laut.de-Kritik

Was der schnauft, wollen wir auch.

Review von

Der Australier Jordon Alexander aka Mall Grab hat sich einen festen Platz in den Clubs von London erarbeitet, und zwar als einer der Vordenker der lebendigen und global einflussreichen lokalen Elektronik-Szene. Mit Looking For Trouble und Steel City Dance Discs leitet er die Geschicke gleich zweier relevanter Labels der Stadt an der Themse. Umso überraschender zunächst, dass sein Debüt "What I Breathe" sehr wenig gemein hat mit zeitgenössischer UK-Clubkultur. Natürlich bedient er sich aus Jungle, Dubstep, Grime, UK (Lo-Fi-)House oder Breakbeat, sein Produktionsstil auf "What I Breathe" schießt diese Versatzstücke aber in einen weit entfernten Traum und setzt sie auf sehr eigene Weise wieder zusammen.

Mit "Hand In Hand Through Wonderland" beginnt das Album luzide und gefühlt "altmodisch", nichts davon hätte es nicht vor einiger Zeit auch schon so geben können. Wie der keineswegs ironische Titel nahelegt, hat man es mit einer musikalischen Schmusedecke zu tun, die gleichzeitig aber flirrend und tanzbar bleibt. Auch der zweite, ebenso passend benannte Track "I Can Remember It So Vividly" kommt irgendwo aus der Hirnrinde angetanzt mit seinem nostalgischen, verträumten Atari-Sound, der aber konterkariert wird von der für das Album typischen und hier zum ersten Mal durchscheinenden, sich in lauten Drums und weit aufgedrehtem Bass äußernden Härte - Lo-Fi-House ist immer noch die Genregattung. Alexander bleibt Herr dieser Gegensätze und in der Produktion angenehm klar. Er gibt sich dem Versteckspiel nie ganz hin, sondern sucht den Gegensatz. Wie gut das klingen kann, zeigt die Single "Love Reigns", ein Albumhighlight und bestimmt auf so manchen Festival-Clubbühnen gern gesehener Gast.

Es tut der Platte gut, dass Alexander mehrfach selbst zum Mikrofon greift, auf "Without The Sun" erinnert er gar an Caribou zu "Swim"-Zeiten. Überhaupt atmet "What I Breathe" den Geist seiner unter Klarnamen veröffentlichten Lieder, die eine weitere Bandbreite als seine bisherigen Veröffentlichungen unter Mall Grab aufweisen, gerade in ihrer emotionalen Wirkung. Die Bandbreite ist auf "What I Breathe" zwar sehr eng und kohärent, allerdings trotz ihrer Bodenhaftung im Club und ihrer Aggressivität persönlich und nahbar. Genau das ist der Hauptgrund, weshalb "What I Breathe" so gut geworden ist: Es verbindet diese beiden Elemente der musikalischen Identität von Jordon Alexander und bleibt fast immer spannend.

Turnstile sind zwar überschätzt, Brendan Yates fügt "Understand" aber als Gastsänger interessante Aspekte hinzu, zuvorderst eine Emotionalität, ohne den Song zu dominieren. Sogar die in Londoner Clubkreisen zurecht hochgeschätzte Nia Archives gibt auf "Patience" nicht allein den Ton an, sie muss sich um Alexanders Hi-Hats herumschlängeln. "Spirit Wave" hat Längen und zeigt zusammen mit dem grottendunklen, gelungenen "Breathing" endgültig, dass "What I Breathe" auf dem Floor und nicht im Wohnzimmer zuhause ist.

Mall Grab erinnert phasenweise an Mount Kimbie, sucht aber zuverlässig den Ausgang Richtung Druck statt Pop. Das macht "What I Breathe" an vielen guten Stellen sperrig und undurchschaubar, an schwächeren wie "Intercity Relations" zäh und etwas formelhaft. "Times Change" zeigt, wie sehr Alexander mit der Sackgasse fremdelt, in die Grime sich manövriert hat. D Double E und Novelist kommen mit seinem Beat gar nicht zurecht, alles wirkt sich fremd geblieben.

"Metaphysical" und "Distant Conversation" sind körperlich anstrengend, fast schon enervierend, aber auf eine Death Grips-Weise, die einen als Hörer zum Komplizen macht. Will sagen: tolle Songs, vor allem "Metaphysical". Mustergültig schafft Alexander es dort, Bass, (Vocal-)Samples und Drums gleichzeitig gegeneinander anlaufen und an einem Strang ziehen zu lassen. Dadurch gerät "What I Breathe" zu einer konstant angespannten, gar aggressiven Angelegenheit, jedes Vocalsample wird zudem grundsätzlich ad infinitum ausgereizt. Dieser Konsequenz muss man sich aussetzen lassen wollen, dann geht das Ganze hervorragend auf. "Lost In Harajuku" gibt den verlorenen Rausschmeißer und mäandert gekonnt zwischen Burial und Villalobos.

Mall Grab macht es sich auf "What I Breathe" alles andere als einfach. Der Szeneprinz wäre mit qualitativ hochwertigem Fanservice noch ein Stück höher in den Londoner Club-Olymp gestiegen, in eine Reihe mit Four Tet und Joy Orbison. Stattdessen nutzt er seinen ersten Longplayer für ein langes, kohärentes Statement: Er atmet, weil er nie stehenbleibt.

Trackliste

  1. 1. Hand In Hand Through Wonderland
  2. 2. I Can Remember It So Vividly
  3. 3. Love Reigns
  4. 4. Understand
  5. 5. Patience
  6. 6. Without The Sun
  7. 7. Spirit Wave
  8. 8. Breathing
  9. 9. Intercity Relations
  10. 10. Times Change
  11. 11. Distant Conversation
  12. 12. Metaphysical
  13. 13. Lost In Harajuku

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