laut.de-Kritik

Gelungene Cover in jazzigem Gewand.

Review von

Coverversionen seiner Songs spielten in Leonard Cohens Karriere eine wichtige Rolle. Angefangen bei Judy Collins, die 1966 "Suzanne" und 1967 "Sisters Of Mercy" interpretierte und dem kanadischen Dichter mit Gitarre zu seinem Plattenvertrag verhalf.

Unter mehreren Tribute-Alben zu Lebzeiten sticht das 2005 entstandene "I'm Your Man" heraus, die Aufzeichnung in Bild und Ton eines Konzerts in Sydney, bei dem unter anderen Rufus Wainwright, seine Schwester Martha, Antony Hegarty, Beth Orton, Jarvis Cocker und Nick Cave auftraten. Im Studio interpretierte der Meister selbst mit U2 "Tower Of Song". Nach über einem Jahrzehnt des Rückzugs war es der Beginn seines wunderbaren Comebacks, das bis zu seinem Tod 2016 zu vielen Auftritten und einem beachtlichen Spätwerk führte.

Die vorliegende Zusammenstellung ist ein traditionelles Tribute-Album, das ohne posthume Gesangbeiträge Cohens auskommt. Dennoch grenzt es sich von anderen dadurch ab, dass es wie aus einem Guss klingt - was bei solchen Angelegenheiten eher die Ausnahme ist. Dahinter steckt Produzent Larry Klein, der das Projekt als Herzensangelegenheit anging. "Leonard war seit 1982 ein Freund, in den letzten 15 Jahren seines Lebens wurde er ein enger Freund. Nach seinem Tod habe ich seine Songs häufig mit anderen Künstlern gecovert. Ein Grund war natürlich, dass die Songs so gut sind - in gewisser Weise ist Leonard der beste Pop-Songwriter aller Zeiten. Ein anderer war, dass er dadurch weiterhin bei mir war,", erklärt Klein.

Für die Aufnahmen stellte er eine Begleitband deluxe zusammen. Altsaxophonist Immanuel Wilkins ist zwar Jahrgang 1998, hat für seine bisherigen zwei Alben aber schon viel Begeisterung eingeheimst. Kevin Hays ist am Klavier eine Institution. Kontrabassist Scott Colley hat so ziemlich mit allen gespielt, die im Jazz Rang und Namen haben, was teilweise auch auf Schlagzeuger Nate Smith zutrifft. Gitarrist Bill Frisell muss nicht extra vorgestellt werden, Greg Leisz ist einer der gefragtesten Pedal-Steel-Gitarristen, auch Larry Goldings an der Orgel hat an unzähligen Sessions mitgewirkt.

Da kann im Prinzip nicht allzu viel schief gehen, zumal die Tracklist ebenfalls interessant wirkt, eine Mischung aus bekannten und weniger bekannten Stücken, einige davon aus Cohens Spätwerk. Der Opener etwa stammt aus seinem letzten Album zu Lebzeiten. Norah Jones klingt darauf sexy und melancholisch und so einlullend, dass man nach den ersten Takten fast schon einnickt, bis der Refrain einen dann wieder aufhorchen lässt. Singt sie tatsächlich "Year by year / Month by month / Day by day / FUCK by FUCK"?! Bei Cohen, der 2016 kaum noch singen konnte, klingt es eher nach dem offiziellen Text, "thought by thought". Beides passt.

Für eine erste Überraschung sorgt Peter Gabriel mit "Here It Is", ein wenig beachtetes Stück aus dem wenig beachtenswerten, sülzig produzierten Album "Ten New Songs" (2001). Mit dem richtigen Arrangement gewinnt es deutlich an Qualität, zumal Gabriel fast so tief singt wie Cohen selbst.

Der Sänger mit der lustigen Mütze, Gregory Porter, bleibt bei seinen höheren Oktaven, hangelt sich sonst aber am Original entlang. Richtig so - was kann man beim Klassiker "Suzanne" auch sonst machen? Schwerer hatte es dagegen Sarah McLachlan, die Cohens Übersong interpretiert. "Hallelujah" ging 1984 mehr oder weniger unter, bis John Cale es 1991 als Pianoballade neu erfand. Cales Version wiederum nahm Jeff Buckley als Vorlage, für die definitive Interpretation des Liedes, diesmal mit Gitarre. McLachlan orientiert sich an Cale, doch singt sie so schnulzig, dass man ganz schnell das nächste Stück ansteuert.

Gute Idee, denn mit "Avalanche", das hier ohne Text rauskommt, zeigen die Musiker, was in ihnen steckt, wenn der Produzent mal die Zügel loslässt. Eine fast schon beboppige Version eines Stücks, das auf Cohens bleischweren Album "Songs Of Love And Hate" (1971) erschien, eine wahre Klanglawine, passend zum Titel.

Cohens früher Klassiker "Hey, That's No Way To Say Goodbye" ist das zweite Stück, das man sich sparen kann. Die Brasilianerin Luciana Souza, die sich vor allem mit Herbie Hancocks "River: The Joni Letters" (2007) einen Name gemacht hat und mit Produzent Klein verheiratet ist, weiß nicht so recht, wie sie das Stück interpretieren soll, und die Band gleich mit.

Wie es geht, zeigt Altmeister James Taylor. Wie Peter Gabriel singt er ungewöhnlich tief. "Larry entschied sich dafür, den Song in Cohens Originaltonart aufzunehmen, was sicherlich am unteren Rand meiner eigenen Tonlage ist. Aber irgendwie hat es mir geholfen, aus meiner Komfortzone herauszukommen und meinen eigenen Zugang zu dem Lied zu finden".

Auf dem Papier ist wohl Iggy Pops Version von "I Want It Darker" das spannendste Stück, der Opener und Titeltrack des letzten Albums, das Cohen kurz vor seinem Tod veröffentlichte. Viel muss Pop nicht tun, denn seine Stimme klingt womöglich noch tiefer als die Cohens. Seine Gesangstimme hat er aber noch nicht verloren, außerdem fügt er dem Stück eine interessante Nuance hinzu: die Zeile "I'm ready my Lord" klingt bei ihn nicht wie eine Niederlage, eher wie eine Drohung.

Mavis Staples schafft es wie gewohnt, einen (fast) zum Glauben zu bekehren, doch selbst ihr gelingt es nicht, an die Version der "sublime Webb Sisters" heranzukommen, denen Cohen das Stück auf seinen letzten Touren überließ. David Gray bringt die Sehnsucht in "Seems So Long Ago, Nancy" mit hoher, fast schon weiblicher Stimme gut rüber, auch Nathaniel Rateliff gelingt eine brauchbare, wenn auch etwas zu weinerliche Version des Klassikers "Famous Blue Raincoat".

"Like a bird on the wire, like a drunk in a midnight choir, I have tried, in my way, to be free" sind Cohens Verse für die Ewigkeit. Wie kann man sie interpretieren, ohne sie zu verhunzen? Produzent Klein traf die schlaue Entscheidung, es gar nicht zu probieren, und überließ die Melodie Frisells Gitarre. Ein hochkarätige Karaoke-Grundlage, der Altsaxophonist Wilkins weitere Tiefe verleiht.

"Ich habe mich bemüht, der Poesie nicht in die Quere zu kommen, denn das war etwas, was Leonard an vielen Coverversionen seiner Musik störte, und sogar an seinen eigenen Versionen der Songs. Ich bin also mit den Musikern so vorgegangen, dass sie hoffentlich mehr als Untermalung dienen, mehr filmisch, und nicht etwas, das die Aufmerksamkeit von den Gedichten ablenkt", so Klein. Mit diesem Album ist ihm auf jeden Fall eine hörenswerte Hommage gelungen.

Trackliste

  1. 1. Steer Your Way (feat. Norah Jones)
  2. 2. Here It Is (feat. Peter Gabriel)
  3. 3. Suzanne (feat. Gregory Porter)
  4. 4. Hallelujah (feat. Sarah McLachlan)
  5. 5. Avalanche (feat. Immanuel Wilkins)
  6. 6. Hey, That's No Way To Say Goodbye (feat. Luciana Souza)
  7. 7. Coming Back To You (feat. James Taylor)
  8. 8. You Want It Darker (feat. Iggy Pop)
  9. 9. If It Be Your Will (feat. Mavis Staples)
  10. 10. Seems So Long Ago, Nancy (feat. David Gray)
  11. 11. Famous Blue Raincoat (feat. Nathaniel Rateliff)
  12. 12. Bird On The Wire (feat. Bill Frisell)

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