laut.de-Kritik

Joachim Deutschland singt Rio Reiser? Blasphemie!

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Bei aller Verehrung für und von Rio Reiser, das Familienalbum Nummer eins war großartig, eine frische Compilation mit einigen Hochkarätern. "Familienalbum, Band 2" dagegen wirkt auf den ersten Blick wie ein liebloses Imitat. Darüber täuscht die wiedervereinte Ton Steine Scherben-Family ebenso wenig hinweg wie Reinhard Mey, Christl Stürmer, Joachim Deutschland oder Annett Louisan.

Den Anfang macht die nun grüne Scherben-Managerin Claudia Roth, ohne Musik, aber mit viel Sinn. Ein Plädoyer für "Ich", Selbstbestimmung und die Reisersche Schule. Es folgt der Sänger selbst. "Für Immer Und Dich" in der Liveversion wirft die Frage auf, ob Reiser der besser zu verstehende Grönemeyer, oder ob Herbert ein nuschelnder Rio ist. Wohl dem, der beide gut findet.

Dorfdisko eröffnen mit "Land In Sicht" den Reigen der Hommagen von Nachwuchskünstlern. Die Musiker nehmen dem Lied ein paar Ecken und Kanten, bringen dafür ein wenig Pop ins Spiel. Das Ergebnis hört sich gut an. Als nächstes flötet Annett Louisan "B Seite" und setzt das Spiel von Ralph Möbius fort. Das könnte zwar einigen Hardcore-Fans weh tun, aber damit hat die Sängerin ja ihre Erfahrung. Christl Stürmer unterstreicht ihren Autoritätsanspruch mit "Bis Ans Ende Der Welt" und verschafft dem Familienalbum mit plärrendem Gesang und lauten Gitarren erstmals Rockmomente. Ganz nett. Unerwartet leise, aber erwartungsgemäß belanglos intoniert Joachim Deutschland den Ur-Protest-Song "Keine Macht Für Niemand". Diese Version etwas darf getrost als Blasphemie bezeichnet werden.

Klee übernehmen den Paula-Staffelstab vom ersten Album. "Lass Uns Ein Wunder Sein" schmeichelt Suzie Kerstgens Stimme. Dazu Klavier und Streicher, und die poetische Seite von Ralph Möbius hat ein neues Medium. Auf ähnlich hohem Niveau singt Clueso "Komm Schlaf Bei Mir". Die Gitarre geht ein wenig unter, dafür geht der sanfte Bass schön ins Kopfnicken über.

Malte interpretiert "Schritt Für Schritt Ins Paradies" mit ein bisschen zu viel Pathos, dieses Leise bekommt dem Lied nicht so ganz. Keimzeit verzichten als erste Band auf Experimente und spielen "Mensch Meier" grob gesagt erstmals in Rio Reiser-Manier. Der Spaß an dem Song sollte mit jedem Durchlauf größer werden. Als nächstes versuchen Kinderzimmer Productions an dem schwerfälligen "Gib Mir Was Ab" etwas, das Fettes Brot mit "Ich Bin Müde" in die Singlecharts katapultiert hat. Die Vorlage ist wahrlich keine leichte, die Produktion jedoch gelungen. In die Charts geht dieses Lied aber wohl trotzdem nicht.

Mit Vorzeigebarde Reinhard Mey geht es erwartungsgemäß ins "Zauberland". Analog zu Grönemeyer bleibt festzustellen, dass Rio Reiser auch als Reinhard Mey funktioniert, die Verbeugung eines der bekanntesten Liedermacher passiert auf hohem Niveau.

Aus der Generation der "Von Rio Geprägten" spielt Bosse "Warum Geht Es Mir So Dreckig" auf. Schön laut, schön rockig, aber etwas lieblos. "Träume" von Stadlober & Schinagl klingt recht gesanglich brav. Die programmierten Drums wirken sehr glatt. Ohne langhaltigen Eindruck zu hinterlassen, weiß das Lied trotzdem zu gefallen.

Ton Steine Scherben ohne Rio Reiser nennen sich inzwischen reformiert Ton Steine Scherben-Family. Ihrem ehemaligen Frontmann widmen die Musiker "Sumpf Schlock". Ganz ohne sentimentale Gefühle geht dem Lied aber schnell die Puste aus.

Zweitfrau läuten mit "Menschenfresser" das Ende des Werks ein. Der Refrain garantiert Spaß auf der Tanzfläche, die Strophen dagegen geraten etwas zu ruhig. Insgesamt wirkt das Stück sehr kalkuliert, aber gar nicht mal schlecht. Sturmfrei setzen nicht nur Rio Reiser ein Denkmal, sondern auch den White Stripes. Ein Mash-Up mit Seven Nation Army erscheint nach "Lass Mich Los" absolut obsolet.

Als kleinen Bonus enthält die zweite Hommage erneut die Söhne Mannheims, erneut mit "Mein Name Ist Mensch", dieses Mal aber im intensitätshemmenden Lopazz Remix. Wer an Xavier Naidoo Gefallen findet, sollte dennoch seine Freude haben. Wer von dem Sänger wiederum genervt ist, darf sich erneut bestätigt fühlen.

Wie erwartet, der Höreindruck von "Familienalbum, Band 2" gerät insgesamt recht durchwachsen. Dem Album fehlt trotz ausreichender Vorlagen des Musikers eine echte Single.

Trackliste

  1. 1. Claudia Roth - Intro
  2. 2. Rio Reiser - Für Immer Und Dich '88, Live In Berlin
  3. 3. Dorfdisko - Land In Sicht
  4. 4. Annett Louisan - B Seite
  5. 5. Christina Stürmer - Bis Ans Ende Der Welt
  6. 6. Joachim Deutschland - Keine Macht Für Niemand
  7. 7. Klee - Lass Uns Ein Wunder Sein
  8. 8. Clueso feat. Stefan Kerth - Komm Schlaf Bei Mir
  9. 9. Malte - Schritt Für Schritt Ins Paradies
  10. 10. Keimzeit - Mensch Meyer
  11. 11. Kinderzimmer Productions - Gib Mir Was Ab
  12. 12. Reinhard Mey - Zauberland
  13. 13. Bosse - Warum Geht Es Mir So Dreckig
  14. 14. Stadlober & Schinagl - Träume
  15. 15. Ton Steine Scherben Family - Sumpf Schlock
  16. 16. Zweitfrau - Menschenfresser
  17. 17. Sturmfrei - Lass Mich Los
  18. 18. Söhne Mannheims - Mein Name Ist Mensch (Lopazz Remix)

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