laut.de-Kritik

Mit DIY-Bars und Anime-Tagträumen gegen deutschen Rap.

Review von

Vielleicht braucht es einen Moment, bis Satarii so richtig klickt. Denn schaut man das erste Mal die Videos der Hamburger Rapperin, passiert eine ganze Menge gleichzeitig: Hyperaktive Energie, feministische Attitüde, Anime-Look und eine Hip Hop-Kaltschnäuzigkeit, die fast an Missy Elliott denken lässt. Das liest sich wie eine absolute Power-Kombo - und ist es auch. Aber trotz guter Blaupause merkt man, dass das Potential lange noch nicht ausgeschöpft wird. Satariis erste EP "Blaues Feuer" beweist vor allem erst einmal, dass mit ihr handwerklich zu rechnen ist. Sie hat außerdem eine eigene Welt zwischen DIY-Gespitte und nerdigem Tagtraum zu bieten, die Lust auf mehr macht.

Es hagelt inhaltlich ja auch einiges zusammen: Referenzen an Azula aus "Avatar - Herr der Elemente" oder Trafalgar Law aus "One Piece" stehen Hand in Hand mit feministischer Raumabgrenzung, alles vorgetragen in dieser forschen, durchsetzungsfreudigen Stimmlage, die wunderbar über die schlichten Drum-Bounces geht. Satarii funktioniert immer dann am besten, wenn sie rappt, wie ihr der Mund gewachsen ist, wenn sie frei durch die Themen springt und sich davon leiten lässt, was sie gerade aufregend und interessant findet.

Dann befindet sie sich in der Offensive, redet ihren Shit, behauptet, sie könne die Charts stürmen, wann immer sie wolle, könne blaue Blitze schießen und die Szene im Handumdrehen zum Schweigen bringen. Das ist einprägsam und charakterstark, weil ihre Energie so überhaupt nicht aufgesetzt wirkt. Als sie vor ein paar Wochen im Backspin-Podcast saß, sorgte sie für eine der besten Folgen des Formats seit langem, einfach, weil man gemerkt hat, wie wenig Medien-Kultur-Zombie diese Frau noch ist. Und ihre ehrlich begeisterte, ein bisschen naive Aufgekratztheit durchdringt auch dieses Tape: Es wirkt so lebendig, genuin und wirklich für die Freude am Rap gemacht, wie man es heutzutage nur noch selten hört.

Ein bisschen schwächer wird es textlich, wenn sie sich in die Defensive manövriert. Immer wieder taucht dieses Motiv auf, in dem sie ihre eigene Verrücktheit überzeichnet, und das funktioniert nicht so recht, wenn sie sich zu (nicht optimal geschauspielertem) manischem Gelächter mit dem Joker vergleicht und als "crazy und evil" bezeichnet. Mehr noch, denn wirkliche Bösartigkeit bekommt sie nicht so richtig verkauft, fühlen sich diese Ideen von Verrücktheit als quirligem Attribut aus der Zeit gefallen an und es riecht ein bisschen nach unsicherer Selbstverteidigung.

Satarii wirkt dagegen perfekt selbstsicher und menschlich saucool, wenn sie ihren Charakter in Raps packt. Dieses Selbst als Persona überzeichnen zu wollen, schwächt diese Selbstbestimmung ab. Und das hat sie ja wirklich nicht nötig.

Die andere Schwachstelle kommt in Form der Produktion. Zwar rühmt sie sich auf dem passend benannten "DIY" damit, dass sie die Musik am besten in Eigenregie stemmen möchte, und entsprechend geben die etwas schlicht zusammengesetzten Sample-Beats Sinn bzw. funktionieren solide genug, um ihrem starken Flow einen rumpelnden Rahmen zu geben. Trotzdem fühlt sich die Kombo aus gelooptem Vocal-Schnipsel und trockenen Drums hier schnell repetitiv an.

Für einen so farbenfrohen und explosiven Charakter wie Satarii geht Potential verloren, wenn sie sich nicht erlaubt, in Sachen Produktion, Klang und Songwriting ebenso ungewöhnliche Pfade zu gehen. Denn eigentlich hat sie das handwerkliche Talent und offensichtlich auch die musikalische Vielseitigkeit. Da dürfte noch mehr gehen, was musikalische Komplexität und Klangtiefe angeht. Es muss ja nicht gleich kommerziell und glatt klingen, aber es fällt schwer zu glauben, dass Satariis Zukunft nicht mehr als lineare 16er-Hook-16er-Hook-Schemata drauf hat. Dafür wirkt sie zu kreativ.

"Blaues Feuer" fühlt sich wie eine gelungene Referenzmappe dessen an, was Satarii beim Start in die Szene mitbringt. Eine genuine und extrem sympathische Ausstrahlung, ein runder und ausdefinierter Rapflow, eine gefundene Stimme und eine eigensinnige und spannende Themenpalette. Aber so sehr sie als Rapperin schon ausformuliert scheint, merkt man doch, dass ihre Reise als Musikerin jetzt erst so richtig begonnen hat. Mit diesen Referenzen sollte sie locker in der Lage sein, ihre Ambitionen auch in komplexere Produktionen und ausgefallenere Trackideen zu leiten. Der Weg könnte sie in Richtung einer Rico Nasty oder eines Danny Brown führen. Oder an ganz andere Orte. Das Talent ist zweifelsohne da. Man will nur hoffen, dass der Sky für sie der Limit ist.

Trackliste

  1. 1. Prolog
  2. 2. Geh Ma Weg
  3. 3. DIY
  4. 4. AZULA
  5. 5. Was Sie Will

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3 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 6 Monaten

    Hört sich alles wesentlich besser an als zb. Finna. Die Beats könnten aber viel mehr ballern. Und mit den Texten kann ich auch nicht wirklich was anfangen, bin aber auch nicht die Zielgruppe. Die EP beweist dass Musik für 16 jährige Libfems mit Animefaible nicht scheisse sein muss. Und diese( wie Yannik ja auch festgestellt hat) nicht ganz glaubwürdige Psychoattitüde ist wesentlich sympathischer als dieses "ich bin dick und stolz drauf aber trotzdem depressiv und das erzähle ich auch jedem der nicht fragt yo yo yo" bei eben Finna. Ich würde auch 3 Sterne geben weil ihr Rap mich nicht genervt hat, obwohl ich gesellschaftskritischen Deutschrap, der dann noch so gewollt freaky ist hassen müsste.

  • Vor 6 Monaten

    Wie hat meine Oma immer gesagt:"Mein lieber Sohnio, der liebe Gott hat einen großen Tiergarten".

    • Vor 6 Monaten

      Ja, und zu Schwingo sagt sie vermutlich folgendes: Lieber Schwingo, der liebe Gott wird mit all seiner Macht verhindern, dass es auf laut.de eine Everything Everything Rezension geben wird. Ganz schön weise, deine Oma.

  • Vor 6 Monaten

    Unterirdisch bis irgendwo zum Mittelpunkt der Erde, aber um es in den Worten der Zielgruppe zu sagen: Cringe digga