Porträt

laut.de-Biographie

P.P. Arnold

"Angel In The Morning" ist einer der wenigen Cover-Songs von Shaggy - und schon 1967 einer der Hits im Swinging London. Musikrichtung: Beat? Nein. Rock'n'Roll? Schon gar nicht. Soul? Naja. Die Interpretin des einzigartigen Liedes heißt Patricia, kurz P.P. Arnold. Schnell müssen Songs anderer Autoren her, nachdem Mick Jagger sie 'entdeckt', um ihr Gesangstalent zu nutzen. "Angel Of The Morning" etwa stammt von Chip Taylor, einem Mann des Hintergrunds.

P.P. Arnold - The New Adventures Of ... P.P. Arnold Aktuelles Album
P.P. Arnold The New Adventures Of ... P.P. Arnold
Mick Jaggers Lieblingssängerin gibt alles.

Auch P.P. ist 'hintergründig', gehört zur zweiten Reihe des Musikgeschäfts – agiert gleichwohl stets im Umfeld der ganz großen dicken Namen des Showbiz. "Aus dem Hintergrund in den Vordergrund", nennt der Deutschlandfunk eine Spezialsendung über die Frau, die weitaus mehr als ein One Hit Wonder bleibt. Mit "The First Cut Is The Deepest" hat sie nicht nur einen zweiten Erfolg, sondern ebnet auch Cat Stevens, dem etwas medienscheuen Autor des Liedes, den Weg ins Rampenlicht.

Aus seinem zweiten Album macht sich dieser Song in P.P.s emotionaler Version selbständig, übertönt das Original und bringt den Namen Cat Stevens ins Gespräch. Ihn selbst setzt derweil eine Tuberkulose außer Gefecht, doch sein Song kursiert auf vielen Samplern und im Radio.

P.P. heißt Patricia Ann Cole, geboren 3. Oktober 1946, Amerikanerin aus dem südlichen Stadtrand von Los Angeles, Randgebiet, damals Zone der Armen, Enklave der afroamerikanischen Bevölkerungsmehrheit. Hier klammert man sich an Kirche, Glaube und Gospel. Patricia, oder einfach Pat, wächst in einer Familie von Gospelsängern auf.

Über ein Casting rutscht sie dank Vitamin "B" mit 17 in die Begleitband von Ike & Tina Turner, die Ikettes. Das Casting findet nachts statt. P.P ist frisch verheiratet, in Kalifornien geht das schon so jung. Als sie morgens nach Hause kommt, schlägt ihr Ehegatte sie. Das war's! Die junge Arnold erlebt, was ihr neuer Arbeitgeber Ike Turner mit Tina macht, am eigenen Leib.

Ohne zu wissen, wie das bei den Turners abläuft, haut sie mit ihnen ab. Zudem zeigt sie sich nun flexibel für Tourneen nach Europa. Denn dort boomt die Adaption von Soul und Rhythm & Blues. Hierfür brauchen die meist männlichen Interpreten weibliche Background-Vocals mit amerikanischem Gespür für die Blue Notes des Blues. The Rolling Stones nehmen die Ikettes ins Schlepptau. Mick Jagger begeistert sich für Patricias Stimme und macht sich bei seinem Manager dafür stark, sie als Solokünstlerin zu produzieren.

Was würde eine junge Frau wohl sagen, wenn zu Hause in den USA ein Kerl auf sie warten würde? Dieses "Problem" hat P.P. nicht mehr, sie lässt auch die Ikettes fortan sausen und bekommt das weitere Drama von Ike & Tina nur noch aus der Ferne mit. Denn London vibriert zu jener Zeit so richtig. Lauter brodelnde Subkulturen und coole kleine Clubs entstehen, und so viele neue Bands mit potentiellen Jobs für sie halten sie dort fest. Aber nicht für immer - einen Rückzugsversuch wagt sie Jahre später noch ...

Ein kleines Label für soulvolle Beat- und Rockmusik hat sich gerade gegründet und verzeichnet die ersten Erfolge mit US-Importen, aber auch schon einer Band aus dem Osten Londons. Sie heißt "Kleine Gesichter", Small Faces. Die Story dieser Band verknotet sich eng mit der des Labels "Immediate" – mit der Geschichte der Gruppe endet auch die des Labels.

Für die Small Faces singt P.P. "Tin Soldier" und "(If You Think You’re) Groovy" ein. Sie singt den Background zu einem der ersten Psychedelic-Hits, "Itchycoo Park" einem ziemlich nach LSD klingenden, schrägen Lied – das zwei neue Stile etabliert: Blue-Eyed Soul, fortan Markenzeichen des Labels, und Psychedelic Rock, wie ihn dann auch Pink Floyd, Smoke und Traffic machen. P.P. Arnold schreibt also Geschichte. Der Song "Itchycoo Park" gereicht später 1994 noch einmal mit M People und 2015 mit den Hollywood Vampires zu einem kleineren Hit.

Von den Small Faces aus reichen die Connections zu Rod Stewart, The Nice und Cat Stevens. Auf Cats allererstem Album singt sie ebenfalls die Background Vocals und kommt so erst auf die Idee, "The First Cut Is The Deepest" zu covern. Parallel nimmt sie ihre zwei Alben auf, "The First Lady Of Immediate" und "Kafunta", sowie eine Reihe weiterer Songs, die erst 2017 erscheinen.

"Kafunta" ist überwiegend ein Cover-Album mit Songs von damals der sehr angesagten Acts Beach Boys, The Beatles, Rolling Stones und Bee Gees. Dazwischen findet sich z.B. das zarte, leidenschaftliche, heftig überzuckerte und von P.P. verfasste "Dreamin'". Aus dem Beatles-Katalog entscheidet sie sich für die zwei McCartney-Classics "Eleanor Rigby" und "Yesterday".

Referenzen hat sie nun genug, und kommt zeitlich gar nicht mehr zum Aufnehmen von Solo-Musik. In den folgenden Jahren singt sie für den Bee Gee Barry Gibb u.a. "Bury Me Down By The River", für seinen Bruder Andy Gibb, für Peter Framptons Gruppe Humble Pie auf zahlreichen Alben den Background, für Stevie Wonder, Nick Drake, Dr. John, Stephen Stills und Graham Nash von Crosby, Stills & Nash, für Eric Burdon, Nils Lofgren, Justin Hayward (The Moody Blues) und zig weitere. Später reiht sich auch Peter Gabriel in die Liste der Auftraggeber. All dies sind Engagements im Studio.

Reichhaltige Bühnenerfahrung sammelt sie auch, aber mit anderen Leuten, z.B. Clapton, bis ein Autounfall ihr einen Strich durchs bis dato glücklich verlaufende Leben macht: Sie verliert ihre Tochter. Schon ein paar Wochen zuvor verträgt sie sich nicht mehr mit ihrem zweiten Ehemann, einem Bassgitarristen und rumpelt in die Scheidung.

Nun flüchtet sie sich nach Kalifornien zurück. Doch so recht überlegt ist das nicht. Die meisten Anfragen für Arbeitseinsätze erhält sie von britischen Acts. Auch ihr Sohn wächst erst in England auf, ist noch Teenager und das Leben dort gewöhnt, zudem an den geschiedenen Papa gebunden. Das Experiment Hollywood bricht sie rasch ab. Während es im United Kingdom zunächst wieder gut anläuft, mit einer Rolle im Musical "Starlight Express" und mit zahlreichen Zusammenarbeiten von Reggae bis Pop, durchkreuzt ein zweiter Schicksalsschlag ihren Weg. Sie verletzt sich bei einem Autounfall schwer, kann nicht mehr stehen und tanzen. Bei einer Tournee versucht sie es auf Krücken, die Bühne zu erklimmen, und bricht das nach einigen Wochen ab. Plötzlich ist sie eine arbeitslose Musikerin.

Was macht sie? - Sie hatte 15 Jahre lang nur Engagements für andere, keine eigenen Aufnahmen. Sie hat keine eigenen Songs, keinen Status. P.P. besinnt sich ihrer Stimme und nimmt einen Brotjob in der Werbung an: Sie singt Jingles ein. Wesentlich lukrativer dagegen ist das Angebot der Perfektionisten Peter Gabriel und Daniel Lanois. Die beiden suchen genau jemanden wie sie, um "Sledgehammer" zu produzieren. Für diesen Song, der Gabriels größter Hit werden soll, sammeln sie die besten und ungewöhnlichsten Leute jeder Disziplin: Manu Katché für die Rock-Weltmusik-Fusion am Schlagzeug, Mark Rivera, Star-Saxophonist der Rockbranche, Daniel Lanois selbst an den großen Trommeln - hierzu passt nur eine wie P.P. Arnold für die Background Vocals. Für P.P. ein gutes Geschäft: Denn Gabriel hat zig Vernetzungen in der Studioszene und "Sledgehammer", Nummer 1-Hit und einer der ersten Songs mit Knetgummi-Puppen-Videoclip, zahlt sich als Referenz aus.

Die vierzigjährige Arnold wird an der Seite von Leuten, die ihre Kinder sein könnten, zur Pionierin der Acid-House- und Techno-Welle. Unzählige Session-Aufnahmen folgen. Die erfolgreichste davon heißt "3am Eternal". Das atemberaubend aufgebaute Stück entstammt einem längeren Konzeptalbum mit gesungenen und instrumentalen Passagen, Kirchenglocken und abgefahrenen Beat-Strukturen, "The White Room" von The KLF. Diese Band kommt nach eigenen Angaben aus dem "MuMu Land" und sprengt alles, was England an Trance, Ambient und House erleben wird, in kreativer wie kommerzieller Hinsicht. P.P. ist nicht die einzige Vokal-Lady in deren Produktionen - aber eine der Stimmen, mit deren Hilfe der technoide Sound ein starkes Charisma entfaltet.

Auch aus Deutschland erhält P.P. eine Anfrage: für "Divine, Love, Sex & Romance" und einige weitere Songs auf Nina Hagens verruchtem Stil-Clash-Album "Street".

Die Hintergrund-Sängerin Arnold bekommt wieder Lust und Mut selbst Songs für den Vordergrund zu schreiben. Einer davon heißt "Hold On To Your Dreams" und wartet dann 25 Jahre bis zur Aufnahme. Denn ein sehr interessantes Angebot flattert ins Haus. Es verbindet ihre Musical-Erfahrung, ihre Zugehörigkeit zur Rock-Szene und ihre Rolle als dunkelhäutige Frau in England und stellt zugleich eine neue, größere Herausforderung dar. Roger Waters will sie in seinem Musical über Rassismus, Krieg und Weltreligionen "Amused To Death" dabei haben, inhaltlich an "The Wall" angelehnt. Ausgerechnet Waters, der zu jener Zeit vor allem als vor Gericht ziehendes Ekelpaket bekannt ist, spleenig und unfair in der Zusammenarbeit, egozentrisch - aus Sicht seiner Pink Floyd-Kollegen.

Mit P.P. harmoniert es wohl. Nichts Gegenteiliges wird bekannt, und sie lässt für Waters alles stehen und liegen. Das Werk entsteht mit Philharmonie-Orchester, Teilen der Band Toto, und mit einem unschlagbaren Background-Gesangs-Septett: Kris Kristoffersons Frau Rita Coolidge, der Soul-Newcomerin N'Dea Davenport von den Brand New Heavies und P.P. Arnold.

Auch bei ihrer eigenen Musik bewegt sich nun wieder etwas: P.P.s Songs der Alben "Kafunta" und "The First Lady Of Immediate" erscheinen 1998 erstmals auf der CD "The First Cut". Der Titel ist doppeldeutig und verweist sowohl auf den Song "The First Cut Is The Deepest" als auch darauf, dass nach diesem ersten Release bald mehr von P.P. folge. Das dauert nochmal fast zwanzig Jahre. Abgesehen von weiteren Kooperationen und der ein oder anderen Single liefert P.P. Ende 2017 die unveröffentlichten Aufnahmen der 60er-Jahre-Sessions ab. "The Turning Tide" hat keine Albumstruktur, die Restsongs werden zufällig platziert. Doch die Scheibe lässt sich als Vorbote lesen. Mit "The New Adventures Of P.P. Arnold" kehrt P.P. im August 2019 als Solo-Künstlerin zurück und sorgt für Staunen in der Musikwelt.

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