laut.de-Kritik

Der endlose Indie-Pop-Sommer.

Review von

Eine Anklage direkt zu Beginn der Rezension. Das Superchunk keine unverschämt erfolgreiche Band sind, ist immer noch ein Verbrechen. Sie können einfach gar nicht anders, als fortwährend und auch weit über dem Teenager-Alter hinaus, sympathische Indie-Hymnen erschaffen. Nur leider bekommt das keiner mit, weil die Band aus North Carolina nie die Ambitionen hatte, sich in den Vordergrund zu drängeln und genau die Musik machte, die gerade eben nicht zum Zeitgeist passte.

In der Ära von Grunge wollten alle die nächste pathetische Generation X-Hymne, keine melodischen Slacker-Pop-Melodien, die wie aus einer Teenager-Komödie klangen. Ohne Major oder eine angesagte Trend-Stadt im Rücken klappte auch nie der große kommerzielle Durchbruch, der aber auch nie ernsthaft anvisiert wurde. So bleibt eher Nachhaltigkeit, die sich auch auf das Merge-Label von Bandgründer Mac McCaughan übertrug. Hier erschienen auch die großen Indie-Klassiker wie "In The Aeroplane Over The Sea" von Neutral Milk Hotel und "Funeral" von Arcade Fire.

Superchunk, die Lieblingsband deiner Lieblingsband sozusagen, finden zum Glück auch wieder in der Gegenwart statt. Die Comeback-Alben machten schon klar, dass absolut gar nichts nach älteren Menschen in ihrer Midlife-Crisis klingt. Wie auch, denn Superchunk klingen wahrscheinlich auch noch in zwanzig Jahren wie eine frisch gegründete College-Band. "Endless Summer" für immer" Das catchy Lied klingt genauso sommerlich und ewig jugendlich wie zu Zeiten von "Foolish". 90er-Lo-Fi-Pop, der wie J Mascis und Dinosaur Jr. immer schön und konsequent am nächsten Hit knapp vorbei schrammt. Genau diese schrullig-sympathische Musik ist ja derzeit bei den Tik-Tok-Indie-Kids wieder angesagt. Und siehe da: So uncool scheinen die unprätentiösen Schrammel-Songs von damals also doch nicht zu sein. In den Zeiten von Grunge wollten sie schon keinem ihr Leid klagen. Fast dreißig Jahre später siegt dann der optimistische Pragmatismus über den Weltschmerz.

Aber vergiss dann auch Punk, Grunge oder Indie. "Wild Loneliness" ist einfach großer Pop , auf den ältere Semester, aber auch hippe Teens absolut klar kommen. "This Night", das ein ganzes Streicher-Segment von Band-Intimus Owen Palett als Verstärkung auffährt, klingt einfach wie eine fröhlich-euphorische Nachtfahrt über die Landstraße, egal ob dein Hintern nun knackig frisch in der Buxe sitzt oder bereits Falten wirft. Ein Gefühl, wie noch einmal den ersten Rausch, das erste Konzert und die große Liebe zu spüren.

Insgesamt bleibt die Grundstimmung irgendwo zwischen niedlichen Für-Immer-21-Verve und energetischen Power-Pop-Aufbau-Hymnen. Ein kleiner Unterschied zu dem doch wesentlich zynischeren Anti-Trump-Album "What Time To Be Alive" und den kratzigen Alben von früher. Das ist wahrscheinlich das poppigste und zugänglichste Album auf Merge Records nach "The Suburbs" von Arcade Fire. Die Melodien der frühen Punk-Ausflüge wie "Slack Motherfucker" sind immer noch vorhanden, sie fahren den Krach aber etwas zurück. So ganz wild lassen es Superchunk eh seit "Come Pick Me Up" nicht mehr angehen und feilen weiter an der Perfektion ihrer Songs.

Wer es absolut nicht ab kann und immer noch den Zeiten von "Foolish" hinterher weint, skippt eben weiter zu "Refracting", das das Pedal durchdrückt und in dem John Wurster ordentlich sein Schlagzeug verprügelt. Erstaunlich, wie gut die Songs trotz der Pandemie passen. Wie bei andere Künstler konnten in dieser Zeit kaum gemeinsame Session stattfinden. Jeder musste seine Parts einzeln einspielen oder zusenden. Das hier alles dann doch zusammen fließt und wie jedes andere Superchunk-Album klingt kann man unter den Umständen nicht hoch genug anrechnen.

Und wo nun mal ständig die Arme ausgebreitet werden, taucht auch Pathos auf. "If You're Not Dark " klingt nach Bruce Springsteen, dessen E-Street-Band durch nette College-Studenten ausgetauscht wurde und trotzig gegen alles Dunkle ankämpft. Immer mit dem BMX-Rad den Hügel hoch, zur Sonne hinauf. Scheißegal jetzt, wie schmalzig das klingt, aber verdammt nochmal wie geil wäre das Gefühl, dass nach dem Dreck der letzten Zeit auch endlich wieder Hoffnung auf eine besser Zukunft kommt. Einfach mit aufsteigen, den inneren Boss raushängen lassen und vom perfekten Indie-Pop mitnehmen lassen.

Den naiven Optimismus der Neunziger kann das Album natürlich nicht komplett zurück bringen. Der ständige Krisenmodus unserer Tage bleibt zu präsent. Doch gerade in der täglichen Flut an schlimmen Nachrichten benötigt man eine Band, die noch nicht komplett aufgibt und wenigstens die Fantasie eines immer währenden Indie-Sommers zurück gibt.

Trackliste

  1. 1. City Of The Dead
  2. 2. Endless Summer
  3. 3. On The Floor
  4. 4. Highly Suspect
  5. 5. Set It Aside
  6. 6. This Night
  7. 7. Wild Loneliness
  8. 8. Refracting
  9. 9. Connection
  10. 10. If You're Not Dark

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1 Kommentar mit 5 Antworten

  • Vor einem Jahr

    ansprechendes Cover. Erinnert mich an einen Blogeintrag über den ich kürzlich gestolpert bin : Es gibt nur noch sie und mich und den Moment. Sie schlittert über den Laminat im Flur, sie springt und schleckt, sie drückt sich an mich als wolle sie in mich hineinkriechen. Sie verschenkt sich, verschenkt alles was sie hat und ist, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken. Ihr ganzer Körper wedelt. Ich setze mich aufs Sofa, sie springt auf meinen Schoß, ich drücke meine Nase in ihr warmes Fell. Es ist egal was vorher war und was nachher sein wird. Achtsamkeit und Präsenz scheint die leichteste aller Übungen zu sein. - aus Erinner mich an Liebe

    https://de.paperblog.com/erinner-mich-an-l… class="last">Album an und für sich ist echt großartig mit herrlichen Ecken und Kanten. Muss Vergleichbar sein mit dem Sieg von George Foreman gegen Pierre Coetzer durch technischen Knock Out am 16.01.1993. Fühle das komplett nach, wie Dinge manchmal einfach anmuten, aber schwierig zu bezwingen / erledigen sind. Manchmal bilde ich mir ein, meine Gitarre könnte reden. So wie Tweety. Danke Rolf. Grüße an Sodi, Ragi & den Anwalt.