laut.de-Kritik

Die Fuckbois der Industrie.

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Electric Callboy sind der kleinste gemeinsame Nenner für Tomorrowland und Wacken aus dem kleinsten gemeinsamen Nenner Deutschlands, Castrop-Rauxel. Der 'Eskimo' im Bandnamen wurde 2022 gestrichen, weil zu nah am Zigeunerschnitzel. 'Inuit Callboy' versteht kein Mensch, 'Einhorn Callboy' hätte gut zur jovialen Zappelmukke gepasst, lässt sich außerhalb des deutschen Sprachraums aber nicht vermarkten. Deswegen auch der sprachlich kleinste gemeinsame Nenner: Electric Callboy. Nichtigkeit kennt keine Grenzen. Was heißt eigentlich AC/DC?

"Tekkno" heißt das Album, verspricht viel eindeutiger Elektronisches, versteht jeder. Los geht's mit "Pump it", das Freunde von Bring Me The Horizon und Skrillex gleichermaßen entzückt. Halt! Ist das nicht alles schon mindestens zehn Jahre her und eigentlich kalter Kaffee für Boomerchen? Richtig, aber bei Rock im Park spielen seit 25 Jahren die gleichen Bands und der Dorfjugend gefällts. Eski... pfui... Electric Callboy generieren auf YouTube Klickzahlen in mindestens zweistelliger Millionenhöhe. Außerdem eignet sich die immer wiederkehrende, höchst elaborierte Songstruktur A-B-A-B-A-A-A hervorragend zum Einspielen bei E-Sports-Events, Fußballturnieren und Prinz*innengardebällen. So geht Mehrwert, meine Damen und Herren!

"We Got The Moves" pumpt gleich noch eklektischer nach vorne. Da gibt's einen Step-Sequencer-Synthie-Bass von 1983, da werden alle digitalen Brrrzzzz-Effektschleifen voll aufgedreht wie einst 2010, da wird gerappt wie bei "Coco Jambo" anno 1996 und gekrischen wie in der Metalcore-Hölle des Merkeljahres 2005. Gibt nur nix Neues zu hören und nix was irgendwie im Ohr bleibt. Schon bei Track zwei denkt man, zehn verschiedene Songs gehört zu haben und von denen bleibt nur der kleinste gemeinsame Nenner: Ein sehr lautes, pinkes Rauschen. Einhornmusik.

"Fuckboi" übrigens darf man 2022 sagen, "Bitch" eher nicht mehr und bloß nicht "Käpt'n Iglo". Das dritte Lied glänzt mit weiteren Nichtigkeiten aus der musikalischen Promo-Wühlkiste der Plattenfirma, wie einem Gastauftritt der Sängerin Kia Castillo von Conquer Divide. Ist das Avril Lavigne, die da quietscht? Irgendwie könnte man das mitsingen, wenn es einen Text gäbe, außer irgendwas mit "Fuck". Das, wenn die Mutti hört.

"Arrow Of Love" soll neben "Pump It" der zweite Hit des Albums werden. Die zehnsekündige Hookline mit Kirmesgeballer kommt sicher gut auf den vorher schon benannten Massenevents. Fürs Video hat man sich einen sehr lustigen Dicken eingekauft. Der YouTuber Kalle Koschinsky steht für pralle "Body Positivity" im roten Herzchenanzug. Äußerst ulkig, denn auch Mollige können sexy sein und vor allem sehr, sehr witzig, sogar mit Grimassen. Lyrisch läuft Sänger Nico Sallach begleitend zu Höchstformen auf: "Oh, I'm late again / My people need me badly / Look at Herbert here / He's fighting with his homie / I'm fed up with your anger and hate / You always fight, punch, bite / Through the whole fucking day". Dem bleibt nichts hinzuzufügen.

"Hurrikan", die vorletzte Nummer, parodiert ein bisschen willentlich frech, aber völlig sinnbefreit deutschen Schlager. Das kann man gleichermaßen als Abgrenzungsgeste oder aber als Hommage verstehen. Recht viel anders nämlich klingt Helene Fischer heutzutage auch nicht, und ganz eigentlich sind Electric Callboy ja auch der kleinste gemeinsame Nenner für jung und alt, oder?

Genau darum geht es. Irgendwas zusammenwerfen, Marke erzeugen, Musik simulieren, kalkulieren und abkassieren. Eskimo Callboy beweisen mit dem sechsten Studioalbum erneut, dass sie vor allem der kleinste gemeinsame Nenner im Prostitutionsgewerbe sind – die "Fuckbois" der Industrie. Der Erfolg gibt ihnen Recht wie einst Lili Marleen.

Trackliste

  1. 1. Pump It
  2. 2. We Got the Moves
  3. 3. Fuckboi - Electric Callboy feat. Conquer Divide
  4. 4. Spaceman - Electric Callboy feat. FiNCH
  5. 5. Mindreader
  6. 6. Arrow of Love
  7. 7. Parasite
  8. 8. Tekkno Train
  9. 9. Hurrikan
  10. 10. Neon

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LAUT.DE-PORTRÄT Electric Callboy

Castrop-Rauxel lebt: Zwischen Seniorenheim und Zechenschacht sorgen sechs Outsider alias Eskimo Callboy für reichlich Aufruhr im Herzen des Westens.

23 Kommentare mit 27 Antworten

  • Vor 7 Tagen

    Lieber Rezensent,
    wenn man nicht so verbohrt und pseudo-elitär ist wie Sie, dann weiß man, dass Musik (und Kunst im Allgemeinen):

    -nicht immer einen intellektuellen Anspruch erfüllen muss,
    -nicht immer Gesellschaftskritik üben muss
    -und nicht immer das Rad neu erfinden muss.

    Diese Musik macht mir und vielen anderen im Alltag gute Laune und treibt im Sport zu Höchstleistungen. Dafür ist sie da. Aber das ist aus dem Keller alles schwierig zu beurteilen, ich verstehe das.

    • Vor 7 Tagen

      Lieber Rezipient,
      wenn mensch nicht so fehlgeleitet und Meinungs-elitär ist wie Sie, dann weiß mensch, dass andere Meinungen (zu Kunst und im Allgemeinen):

      - existieren und nebeneinander existieren dürfen
      - nicht immer bloß als opponierendes Pärchen auftreten
      - nicht immer mit der eigenen übereinstimmen müssen

      Ihre Meinung ist mir und vielen anderen im Alltag völlig egal und führt beim Lesen högschdens zu Schulterzucken. Dafür sind unterschiedliche Meinungen da. Aber das ist vom Thron ihrer Einfältigkeit herab alles schwierig zu beurteilen, ich verstehe das.

    • Vor 7 Tagen

      Qwertzui hat nicht nicht ganz Unrecht. Hatten das Thema auch eben im Büro, dass Rezessenten auf laut.de oft verbohrt und pseudo-elitär sind. Stört ihr euch jetzt an der Verallgemeinerung "Typisch Rezessent" oder darüber dass er es tatsächlich mal ausgesprochen hat?

  • Vor 6 Tagen

    Dieser Kommentar wurde vor 6 Tagen durch den Autor entfernt.

  • Vor 6 Tagen

    Lieber Pseudologe,

    unterschiedliche Meinungen sind wichtig und sollen auch gerne nebeneinander existieren. Wenn man aus einer neutralen Perspektive zum Schluss kommt, dass man dieses Album beschissen findet, ist das doch in Ordnung. Diese Rezension dient jedoch nur der Erhöhung des Rezensenten und hat den Namen Rezension nicht verdient.

    • Vor 6 Tagen

      Darum heißt das hier ja aich Rezession und Leute wie du Butterhörnchen.

    • Vor 6 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 6 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 6 Tagen

      Lieber Querzui,
      allein die Annahme, dass irgendein Rezessionist bei einer einschlägig medial bekannten Band oder auch sonst noch aus einer neutralen Perspektive heraus an eine Rezession gehen könnte ist latürnich grober Unfug. Wie grobb, das lässt sich bereits daran ablesen, dass diese Forderung nach Neutralität NIE kommt, wenn die Rezi überschwänglich wohlwollend ist und exakt das Gefühl derjenigen Rezipienten reflektiert, die ansonsten so wie du hier nach Neutralität krähen würden, weil ihnen eine Rezi zu abwertend für persönliche Lieblinge ausfällt.

      Die Neutralitätsforderung beruht selbstredend auf dem landläufig verbreiteten Missverständnis, Journalismus müsse in jeder Form und jedem Moment absolut neutral bleiben, was für den Bereich der Berichterstattung auch uneingeschränkt galt und gilt, jedoch gehören Rezessionen seit jeher zu den Segmenten des Journalismus, in denen eine individuelle Note und ein subjektives Fazit ausdrücklich erwünscht sind und alles andere wäre auch heuchlerisch und selbstbetrügerischer Quatsch, weil du durch persönliche Erziehung und Sozialisation selbst an Bewertungsgegenstände von Künstler*innen, von denen du noch nie vorher was gehört oder gesehen hast, nicht völlig neutral herantreten kannst.

      Letztlich ändert auch dein neuerliches Mäandern nix daran, dass der Rezessionist hier einfach nur eine Meinung vertritt, die ihm unzweifelhaft zusteht, die dir aber nicht passt und die du deswegen mit fadenscheinigen Scheinargumenten zu diskreditieren und in einer Phantasie-Hierarchie unter deiner eigenen anzuordnen versuchst, um deine eigene kognitive Dissonanz zu überwinden, dass hier etwas nicht gefeiert wird, was du selber feierst.

    • Vor 6 Tagen

      Gibt es dieses Jahr wieder einen goldenen Erklärbär zu gewinnen?