Porträt

laut.de-Biographie

Stewart Copeland

Stewart Copeland ist Akteur der Punkwelle, aber auch ein Zeitzeuge: Nachdem The Police schon etwas 'sophisticated' musizieren, ist ihr Drummer genau der Richtige, um einen Blick von außen auf die kurze Phase von Londons Punk-Explosion zu werfen. Im Mai/Juni '82 heftet er sich an die Fersen mehrerer Bands, um Konzerte zu filmen - Anfang '84 wird daraus sein erster Film "So What".

Police-Drummer: "Reunion-Gig war ein Rohrkrepierer" Aktuelle News
Police-Drummer "Reunion-Gig war ein Rohrkrepierer"
The Police-Schlagzeuger Stewart Copeland weint sich im Forum seiner Homepage über die musikalischen Pannen beim zweiten Police-Gig nach der Wiedervereinigung aus.

Der Streifen weckt auch das Interesse von MTV. Die Doku zeigt Tempo und Lebensgefühl der ersten Punk-Generation, krasse Frisuren, Schlägereien, verregnete Straßen, übervolle Clubs, Interviewpartner, die über Sex, Tattoos und Drogen quasseln. "Ich hab das aber nicht als Interview-Material gesehen", kommentiert Copeland auf MTV. "Diese Leute haben sich nicht so gut ausgedrückt, wenn es um die Beweggründe hinter ihrem Lebensstil und all sowas ging. Die erklärten nicht, was er bedeutete. Sie dachten gar nicht ernsthaft darüber nach. Das überließen sie wohl den Wissenschaftlern, Kulturanthropologen, wem auch immer, alles herauszufinden. Die Punks selber waren da überhaupt nicht interessiert. Die wollten einfach ausgehen und verrückt sein. Und das taten sie. Und so Leute wie ich, die kamen mit der Kamera und forschten da nach."

Das Nachforschen liegt in der Familie. Papa Copeland ist CIA-Agent im Zweiten Weltkrieg, dann im Kalten Krieg. Stewart, geboren am 16. Juli 1952, kommt in Virginia an der US-Ostküste zur Welt. Die Mama ist Schottin und von Beruf Archäologin. Stewart hat drei ältere Brüder, Miles, Ian und Lennie - Miles Copeland III wird später Manager von The Police, Ian deren Booking-Agent - a family thing.

Als Knirps wächst der Sohn eines Spions im Libanon auf. Dort prägt sich ihm früh eine Sensitivität für Backbeats ein, die seiner eigenen Theorie zufolge seine spätere Vorliebe für Reggae begünstigt, wie er im Deutschlandfunk erklärt: "Der Schlag kommt auf der Drei. Das gibt es auch in der arabischen Musik. Ich bin im Nahen Osten aufgewachsen – wo mein Vater einen Auftrag hatte – in Beirut mit arabischer Musik und Baladi-Rhythmen. Da gibt es keine Eins. Und die Betonung ist auf Drei. Als ich Bob Marley and The Wailers hörte, musste ich das mehrere Male hintereinander hören (...) "

Erst als Teenager betritt er englisches Territorium, wechselt dort mehrmals die Schule und landet schließlich auf einem College in Kalifornien und in der Blütezeit des dortigen Folkrock, Flowerpower-Pop, Psychedelic, Garage und Fusion-Jazzrock. Aber: "Jazz interessierte mich nicht", so Copeland im Gespräch mit UDiscover.

Nach einem proggigen Gastspiel bei Curved Air trifft Copeland mit damals schulterlangen Prä-Punk-Haaren auf Eberhard Schoener, Münchner Orchesterleiter. Dessen "Flashback"-Aufnahmen mit den drei Police-Musikern gehen der eigentlichen Bandgründung voraus, erscheinen aber erst nachträglich auf LP. Der Name The Police kommt Stewart in den Sinn, als er von den Punk-Aufständen hört und selbst Wut gegen das Establishment, versinnbildlicht in der Staatsgewalt, verspürt.

In München und umgeben von einem Kammerorchester, war das Lebensgefühl ein ganz anderes, erinnert sich Copeland im Deutschlandfunk: "Wir waren weit weg von London. Vielen ist nicht klar, dass die Punkbewegung ziemlich konservativ war. Kein Song durfte länger als drei Minuten sein. Keine Liebeslieder. Keine Gitarrensoli. Eberhard war das egal. Er ermutigte uns, uns stärker zu entfalten (...) Eigentlich hatte Sting einen Jazz-Hintergrund und seine Songs waren 10 Minuten lang. Punk zwang ihn dazu, all seine Ideen auf drei Minuten runterzudampfen. Aber als wir das Konzert mit Eberhard Schoener spielten: Sting am Mikrophon, der einfach improvisierte, da passierte auf einmal etwas. Andy und ich standen neben Sting und sagten nur 'Wow'. Das war damals in Deutschland."

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Stewart Copeland "Ich kann Police-Songs spielen, ohne dass Sting mich anpöbelt"
Video-Interview! Über das The Police Deranged for Orchestra und Streit mit Sting und Summer.
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Nur eine Handvoll Alben entstehen als The Police, jedoch solche, die der Nachwelt als stilprägend erhalten bleiben. "Andy [Summers] konnte diesen Arpeggio-Stil mit den Fingern zupfen und mit hoher Energie durch einen großen Verstärker jagen, das war etwas Neues. Sting konnte solche Figuren schreiben, und Andy war der Killer in der Umsetzung. Nicht jede Gitarre kann das überhaupt spielen. Und dazu dieser Reggae-artige treibende, aggressive Beat, eine Art 4/4-Takt, four to the floor, aber in einer stilistischen Kreuzung. "Message In A Bottle" vereinte viele Lieblings-Police-Zutaten und Erkennungsmerkmale", so Copeland in einem Videotalk mit UDiscover.

Das super akkurate Schlagzeugspiel und die rhythmische Komplexität werden zwei Mal hintereinander mit Grammys für Police-Instrumentals belohnt. Das Titelstück von "Reggatta De Blanc" sowie "Behind My Camel" vom "Zenyatta Mondatta"-Album schlagen in der Kategorie Rock-Instrumental Emerson, Lake & Palmer, Robert Fripp, Kraftwerk und Rush.

Was Sting nach der Auflösung von The Police gemacht hat, ist weithin bekannt. Die beiden anderen, Andy Summers und Stewart Copeland, eint nach der gemeinsamen Zeit, dass sie an Soundtracks arbeiten. Das wärs dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Copeland zieht gänzlich eigener Wege. Nachdem der Schlagzeuger sich schon für den Offbeat des Reggae, Dub und Ska interessiert hatte, liegt der Schritt in die "Weltmusik" nahe. Diese Strömung bahnt sich in den frühen 80ern in England an. Auch andere New Wave-Helden wie David Byrne finden die Sache spannend und suchen Begegnungen vorzugsweise mit afrikanischen Artists.

Copelands erster Arbeitspartner in diesem Bereich heißt Raymond Lema, Sänger, Komponist, Ethnomusik-Hobbyforscher und begnadeter Pianist mit Techno-Affinität. Mit dem Kongolesen entsteht bald nach der "Synchronicity"-Tour die experimentierfreudige und ziemlich wilde Scheibe "The Rhythmatist". Sie klingt, wie sie heißt: Rhythmisch verschroben, aber reizvoll und so, als ob die Experten des interkulturellen Rhythmen-Austausches ein Gipfeltreffen abhielten.

Sting entschwebt zur gleichen Zeit in den "Dream Of The Blue Turtles", und bei The Police scheint die Luft raus zu sein. Copeland hat aber bald andere Anfragen auf dem Tisch. So sucht Jazzfusion-Bassist Stanley Clarke einen Taktgeber für ein neues Bandprojekt, für das er bereits Sängerin und Songschreiberin Deborah Holland gecastet hatte. Copeland steigt ein. Es entstehen zwei Alben, beide benannt nach der neuen Band: "Animal Logic", mit drei süßen Dalmatinern auf dem Cover, und "Animal Logic II". 2000 suchen Leslie Claypool und Trey Anastasio einen Schlagzeuger für ihre neue funky angehauchte Alternative-Band Oysterhead (ein kurzlebiges Side-Projekt neben Phish), wieder sagt der Ex-Polizist zu.

Ansonsten stehen die Neunziger und 2000er für Copeland im Zeichen zahlreicher Film-Soundtracks. Als Interpret erlebt man Stewart hingegen nicht. Für die Leinwand untermalt der symphonisch bewanderte New Waver zum Beispiel "Simpatico" mit Jeff Bridges und Sharon Stone, ein Psycho-Krimi-Drama über einen Wettbetrüger. Auch für "Silent Fall (Stummer Schrei)", einen Thriller mit Liv Tyler in ihrer ersten Rolle, ist der Police-Drummer die richtige Wahl. Die TV-Variante von "Ben Hur", ein dreistündiges History-Epos mit dem Briten Joseph Morgan in der Hauptrolle, lebt atmosphärisch maßgeblich von Copelands Score.

Tourtipp anzeigen laut.de präsentiert
Bis 22. Juli 2023 Stewart Copeland's Police Deranged For Orchestra Frankfurt und Bremen
Der Police-Drummer himself führt mit Orchester "Message In A Bottle" und andere Hits auf.

Seine Instrumentals fesseln auch andere: In Hamburg knöpft sich das Schlagzeuger-Quartett ElbtonalPercussion einiges aus Stewarts Backkatalog vor. 2012 veröffentlicht die Rhythmusgruppe "ElbtonalPercussion Plays Stewart Copeland" mit Instrumentals wie "Gong Rock" (aus "The Rhythmatist") und "Tulsa Tango" (aus einem 80er-Soundtrack).

Im weiteren Verlauf der 2010er boomen im englischsprachigen Raum Interview-Formate und Panels auf YouTube. Frei nach dem Motto 'Stille Wasser gründen tief' blüht der quirlige Schlagzeug-Star im Netz auf. Er erweist sich als lebhafter, anschaulicher Geschichtenerzähler und engagierter Chronist bewegter Zeiten, dank seines großen Erinnerungsvermögens für Details. Auditives kann er extrem gut und konkret beschreiben. Im Gegensatz zu Sting umgibt sich Stewart nicht mit anderen Superstars, er steht einfach für sich. Auch liegt sein primäres Augenmerk nicht in der Selbstinszenierung als ewig junger Hüpfer, sondern wirkt mit sich im Reinen: weißen Haare, Lebenserfahrung, Expertise. Später auch nachzulesen in seiner Autobiographie "Stewart Copeland - Drumming In The Police And Beyond".

2017 gründet Stewart Copeland die 'Supergroup' Gizmodrome mit King Crimsons Andrian Belew an der Gitarre, dazu Level 42-Bassist Mark King und der italienische Keyboarder, Komponist, Produzent und Arrangeur Vittorio Cosma, vormaliger Teil der Progger PFM. Ihren Ursprung finden Gizmodrome in Songwriting-Sessions, die Copeland und Cosma abhalten. Wohin genau das führen soll, ist anfangs noch unklar, doch nur wenige Monate später vertreibt earMUSIC das selbstbetitelte Debüt "Gizmodrome", 2021 folgt noch ein Live-Album.

2019 erreicht der Drummer zwar das Rentenalter, holt aber noch mal richtig mit Schwung zu einem neuen Konzept aus: Er knüpft an die Ursprünge seiner Klassik-Rock-Brückenschläge an. So wie einst mit Eberhard Schoener, so wählt er wieder das symphonische Bühnensetting und tourt mit Orchester. Auf der Setlist: die alten The Police-Hits! Unter dem Namen "Police Deranged For Orchestra" macht er auch 2023 in Europa die Runde, auch mit Terminen in Bremen und Frankfurt. Dabei verknüpft der stilflexible Drummer verschiedene Stärken und Highlights seiner Karriere live.

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Do 20.07.2023 Bremen (Seebühne)
Sa 22.07.2023 Frankfurt (Jahrhunderthalle)
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