laut.de-Kritik

Mit "Rap aus der Anstalt" in die Top 10.

Review von

So schnell kann es gehen. Eben galten die Recken von Hirntot Records noch als "Zu Hart Für Den Staat", und schon verleihen sie sich das Gütesiegel "Kult". "Wir schreiben das Jahr 2005,wo es angefangen hat und die Geschichte beginnt", fasst Uzi einleitend noch einmal die Historie zusammen. Gemeinsam mit seinen Flügelmännern Blokkmonsta und Perverz gibt sich der stoische Knochenbrecher abermals dem "Rap aus der Anstalt" hin. Erneut fahren "Schwarze Leichenwagen" Richtung Friedhof, um dort ihr unheilvolles Nachtwerk zu verrichten. Doch spannender fallen die Zwischentöne aus.

Da wäre etwa "Ausgebrannt", das sich bereits musikalisch mit einem Schuss Melancholie absetzt. "Sieh mich immer noch hier liegen auf dem Bahngleis, kurz bevor der Zug kommt so wie vor sechs Jahren. Ich hab' ihn damals verpasst", eröffnet Uzi seinen suizidalen Part, "Du stehst dein Leben lang vor verschlossenen Türen und egal, was du als Schlüssel wählst, keiner scheint zu passen." Der reflektierte Ruhepol des Trios hätte den Song alleine tragen sollen, denn die folgende "Echte-Männer-stehen-stramm"-Lyrik Blokkmonstas erscheint in diesem Umfeld verzichtbar, ja, geradezu unpassend.

Das gilt in ähnlicher Weise für seine politischen Einlassungen. Blokkmonstas grundsätzliche Staatsskepsis mag angesichts seiner Biografie bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar sein, sie bleibt stark vereinfachend und bewusst vage formuliert. "Alles grau seit der Mauer und dem Plattenbau. Regierungsspitze frisst Steuergelder in ihrem Rattenbau. Bürger überwacht, weshalb ich nur meiner Waffe trau'", führt er feindselig durch die gesellschaftliche "Grauzone", "Was für ein Staat, wo der Staat seine Bürger fickt. Gehst du demonstrieren, heißt es Nazi gegen Politik."

Im selben Song prangert Perverz das gebrochene Aufstiegsversprechen an, übt wackelige Kritik am Justizsystem und bemängelt die stetige Umverteilung von unten nach oben. "Und dann wundern diese Schweine sich noch, dass die Innenstadt brennt", wutschnaubt der frühere Intensivpfleger, "Was die fette Sau im Anzug sich denkt, wenn man dich jetzt im Fernsehen schon verloren und abgehängt nennt." Einzig Uzi führt eine feinere Klinge, wenn er Ohnmachtserfahrungen in einfache Worte kleidet: "Wir leben in 'nem Rechtsstaat, nur dass keiner wie wir irgendwann mal recht hat."

"Küss Die BpjM" ist als auditiver Liebesbrief an ihre alten Widersacher von der Bundesprüfstelle angelegt. Eine sympathische Idee vor dem Hintergrund des berüchtigten "Fick Die BpjM", auch wenn Blokkmonsta den ironischen Ansatz leider umgehend fallen lässt. "Hier tritt man auf Dichter. Denken verboten, sonst triffst du auf Richter", tönt es unversöhnlich. Lediglich Perverz greift das Thema mit einem souveränen Augenzwinkern auf, wenn er darüber referiert, dass "der aufgeklärte Mann von Welt" natürlich regelmäßig die Bild liest. Dennoch: Humor bleibt die Achillesferse im Hirntot-Kosmos.

Aufhorchen lassen schließlich noch die vereinzelten privaten Einblicke von Blokkmonsta, wenn er etwa in "Fassungslose Fressen" durch familiäre Verluste führt. "Ich kompensiere diesen Schmerz, indem ich Messer in dich stecke", erlangt der eben doch feinfühligere Rapper die Kontrolle zurück. Und die benötigt er auch, um sein "Kult"-Team in die Top 10 zu führen. So dürfte angesichts seines Durchhaltewillens die abschließende Frage in "H.I.R.N.TOT" wohl rhetorischer Natur sein: "Wer von euch hätte gedacht, dass wir heute noch hier stehen, Alben bringen oder Videos als Team drehen?"

Trackliste

  1. 1. Kult
  2. 2. Fassungslose Fressen
  3. 3. Schwarze Leichenwagen
  4. 4. Sprich Dein Letztes Gebet (mit 4.9.0 Friedhof Chiller)
  5. 5. Lass Sie Sprechen
  6. 6. Sie Wissen's (mit Frauenarzt und Kingpin Skinny Pimp)
  7. 7. Grauzone
  8. 8. Ausgebrannt
  9. 9. Kult Skit
  10. 10. Küss Die BpjM
  11. 11. Ruf Doch Die Polizei (mit B-Tight)
  12. 12. Trauma Center
  13. 13. Super 8
  14. 14. Nightstalker
  15. 15. Systemschock (mit Smoky)
  16. 16. Im Namen Satans (mit Basstard)
  17. 17. H.I.R.N.TOT (mit Schwartz und Rako)

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6 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    Wirklich schwach, wie immer. Wie alles was die Hirntot-Großfamilie anfasst.

  • Vor 3 Monaten

    Unglaublich schlecht, Musik für die wirklich letzten Menschen.

  • Vor 3 Monaten

    Für die echten HeAdS ist das zu aggressiv. Die Dudes haben den Gedanken von HipHop einfach nicht verstanden. Derbe schade! Die Delivery ist immer noch die gleiche wie zu deren Anfangszeiten. Und von coolem Wortwitz keine Spur. NICHT IN MEINER CYPHER!

  • Vor 3 Monaten

    Noch nie meins gewesen. Aber Kingpin SkinnY Pino Feature ist schon was cooles. Da überleg ich tatsächlich mal beim kacken rein zu hören.

  • Vor 3 Monaten

    Ich kapiers nicht, was wollen die mitteilen?

  • Vor 3 Monaten

    Fand das Album wirklich klasse. Für alle Fans die schon lange dabei sind vom Sound her nochmal was geiles. Moderner touch mit oldschool hirntot feeling.
    Geile räudige cowbell beats mit dürsterer atmosphäre ohne den cringefaktor zu haben wie bei manch anderen songs oder Alben.
    Ich finde sie wirken seit langem nochmal "glaubhaft" mit dem was gerappt wird im Bezug auf die Stories.
    Das Thema KULT wird dann natürlich durch vergangene Probleme mit dem Staat, der BPJM und persönlichen Problemen untermalt.
    Im Kontrast stehen dazu dann eben die üblich beschriebenen Gewaltszenarien. Aber das ist auch eben das was die Anfänge ausgemacht hat und daher auch der Name KULT.
    Ich finde es ist genau wie sich Hirntot in 2022 anhören sollte.
    Eine klare Weiterentwicklung was Stimme, Rap und Beats betrifft mit klarer Referenz zum Anfang. Es fühlt sich frisch und alt zugleich an was eine wirklich krasse Kombo geworden werden.
    So könnte man auch das gesamte feeling beschreiben. Wie als wenn man 2005 ein Album produziert hätte aber in 2022 mit allen Vorzügen die das so mit sich bringt.

    Fast jeder Song gefällt mir, was vorher bei "Mörder Ohne Gesicht" oder "Psychoaktiv" nicht der Fall gewesen ist.
    Besonders muss man hier Perverz loben, er klingt seit laaangem nochmal wirklich gut auf dem Album.

    Ein Kritikpunkt sind meiner Meinung nach die adlips die um Übermaß verwendet werden. Also die eingesprochenen Geräusche und Effekte.
    Die lassen manche Passagen eher witzig oder kindisch als ernst wirken.
    Aber auch hier eine klare Verbesserung im Vergleich zu vorherigen Projekten. Ich finde Hirntot hat es nicht nötig diese in dem Umfang zu verwenden wie sie es tun.
    Manchmal ist weniger mehr.

    Größter Kritikpunkt ist etwas was man bei Hirntot leider öfter beobachtet.
    Hier auf dem Album werden alte Beats neu und ein wenig abgewandelt wiederverwendet. Als langjähriger Zuhörer fällt das direkt auf und ist einfach super schade.
    Zudem werden einzelne Rappassagen von UZI und Perverz ebenfalls komplett oder leicht modifiziert benutzt.
    Als beispiel die "In die Ecke geschoben wo man nicht nach ihn sucht" line oder auch "da hier jeder seine Drogen / Pillen von Herzen gerne nimmt" line.

    ABER die songs in denen das passiert sind trotzdem extrem geil und bieten genug neues.

    Politisch kann man natürlich einiges kritisieren, was auch hier in der Review auf laut.de bereits angesprochen wurde.
    Auf den Punkt dass es nicht passen würden wenn UZI sein Herz ausschüttet und Blokk damit reagiert in seinem part davon zu rappen, das man hart sein und über allem stehen soll, kann ich nachvollziehen, doch spiegelt es den Character des einzelnen doch gut wieder.
    Wer Hirntot kennt weiß, dass UZI und Blokk doch schon oft anders ticken. UZI der Zurückgezogene und Blokk der Draufgänger und Macher.

    Mein Lieblingssong ist "Sie wissen’s".
    Bester Beat und das musikalische Highlight des Albums.
    Hirntot hat das Zeug viel mehr in diese Kerbe zu schlagen und ich würde versprechen es wäre ein absoluter hit.

    Ich hoffe die "review" hilft dem ein oder anderen sich eine Meinung bilden zu können. Die meisten Kommentare kommen ja nichtmal von der Zielgruppe sondern von denen die es eh scheiße finden.