Zeit Läuft Uns Davon
  5. 5. Hast Du Eier
  6. 6. Das Weed
  7. 7. Es Ist Suizid
  8. 8. Kannst Du's Fühlen
  9. 9. Geschäft Ist Geschäft
  10. 10. Das Ist 4.9.0
  11. 11. Ein Neuer Tag (mit Mizz Dozia)
  12. 12. Was Willst Du Machen (mit Paul G)
  13. 13. Wir Rollen
  14. 14. Sex, Drogen, Gewalt
  15. 15. Unser Gebot (mit Frauenarzt und MC Basstard)
  16. 16. Der Weg Den Wir Gehen
  17. 17. Niedersachsen's Strassen (mit Paul G)
  18. 18. Billige Flittchen (mit King Orgasmus One)
  19. 19. Es War Einmal... (mit Dato)
  20. 20. Outro

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8 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    Das ist dann wohl der Gipfel aller Genrefremdigkeit, als Osnabrücker keine Ahnung davon zu haben, dass diese Truppe existiert(e).

    • Vor 2 Monaten

      Aber zeichnen die Friedhofchiller denn ein adäquates Bild von Osna? Scheint ja richtig schlimm dort zu sein.

    • Vor 2 Monaten

      Ja sicher, warum sollten sie lügen? Bereits am hellichten Tage werden hier die Menschen gemeuchelt und bleiben dann auch meist einfach in den Straßen liegen, weil die Stadtverwaltung auf Sparkurs ist.
      Nachts geht hier auf jeden Fall keiner mehr raus.

  • Vor 2 Monaten

    korrekte review :P scheinen sich im rahmen des KULT release wiederbelebt zu haben...neues album wäre doch sicher unterhaltsam

  • Vor 2 Monaten

    Freue mich über solche Rezensionen. Laut.de-User können den damit verbundenen Impact, welcher damals im deutschen Untergrund geschah, nicht begreifen. Meilenstein für das deutsche Dirty South Game ausserhalb von Berlin. Wäre erstrebenswert wenn auch aktueller Mainstream hierzulande nicht mehr gelecktem Sound hinterherläuft. Aber man sieht ja exemplarisch die Reaktionen auf solche Deutschrapklassiker von gestandenen Usern (Tunnel-Träger mit zerrissener Jeans)